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Thomas Hitzlsperger: Fragerei nach Sexualität muss aufhören

Thomas HitzlspergerThomas HitzlspergerVor vier Monaten zog sich deutsche Fußball-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger aus dem öffentlichen Leben als Kickerprofi zurück. Nun wendet er sich noch einmal an die Öffentlichkeit. Der Münchener hat sich entschieden, mit einem in der Fußballwelt bislang tabuisierten Thema in die Offensive zu gehen: "Ich äußere mich zu meiner Homosexualität", sagt Hitzlsperger im Gespräch mit der Zeitung ZEIT, die heute erschienen ist.

Bewusste und freie Entscheidung
Ein Statement zu seinen coming-out hat der sympathische Ex-Spitzensportler auf seiner Webseite veröffentlicht. Er schreibt:

Ich habe im Verlauf eines langen Prozesses erkannt, dass ich homosexuell bin. Und ich habe jetzt die Entscheidung getroffen, mich öffentlich hierüber zu äußern. Es ist auch ein guter Zeitpunkt, denn meine aktive Sportlerkarriere ist abgeschlossen, und ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Ich vertrete schon seit Jahren die Auffassung, dass die distanzlose Fragerei nach meiner Sexualität und nach der anderer Fußballer vorbei sein muss. Sie zwingt Schwächere zur Lebenslüge. Allerdings, wenn Homosexualität ein Thema sein soll, dann möchte ich ein Wort mitreden zu dem, was gesagt, geschönt oder verdeckt wird. Ich stehe nicht unter Druck oder unter dem Zwang einer Outing-Kampagne. Im Gegenteil, ich habe mich ganz bewusst dafür entschieden, den Vorurteilen und Anfeindungen gegenüber Homosexuellen öffentlich entgegen zu treten. Ich habe mich für nichts zu schämen.

Abschluss einer Lebensphase
In den letzten Jahren wurde mir nach und nach klar, welche Neigungen ich hatte. Mir fehlten zunächst einfach die Worte - nicht einmal zu Hause und im Freundeskreis und schon gar nicht in der Mannschaft hätte ich darüber reden können. Nach mehreren Verletzungen haben mir Ärzte im Sommer 2013 zur Beendigung meiner Profikarriere geraten. Ich hatte danach viel Zeit, nachzudenken und mein Leben zu reflektieren. Dabei wurde mir klar, dass zu einem Neustart auch der offene Umgang mit meiner Sexualität gehört.

Zusammenhalt und Unterstützung
Meine Erkenntnis habe ich nicht von einem Tag zum andern erlangt - das war ein Prozess, der reifen musste. Erst vor etwa drei Jahren begann ich, mit meiner Familie und meinen Freunden darüber zu reden. Der Zusammenhalt und die Unterstützung waren und sind sehr groß. Das ist für mich ein großes Glück, und dafür bin ich sehr dankbar. Das zeigt mir, dass die Menschen, die mich kennen und schätzen, mich nicht über meine sexuelle Orientierung definieren, sondern in mir den Sportler und den Menschen Thomas Hitzlsperger sehen und mich so akzeptieren, wie ich bin.

Leistung und Leidenschaft
Der Fußball stand bei mir immer im Mittelpunkt. Ich habe das Leben eines Profispielers gelebt und mich voll und ganz mit dem Fußballsport identifiziert. Meine Leistung war mir immer das Wichtigste. Das Thema Homosexualität hat für mich so gut wie keine Rolle gespielt. Egal ob in Deutschland, England oder Italien - in der Kabine gibt es ganz andere Themen. Da steht die Mannschaft im Vordergrund. Profispieler haben andere Prioritäten. Es geht um Einsatzchancen, um Tribüne oder Platz, um Karriere und Fitness, Anforderung und Leistungen, Verletzungen und oft auch um Medienkritik. Was ein Spieler über Homosexualität dachte, war in der Kabine ganz selten ein Thema.

Realität statt Klischees und Vorurteile
Homosexualität wird im Fußball schlicht ignoriert. Für die Medien hingegen ist das schon seit Jahren ein Thema. Nur die betroffenen Spieler, die haben sich nicht getraut, sich zu ihren Neigungen zu äußern. Denn die Fußballszene begreift sich in Teilen immer noch als Machowelt. Das Bild eines schwulen Spielers wird von Klischees und Vorurteilen geprägt. Die Realität sieht anders aus. Da wurde ein grundsätzlicher Widerspruch aufgebaut. Und deswegen will sich kaum ein Profispieler dem Druck aussetzen. Jeder muss wissen, wann und wie er sich positioniert. In anderen Sportdisziplinen haben sich im vergangenen Jahr wieder einige Profisportler zu ihrer Homosexualität offenbart. Das ist ermutigend und führt hoffentlich dazu, dass irgendwann darüber nicht mehr geschrieben beziehungsweise gesprochen wird.

Keine Instrumentalisierung
Jeder Mensch sollte so leben dürfen, dass er wegen seiner Herkunft, Hautfarbe, sexuellen Neigung oder Religion keine Angst haben muss, diskriminiert zu werden. Das verstehe ich nicht als politisches Statement, sondern als Selbstverständlichkeit. Mein Bekenntnis steht in keinem Zusammenhang zur Fußball-Weltmeisterschaft, bei der ich auch gar nicht dabei sein werde. Aber ich wünsche mir, dass die öffentliche Diskussion jetzt wieder ein Stück weiterkommt. Unsere Gesellschaft ist offener und toleranter als viele glauben. Die sexuelle Orientierung darf nicht mehr skandalisiert werden. Auch der DFB hat deswegen im vergangenen Jahr eine Broschüre zum Thema "Fußball und Homosexualität" veröffentlicht und damit unmissverständliche Zeichen gesetzt.

Einen neuen Weg gehen
Ich hoffe, dass ich mit diesem Schritt in die Öffentlichkeit jungen Spielern und Profisportlern Mut machen kann. Profisport und Homosexualität schließen sich nicht aus, davon bin ich überzeugt. Ich werde demnächst beruflich neue Wege gehen und mich neuen Aufgaben stellen. Meine Familie, Freunde, Kollegen und Fans und die Erinnerung an diese Momente werde ich nicht vergessen. (Quelle: Thomas Hitzlsperger)

Pressefoto

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