Ad-Test
Google+
Diese Website selbst verwendet Cookies nur zur Funktionaltät. Die Cookies der
Werbepartner können werberelevante Informationen sammeln und weiterleiten.


Oleg Senzow in Russland verurteilt: Wie eine öffentliche Exekution

 

Senzow und KoltschenkoSenzow und KoltschenkoMit ihrem Urteil gegen den ukrainischen Filmregisseur Oleg (Oleh) Senzow (39) zeigt die Justiz des heutigen Russlands, dass sie weiter mit stalinistischer Grausamkeit handelt. Präsident Wladimir Putin will, wie einst sein Vorgänger Jossif Stalin, mit aller Härte und Willkür der politischen Schauprozesse seine Gegner ausschalten.

Am 25. August wurde Senzow (Film „Gamer“) in südrussischen Stadt Rostow am Don vor einem Militärgericht unter der Vorsitz Richterin Jelena Kanewa wegen Terrorismus zu 20 Jahren Lagerhaft verurteilt. Der mitangeklagte, Menschenrechtsaktivist-Ökologe Alexander (Oleksandr) Koltschenko, ebenso ein Ukrainer, muss zehn Jahren im Straflager verbringen. Er war am 16. Mai 2014 im Zentrum von Simferopol verhaftet worden, als er mit Freunden in der Metropole unterwegs war. Beide Verhafteten sollen ein Büro einer pro-russischen Partei in Brand gesetzt haben. Außerdem sollen sie geplant haben, eine Lenin-Statue in die Luft zu sprengen. Der Vorwurf, Senzow sei Mitglied des in Russland verbotenen rechtsradikalen Gruppierung "Rechten Sektors", wurde zwar später fallen gelassen – allerdings habe sich Senzow dessen Ideologie zu eigen gemacht, meinte die Staatsanwaltschaft. Laut Amnesty International las sich die Anklageschrift wie ein Geheimdienst-Roman, den sich jemand ausgedacht hat, um den russischen Propagandakrieg gegen die Ukraine anzuheizen.“ Die russische Justiz hatte schon damals, als der berüchtigte Generalstaatsanwalt Andrei Wyschinski im Dienste Stalins war, gezeigt, dass beim Produzieren von Scheinbeschuldigungen die Phantasie keine Grenzen gesezt waren. In enger Absprache mit roten Diktator entwarf Wyschinski die Drehbücher für die Schauprozesse, wobei die Angeklagten meist durch schwere Folter zu ihren Aussagen gebracht wurden. Bei seinen Auftritten schrie er die Beschuldigten brutal an und verwendete ordinäre Schimpfwörter für sie. Als Leiter des Rechtsinstituts der Akademie der Wissenschaften der UdSSR (von 1937 bis 1941) vertrat er den Grundsatz, dass alles Recht Ausdruck des Willens der herrschenden Klasse sei. In seinen Augen reichten die Geständnisse der Angeklagten aus, um ihre Schuld zu dokumentieren, sie seien die wichtigsten Beweismittel.

Der russische Ermittlungsbehörde hatte es abgelehnt, ein Strafverfahren gegen Senzows Peiniger – er wurde in der Untersuchungshaft gefoltert - einzuleiten. Laut einen Erklärung des FSB habe sich der Regisseur die Verletzungen durch “Vorrichtungen einer sadomasochistischen Natur” selbst beigebracht.

Bei drei Zeugen, die gegen Senzow und Koltschenko ausgesagt haben, gibt es gute Gründe anzunehmen, dass zwei von ihnen, Alexei Tschirny und Rechtsanwalt Hennadyj Afanasiew im Gefängnis der Folter ausgesetzt waren. Der letztere verbüßt, wie auch Tschirny eine siebenjährige Haftstrafe. Zur Überraschung aller widerrief der Jurist seine Zeugenaussage, die er unter Zwang abgegeben habe. Tschirny verweigerte vor Gericht die Aussage, verwies jedoch auf seine frühere Aussage. Wegen seiner couragierten Tat muss Afanasiew nun um seine Sicherheit bangen. Die beide Zeugen waren gegen die russischen Okkupation der Krim, sie wurden im Mai 2014 festgenommen.

Der letzte Zeuge vor Gericht war ein Angehöriger der Sicherheitsdienste. Er hatte im Rahmen eines Undercovereinsatzes Tschirny mit einer Bombenattrappe versorgt, was letztlich zu der Ergreifung der Menschenrechtsaktivisten geführt hat.

„Die größte Sünde ist die Feigheit“

Senzow erkannte das Gericht nicht an und zitierte den Justiz die Worte des großen russischen Satirikers Michail Bulgakow: "Die größte Sünde auf der Welt ist die Feigheit. Das hat Bulgakow in seinem Roman „Der Meister und Margarita“ geschrieben. Und ich stimme ihm zu. Die Feigheit ist die größte Sünde, die Hauptsünde auf der Welt."

Bulgakow wurde 1891 in der ukrainischen Hauptstadt geboren als die Ukraine noch zum Russischen Zarenreich gehörte. Sein bekannteste Werk, „Der Meister und Margarita“ ist eine satirisch-groteske Aufnahme des Faustmotivs. Einige Kritiker halten das Werk für den besten russischen Roman des 20. Jahrhunderts. 1966 war das Buch von der Zensur stark gekürzt worden, doch die erste 150.000 Exemplare waren binnen weniger Stunden ausverkauft. Viele Russen konnten die Zitate auswendig. Die von der Zensur heraus gekürzten Teile wurden von Menschen mühsam vervielfältigt und heimlich verbreitet.Senzow und Koltschenko

Der Filmemacher brachte vor dem Gericht noch vor: "Wir hatten (in der Ukraine - asie) eine kriminelle Führung. Aber wir haben auf dem Maidan dagegen gekämpft. Ich wünsche dem russischen Volk, dass es lernt, keine Angst mehr zu haben."

In ihrem Schlussplädoyer fand die Verteidigerin von Senzow, Swetlana Sidorkina mutige Worte: "Die Männer auf der Anklagebank sind Opfer der russisch-ukrainischen Beziehungen. Dieser Verhandlung hat politischen Charakter. Wenn die Richter dem Antrag des verehrten Staatsanwaltes folgen, wird dieser Prozess als Schandfleck in die Geschichte der russischen Justiz eingehen."

Beide Ukrainer standen Arm in Arm und sangen nach dem Verkündung des Urteils die ukrainische Nationalhymne, einschließlich der Zeilen „Leib und Seele geben wir für unsere Freiheit“ «Ще не вмерла» вместо ответа судье“.

Aus Kiew in die Heimat zurückgeeilt

Als Russland die Halbinsel Krim im Frühjahr 2014 annektierte, kehrte Senzow in seine Heimatstadt Simferopol zurück, um ukrainische Soldaten mit Lebensmitteln zu versorgen. Er war kurz danach, im Mitte Mai in seinem Haus vom russischen Geheimdienst FSB verhaftet und nach Moskau verschleppt worden. Seine Untersuchungshaft verbrachte der Ukrainer im berüchtigten Lefortowo Gefängnis. Der Filmemacher, der im Zeitpunkt seiner Festnahme mit der deutschen Produktionsfirma Mediopolis einen Spielfilm vorbereitete, gehört zu den aktiven Protestteilnehmer auf dem Maidan in Kiew und hat sich öffentlich gegen den Anschluss der Krim an Russland gewandt.

Der Vorstand der Europäischen Filmakademie hat in einer Erklärung vom 19. Mai 2014 die Freilassung des inhaftierten Kollegen gefordert. Ebenso die Geschäftsführerin der Medienboards Berlin Brandenburg, Kirsten Niehuus. Senzows in Berlin in lebender Kollege Sergei Lozniza („Mein Glück“) erklärte laut Tageszeitung „Tagesspiegel“ die Verhaftung lakonisch und pragmatisch so: „Oleg hat aktiv an den Protesten teilgenommen, nur deshalb wird er jetzt verfolgt.“

Die grausame Verurteilung von Senzow und Koltschenko zeigt wiedermal, dass Diktator Putin Angst vor mitdenkenden, charismatischen und begabten Menschen hat, denn sie gewährden mit ihrem Kritik seine Machtansprüche. (asie)

Foto: Screenshoot Otrytaja Rossija

 

Folgen Sie uns auch auf Facebook und Twitter ,um immer auf dem Laufenden über Nachrichten aus aller Welt zu bleiben.