Das Baltikum-Blatt

Russland

Russland: US-Schauspieler Steven Seagal als Waffenlobbyist in der Rolle seines Lebens

Veröffentlicht: 27. November 2016

Russischer Präsident Wladimir Putin und US-Schauspieler Steven SeagalRussischer Präsident Wladimir Putin und US-Schauspieler Steven SeagalVon Aino Siebert

Durch die Geschichte ist bekannt, dass es viele Menschen gibt, die Diktatoren verehren und sich deshalb zu den Zwecken der Despoten instrumentalisieren lassen. Ohne solche Anbeter in der Rolle der willigen Helfer wäre unter anderem die Machtergreifung eines unbedeutenden österreichischen Malers namens Adolf Hitler zum Reichskanzler von Nazi-Deutschland unmöglich gewesen, auch hätten die blutigen „Säuberungen“ des roten Diktators Jossif Stalin in der Sowjetunion nicht durchgeführt werden können. Der Kremlchef Wladimir Putin regiert sein Riesenreich ebenso mit einer harten Hand. Seine Langzeitmacht verdankt er neben der Loyalität der Staatssicherheit auch den treuen Fans, die durch seine autokratische Herrschaft an die Macht gekommen und reich geworden sind.

Doch im Fall des US-amerikanischen Actionheld Steven Seagal („Alarmstufe: Rot“, „Hard to kill“) waren neben der offensichtlich aufrichtigen Bewunderung Putins noch andere Gründe im Spiel, als er die russische Staatsbürgerschaft beantragte. Wie die Fotos zeigen, hat der 64-Jährige seine besseren Zeiten in Hollywood hinter sich gelassen und sucht nun neue Bühnen, wo er sein Ego befriedigen und Geld verdienen kann. Erst im Januar war dem Muskelmann die serbische Staatsbürgerschaft verliehen worden. Freilich ist die Belgrader Kulisse nicht so attraktiv wie die des Kreml. Nach dem Vorbild seines französischen Kollegen Gerard Dépardieu beantragte auch nun dessen früh gealterter Schauspielkollege die russische Staatsbürgerschaft. Dépardieu, ein Steuerflüchtling, der neben der Schauspielkunst seinen Unterhalt auch als Winzer verdient und dabei oft zu tief ins Glas schaut, wird im Gegensatz zu dem Amerikaner als herausragender Charakterschauspieler wahrgenommen. Seagals Darstellerküste beschränken sich auf das Niveau „Waffe ziehen und Muskeln zeigen“. Seinen neuen Pass mit dem russischem Doppeladler hat er am 25. November von Putin persönlich überreicht bekommen – siehe das Gespräch am Schluss dieses Berichtes. Eine Staatsbürgerschaft bedeutet jedoch die Loyalität zu dem Staat, dessen Zugehörigkeit jemand erwirbt. Es ist nicht bekannt, ob Seagal seinen US-Pass abgeben musste.

Dem russischen Herrscher zufolge soll die Seagal verliehene Staatsangehörigkeit als Symbol hin zu „einer schrittweisen Normalisierung der Beziehungen zwischen Russland und den USA dienen“. Was für Worte aus dem Mund eines ehemaligen sowjetischen Staatssicherheitsoffizieres, der schon von Kindesbeinen an gelernt hat, die USA als Erzfeind Nummer eins der Sowjetunion bzw. Russlands zu betrachten! Der amtierende, früh in die Geheimdienstwelt sozialisierte Kremlchef weiß natürlich auch, wie sich „Spinner“ oder „Missglückte“ für seine eigenen Zwecke fangen lassen. Das zeigt auch die Vorgeschichte Seagals, dessen Liebesbeziehung zu Russland schon im März 2013 begann, als der stellvertretende Ministerpräsident Dmitri Rogosin den 1,93 Meter großen Amerikaner als Lobbyisten für die russische Waffenindustrie gewinnen konnte.

Der Kampfsportler sollte helfen, sicher nicht ohne reichliche Entlohnung, die US-Sanktionen gegen die russischen Kleinwaffenhersteller aufzuheben. Einige Monate später führte Seagal eine Delegation der Republikanischen Partei der USA, die unter der Leitung von Dana Rohrabacher angereist war, durch die nordossetische Stadt Beslan, wo 2004 eine Geiselnahme durch nordkaukasische Terroristen stattgefunden hatte. Die Entführung endete nach drei Tagen in einer Tragödie – bei der Erstürmung des Gebäudes durch russische Einsatzkräfte starben nach offiziellen Angaben 331 Menschen. Der Schauspieler mit suspektem Ruf wollte die Republikaner zudem dem Präsidenten der russischen Teilrepublik Tschetschenien und Putin-Anhänger Ramsan Kadyrow vorstellen, doch dieses Treffen war dem amerikanischen Abgeordneten offensichtlich dann doch zu diffizil, denn diesen Politikern der Kreml-Partei Einiges Russland werden grobe Menschenrechtsverstöße zur Last gelegt.

Seagals Flirt mit Moskau ging auch dann weiter, nachdem Putin die zur Ukraine gehörende Schwarzmeer-Halbinsel Krim 2014 annektieren ließ und sich aktiv militärisch am Konflikt in der Ostukraine beteiligte. Am 9. August 2014 gab der Waffenlobbyist mit einer Bluesband in Sewastopol auf der nun von Russland besetzten Krim ein Konzert. Denn Putin sei ihm zufolge „ein der bedeutendsten lebenden Staatenlenker der Welt“.

Ein bunter Vogel

Steven Seagal wurde in Michigan als Sohn einer irischstämmigen Mutter und eines jüdischen Vaters geboren. Laut Eigenaussage stammen seine Großeltern aus Wladiwostok und St. Petersburg in Russland. Inzwischen ist der Schauspieler und mehrfache Vater zum vierten Mal verheiratet, zur Zeit mit der Mongolin Erdenetuya Batsuh. Er ist Vegetarier, Anhänger des Tibetischen Buddhismus und ein geweihter Priester der Ōmoto, der fließend Japanisch spricht.

In den meisten seiner Filme benutzt er eine Selbstladepistole der Marke Colt M1911 des Kalibers 45, genannt „Colt Government“. Von diesem Modell hat der Waffennarr privat mehrere Exemplare in seiner Sammlung. Sie wurde im Auftrag der Firma Colt von John Moses Browning (1855–1926) auf der Basis des von ihm entwickelten Browning-Systems zur Serienreife gebracht. Seit 1911 ist sie die Ordonnanzpistole (die als persönlicher Ausrüstungsgegenstand ausgegebene Waffe) der US-Streitkräfte. Es ist nicht überliefert, ob Seagal nun als russischer Waffenlobbyist und Staatsbürger seinen Colt gegen eine Pistole „Made in Russia“ austauscht.

Die Wochenzeitung Die Welt spekuliert, dass die Staatsangehörigkeitsnachricht im Zusammenhang mit dem Videospiel „World of Warships“ steht. Die Fans können dort Seagal in einem Event als Kapitän freischalten. Das lässt die Kasse wieder klingeln! Um sein virtuelles Abbild zu bekommen, müssen Spieler bis 14. Dezember immerhin 70.000 Erfahrungspunkte sammeln. Putin kann schon jetzt mit dem neuen Staatsbürger seines Reiches spielen.

Auch Weißrusslands Herrscher Aljaksandr Lukaschenka bewundert den frischgebackenen Staatsbürger Russlands. Als Seagal sein Videospiel im Sommer in Minsk vorstellte, bekam er eine Einladung, den Weissrussen auf dessen Landsitz zu besuchen. Hier hatte Lukaschenka bereits Seagals französischen Schauspielkollegen Dépardieu das Mähen mit der Sense gelehrt, für das Muskelpaket Seagal war der Despot sich nicht zu schade, selbst eine Möhre zu schälen. Dazu bekam Seagal noch zwei Wassermelonen.

In guter Gesellschaft mit Seagal und Dépardieu ist noch der US-Boxer Roy Jones Junior, der ebenfalls ein glücklicher Russe ist. Der deutsche Film-Bösewicht Claude-Oliver Rudolph (59) hat zwar keine russische Staatsangehörigkeit beantragt, doch er ließ sich im April zum „kulturpolitischen Ressortleiter“ für den Moskauer Propagandasender Russia Today (RT Deutsch) ernennen.

Große beiderseitige Freude

Der Kreml veröffentlichte auf dem Englischsprachigen Internetpräsenz des Kremlchef das Gespräch zwischen Putin und Seagal bei der Verleihung der russischen Staatsangehörigkeit in Moskau:

Putin: Ich freue mich sehr, Sie [hier] zu sehen! Ich weiß, das Sie ein Staatsbürger der Russischen Föderation werden wollten. Darüber sprachen wir schon vor längerer Zeit, und von Anfang an sagten wir, wenn dies geschieht, wird und sollte es absolut auf unpolitischen Ebene bleiben. Sie haben viele Freunde in diesem Land, und Sie haben auch berufliche Pläne. Naturgemäß werden die russische Staatsbürgerschaft und ein russischer Pass es Ihnen leichter machen, Ihre Freunde zu sehen und Ihre Pläne umzusetzen.

Zunächst möchte ich Ihnen aus diesem Anlass gratulieren und meine Hoffnung zum Ausdruck bringen, dass dies ein weiteres Zeichen, wenngleich ein kleines, sein möge, um unsere zwischenstaatlichen Beziehungen zu normalisieren.

Seagal (auf russisch): Spasibo bolschoye (Herzlichen Dank)!

Putin: Wie steht es um Ihre beruflichen Pläne? Läuft Alles, wie es soll?

Seagal: Alles im grünen Bereich. Über die Welt reden wir später, zunächst fühle ich mich sehr geehrt, hier sein zu dürfen, und ich freue mich sehr, Sie wieder zu sehen.

Putin: Herzlichen Dank. Es war auch mir sehr angenehm. Ich schätze alle Ihre Andenken und Geschenke und hoffe, dass wir unsere persönliche Beziehung pflegen und erhalten werden.

Seagal: [Wir dürfen] nie verzagen, niemals.

Mitarbeit: Thomas Michael