Das Baltikum-Blatt

Russland

Russland: Wallenbergs Familie will Zugang zu Moskauer Archivdokumenten

Veröffentlicht: 02. August 2017

Raoul WallenbergRaoul WallenbergDie Nachkommen von Raoul Wallenberg (geboren am 4. August 1912), der während der Naziokkupation in Ungarn tausenden Juden das Leben rettete, haben bei einem Gericht in Moskau auf Zugang zu Archivmaterialien des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB (ehemals KGB und NKWD) geklagt. Sie fordern einen „Zugang zu den den schwedischen Diplomaten betreffenden Originaldokumenten“.

Rückblick: Ende April 1944 begann die Ghettoisierung und Deportation von über 400.000 Juden aus der ungarischen Provinz, organisiert durch das Sondereinsatzkommando Adolf Eichmann mit freiwilligen lokalen Hilfskräften. Die Geschehnisse ließen Wallenberg nicht kalt. Durch den Einfluss seiner Familie, einer der reichsten Schwedens, war es ihm möglich, am 9. Juli 1944 als erster Sekretär der schwedischen diplomatischen Vertretung nach Budapest zurückzukehren, um mit Unterstützung der schwedischen Regierung und US-Behörden Maßnahmen zur Rettung von Juden zu koordinieren. In Stockholm wurde ihm eine Liste mit rund 800 Personen mit Beziehungen zu Schweden mitgegeben, deren Aufnahme das skandinavisches Land garantierte.

Rettung durch Schutzpässe

Wallenberg rettete die Menschen vor allem durch die Ausstellung sogenannter Schutzpässe. Obwohl völkerrechtlich nicht bindend, wurden die Dokumente sowohl von den ungarischen als den deutschen Behörden anerkannt. Gelegentlich wurde auch mit Bestechung nachgeholfen.

Der Schwede organisierte gemeinsam mit seinem Schweizer Kollegen Carl Lutz zudem die Unterbringung seiner Schützlinge in über 30 Schutzhäusern, der er teils selbst gekauft hatte.

Rund 80.000 Juden, die auf Befehl des damaligen ungarischen Premierministers Ferenc Szálasi im November 1944 in dem in Budapest errichteten Ghetto zusammengedrängt waren, konnte Wallenberg wiederum durch Lebensmittellieferungen helfen.

Eichmann drohte, den „Judenhund Wallenberg“ erschießen zu lassen. Die Drohungen zeigten jedoch nur die Hilflosigkeit des SS-Obersturmbannführers, denn er war dazu weder in der Lage noch autorisiert, um solche Maßnahmen durchzuführen.

Als Eichmann im November 1944 wegen mangelnder Transportmöglichkeiten die jüdischen Gefangenen auf Todesmärschen zu Fuß und ohne Nahrung zur österreichischen Grenze treiben ließ, verteilte Wallenberg auf der Marschroute Lebensmittel und suchte nach Inhabern schwedischer Schutzpässe. Durch sein selbstbewusstes Auftreten bewirkte er den Eindruck, dass rund 200 Personen in der Tat die lebensrettenden Dokumente haben, und konnte sie nach Budapest zurückbringen. Unter den Geretteten war auch die Mutter des späteren israelischen Politikers Josef Lapid.

Vor dem Einmarsch der Roten Armee in Budapest Mitte Januar 1945 ermordete Mitglieder der faschistischen und antisemitischen Partei Pfeilkreuzler (Hungaristen) auf grausame Weise rund 15.000 Ghettobewohner. Sie schleppten die Juden an die Donau, wo sie sich vor ihrer Erschießung entkleiden mussten. Auch hier gelang es Wallenberg, viele Menschen mit seinem selbstsicheren Auftreten und der Unterstützung durch die ungarische Polizei zu retten.

Kurz vor der Befreiung des Ghettos war dessen Vernichtung geplant, die schließlich verhindert wurde, da Wallenberg dem Wehrmachtsgeneral Gerhard Schmidhuber gedroht habe, ihn andernfalls als Kriegsverbrecher vor Gericht zu zitieren.

Zuletzt im Januar 1945 gesehen worden

Raoul Wallenburg wurde zum letzten Mal am 12. Januar 1945 gesehen, als er sich mit seinen Helfern zum Abendessen traf. Er hatte vor, sich auch nach der Eroberung Ungarns durch die Armee des roten Diktators Jossif Stalin weiterhin für seine Schützlinge einzusetzen, weshalb er den sowjetischen Kommandanten treffen wollte. Auf dem Weg nach Debrecen wurde der Diplomat jedoch nach Moskau verschleppt. Ein Spion der Staatssicherheit (damals NKWD) in der schwedischen Gesandtschaft in Budapest, der russische Emigrant Michail Tolstoi, hatte behauptet, Wallenberg sei ein amerikanischer Spion. Während der stalinistischen Ära bedeutete dies ein Todesurteil. Wallenbergs Halbbruder, der über gute Kontakte zu sowjetischen Diplomaten in Stockholm während des Krieges verfügte, scheiterte beim Versuch, sich für Raoul einzusetzen – die Botschafterin Alexandra Kollontai hatte eine guten Draht zum Kremlchef und war nach Moskau zurückberufen worden.


Russland leugnet Ermordung Wallenbergs

Die Haftbefehl gegen Wallenberg wurde erst 1993 der Öffentlichkeit bekannt. Auf Befehl des damaligen Vize-Verteidigungsministers Nikolai Bulganin vom 17. Januar 1945 wurde der Schwede zusammen mit seinem Chauffeur in das berüchtigte Moskauer Staatssicherheitsgefängnis Lubjanka gebracht. Später wurde er laut Zeugenaussagen in das Lefortowo-Gefängnis verlegt. Dort verlieren sich die Spuren des mutigen Retters.

Lange Zeit leugneten die Sowjets, dass Wallenberg sich überhaupt in der Sowjetunion befunden hatte. 1957 behauptete der Kreml unter internationalem Druck, der Diplomat sei am 17. Juli 1947 in seiner Zelle in Lubjanka tot aufgefunden worden, vermutlich erlag er einem Herzanfall. Wenn Wallenberg tatsächlich damals starb, warum wurde dies dann nicht gleich bekanntgegeben? Russland hält weiterhin an diesem Todestag fest, ohne Beweise dazu geliefert zu haben.

Einer schwedischen Ärztin wurde 1961 von ihrem sowjetischen Kollegen Mjasnikow berichtet, Wallenberg befinde sich in einer psychiatrischen Klinik. Später zog der Russe seine Aussage zurück. Als vier Jahre später Carl Gustaf Svingel einen in Schweden inhaftierten sowjetischen Spion gegen Wallenberg auszutauschen versuchte, haben die Sowjets bestätigt, dass der Retter von Budapest lebt. Letztendlich kam der Agentenaustausch nicht zustande. Die schwedische Regierung wurde dafür heftig kritisiert.

Schicksal Wallenbergs nur mit Archivdokumenten belegbar

1989 übergaben die Russen Wallenbergs Angehörigen seine Kleidung, sein Geld, sein Tagebuch und seinen Pass. Im Januar 2001 erklärte Schweden, der Tod des Diplomaten sei keinesfalls erwiesen. 2010 waren neue Dokumente aufgetaucht, die ein Überleben Wallenbergs über das Jahr 1947 hinaus als „Gefangener Nr. 7“ möglich erscheinen lassen.

Der ehemalige General der Staatssicherheit, Pawel Sudoplatow, widmete dem Fall Wallenberg in seiner 1994 erschienenen Autobiographie ein Kapitel. Darin behauptet er, dass die Wallenbergs trotz der Neutralität Schwedens wichtige Rüstungsgeschäfte mit der Sowjetunion unterhalten haben. Seit Anfang 1944 hatte die Familie angeblich noch durch geheime Kontakte zu Vertretern der Sowjetregierung zu dem von ihr angestrebten Separatfriedensvertrag mit Finnland vom 19. September 1944 beigetragen. Durch die von Bulganin angeordnete Entführung Raoul Wallenbergs aus Budapest im Januar 1945 habe Stalin angeblich seine Familie erpressen wollen, um sich deren internationale Verbindungen bei der Beschaffung von Auslandskapital für den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg zunutze zu machen. Da der Schwede zur einer Zusammenarbeit offensichtlich nicht bereit war, habe man ihn durch eine Giftspritze in einem Gefängnistrakt der Lubjanka und ohne Obduktion verbrannt.

Oper „Wallenberg“ von Tüür

Der estnische Tonsetzer Erkki-Sven Tüür hat eine Oper „Wallenberg“ komponiert, deren Uraufführung am 5. Mai 2001 an der Dortmunder Oper stattfand. Das Stück, dessen Libretto Lutz Hübner geschrieben hat, basiert vor allem auf Dialoge zwischen Raoul Wallenberg und seinen Gegenspieler Adolf Eichmann. Die Oper beschreibt im ersten Teil die Tätigkeit des Diplomaten in Budapest und konfrontiert ihn in einer erfundenen Treffen mit Nazi. Der zweite Teil schildert die Zeit nach Wallenbergs Verhaftung in Russland, die grausamen Verhöre und schließlich, wie sein Name zum Mythos wird: Der Held Wallenberg spaltet sich ab von dem realen Menschen. (asie/tmich/Wikipedia)

Foto: Autor unbekannt / Wikipedia