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Estland: Mit dem Gesicht zum Meer

Stockfische - SymbolbildDer estnische Meereshistoriker Bruno Pao ist der Meinung, dass es eine richtige Entscheidung war, auf der Ostsee-Insel Saaremaa (deutsch: Ösel) ein Küstenkulturjahr auszurufen: „Wir hier vertreten die Kultur rund um das Meer noch traditionell“, berichtet die lokale Zeitung Saarte Hääl (Stimme der Inseln).

Pao bemerkt, das Meer sei groß und mächtig. Es rufe in den Menschen eine stolze Ehrfurcht zur Natur hervor und ändere nicht nur ihr kulturbedingtes Handeln, sondern auch ihre Sinnrichtung. Die mit dem Meer verbundenen Personen charakterisieren Küstendenken und Küstenkultur.

Für das Volk, mit dem Gewässern umgeben, ist eine Verbindung zum Meer existentiell, so der Historiker weiter. Die Menschen an der Küste können gar nicht anders, sie müssen in See stechen, egal ob zum Fischen oder um einen Seemannsberuf auszuüben. Die Strandbewohner essen mehr Fisch, sie sind kräftiger und vitaler als die Personen, die sich nur vom Brot ernährt haben, meint Pao. Er bringt vor, dass fast 40 Fischerküsten um die Inseln Saaremaa und Muhu (deutsch: Mohn) die Eilandbewohner ernährt haben. Die Inselbewohner waren schon immer eng mit Küstenkultur, Schiffbau und Seefahrt verbunden. Zur Küstenkultur gehörte auf Saaremaa auch die Marineausbildung. Bis 1945 konnten junge Männer sich an der Seefahrtschule in der Inselhauptstadt Kuressaare (deutsch: Arensburg) ausbilden lassen.

Unter der sowjetischen Okkupation hat die Küstenkultur gelitten

Doch sei, so der Historiker, ein Teil der estnischen Küstenkultur 1944 verloren gegangen. Damals, als die Rote Armee im Begriff war, Estland zum wiederholten Mal zu okkupieren, sind viele Inselbewohner über die Ostsee nach Schweden geflüchtet. Als die Annektion durch die Sowjetunion vollzogen war, wurde die Meeresgrenze der 1918 ausgerufenen Republik Estland zur Staatsgrenze der UdSSR. Konkret bedeutete dieser Schritt, dass nun aus Moskau bestimmt wurde, wie die Menschen an der estnischen Küstenregionen zu leben hatten. Die Kommunisten lebten in der ständigen Angst, dass von ihnen mit Zwangsmaßnahmen eingebürgerten neue ihre sowjetische Staatsbürger aus dem roten Großgefängnis über das Meer in den Westen fliehen. So konnten Generationen des Küstenvolkes während der sowjetischen Besatzung (1940-1941 und 1944-1991) nicht mehr zur See fahren.

Grenzschutztruppen, die dem berüchtigten politischen Polizeidienst KGB (dem sowjetischen In- und Auslandsgeheimdienst) unterstellt waren, beobachteten aufmerksam, dass kein Mensch in die Nähe der Strände kam. Die estnischen Inseln und Küstenregionen waren „geschlossene Areale“, die man nur mit einer Sondergenehmigung betreten durfte. Wer damals unter anderem auf den Inseln Saaremaa, Muhu, Hiiumaa (deutsch: Dagö) oder Vormsi (deutsch: Worms) Angehörige, Freunde oder Bekannte besuchen wollte, brauchte eine offizielle Legitimierung des KGB.

Obwohl Estland 1991 seine Souveränität wiederherstellen konnte und der Weg zum Meer wieder freigekämpft war, hat die Küstenkultur während der sowjetischen Besetzungszeit stark gelitten – Viele hatten das Meeresgefühl verloren. Die Inselbewohner, darunter Fischer, hatten ihre Dörfer verlassen, sie suchten eine Arbeitsstelle auf dem Festland. Die heutige Küstenkultur auf den Inseln ist vor allem mit dem Fremdenverkehr verbunden. Doch Touristen kommen nur im Sommer. Wie es den Menschen in den Küstenregionen im Winter geht, interessiert die Offiziellen in Tallinn nicht.

Pao bedauert zudem, dass die estnischen Seefahrer nach Beendigung der Seemannsschule heute auf ausländischen Handelsschiffen arbeiten, da Estland keine eigene Handelsflotte mehr hat. Er freut sich aber, dass die Schiffsbaukultur geblieben ist und die Menschen weiterhin auf der Insel Saaremaa gebaute Boote, Kutter oder Segelboote erwerben.

Gesellschaft der Küstenkultur

Vor 21 Jahren wurde eine Gesellschaft für die Erhaltung der Küstenkultur gegründet. Die Gruppe organisiert sowohl Ausstellungen als auch andere Veranstaltungen. Auch die Idee für die Meerestage von Kuressaare kam 1996 vom Verein. Das Meeresfest bringt Anfang August tausende Menschen auf der Insel zusammen. Das Thema der diesjährigen Veranstaltung wird die Wasserverbindung zwischen Saaremaa und der schwedischen Ostsee-Insel Gotland sein.

Englischsprachige Informationen über die Veranstaltungen finden Sie hier.

Foto: © Das Baltikum-Blatt / AWSiebert

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