Das Baltikum-Blatt

Panorama

Eurovision Song Contest in Wien: Europa braucht Helden

Veröffentlicht: 24. Mai 2015

 

Måns ZelmerlöwMåns ZelmerlöwVon Aino Siebert

Seit heute Nacht steht es fest – Schweden hat das große Finale des 60. Eurovision Song Contest (ESC) Wettbewerb im Wiener Stadthalle deutlich mit 365 Punkten gewonnen. Mit dem Titel „Heroes“ („Helden“) - gemeinsam komponiert mit Linnea Deb, Joy Deb und Anton Malmberg Hård af Segerstad - hat das sympathische Naturtalent Måns Zelmerlöw im Sturm die europäischen Herzen erobert. Damit siegte das skandinavische Land zum sechsten Mal bei dem ESC, den es seit 1956 gibt. Mit dem Sieg ist kein Geld, sondern eine Trophäe verknüpft, dazu noch die ESC-Ausrichtung im Folgejahr.

Wie der 28-Jährige in einem Interview verraten hat, kann jeder ein Held, ein Vorbild sein. In seinem starken Auftritt, gepaart mit raffinierten Lichtshow geht es um Schwächen, die jeder aus eigenen Kraft überwinden kann. Zelmerlöw erzählt, wie es ihm als Jugendlichen schwer fiel Freunde zu finden, in der Klasse wurde er ständig von den Kameraden gemobbt. Bis ein neues Kind kam und ihn gestärkt hatte. „Das Lied ist eine Hommage an ihn,“ sagt der Schwede. Europa braucht zur Zeit Helden, vor allem gegen den blutigen Krieg in der Ukraine und Unterdrückung der Minderheiten.

Lady Gagarina im Gefühlschaos

Die 28-jährige Polina Gagarina kann sich auf ihren beachtlichen zweiten Platz in Wien vor allem Dank ihrer wilden slawischen Schönheit und dem üppig offenen Dekolleté ihrer glamourösen Abendrobe freuen. Die Schwächen ihres monotonen Liedes „A Million Voices“ („Eine Million Stimmen“) konnte die Russin, die Großteil ihrer Jungend in Griechenland verbrachte, genau so wie auch der ESC-Gewinner aus Schweden, mit einer durchdachten Lichtshow camouflieren.

Gagarina musste bei der Punktevergabe eine Achterbahn der Gefühle durchstehen – neben dem Jubel waren auch deutliche Buhrufe zu hören – nicht gegen die Sängerin persönlich, sondern aus dem Protest gegen die aggressive Politik des Kremls in der Ukraine und gegen eigene Dissidenten und sexuelle Minderheiten.

Natürlich ist ein Lied-Wettbewerb keine politische Veranstaltung, auch dann nicht, wenn ein Friedenslied in der Kriegszeiten deutlich eine politischen Botschaft „Wir-sind-eine-Welt“ ("Wenn du unsere Stimmen rufen hörst, wirst du nicht mehr einsam sein") beinhaltet und vom staatlichen russischen Sender Erster Kanal (der sogenannte Putin-Kanal) entdeckt wurde. Dementsprechend haben die Moderatorinnen Alice Tumler, Mirjam Weichselbraun und Arabella Kiesbauer und ESC-Sieger vom letzten Jahr, Conchita Wurst zurecht die russische Teilnehmerin gegen die Buhrufe aus dem Publikum in Schutz genommen und auf eine faire Konkurrenz plädiert. Das Motto der Veranstaltung lautete schließlich"Building Bridges" („Brücken bauen“). Die Brücken zu Russland wurden von der 40 Teilnehmerländer auch reichlich gebaut, die zierliche russische Sängerin bekam aus vielen westlichen Staaten volle Pluspunkte, sogar aus Estland, Lettland, Litauen und Finnland, die bekanntlich unter der Putin-Politik sehr zu leiden haben.

Man kann natürlich auch spekulieren, ob die Russin auf Platz zwei nur deswegen landete, weil sich viele ESC-Fans vor dem Gedanken graulten, nächstes Jahr nach Moskau reisen zu müssen: Zu feindlich und zu homophob ist das Riesenreich von Wladimir Putin geworden. Dementsprechend bekommen die (politische) Abneigung auch andere russische Künstler zum spüren, vor allem weil bekannt ist, dass einige von ihnen Putin als politische Propagandainstrumente dienen.

Es ist nicht überliefert, wie die russischen Politiker die von Wien nach Russland ausgestrahlten Bilder kommentierten, wo die mit den Tränen kämpfende Gagarina berührend und fast zärtlich von Conchita befragt und getröstet wird. Gemessen an den Richtlinien Putins handelte es sich hier eindeutig um Homopropaganda, die in Russland vom Kremlchef höchstpersönlich unter der Strafe gestellt worden ist. Doch wie das estnische Nachrichtenportal Delfi die finnische Boulevardzeitung Iltalehti zitiert, ist durchaus möglich, dass die Dragqueen in Russland gar nicht gezeigt worden ist. Sollte die Meldung sich bewahrheiten, droht Russland ein Skandal und auch die Organisatoren müssten deutlich wegen den Zensur Stellung beziehen.

Auf die Unterstützung des russisch-orthodoxen Patriarchen Kirill I. konnte Lady Gagarina auch nicht zählen. Der Geistlicher verlautbarte vor dem europäischen Musikevent, dass ein Sieg für Russland nicht gut wäre, denn der Wettbewerb 2016 würde dann mit "bärtigen Sängerinnen" in Russland stattfinden. Gemeint war die österreichische homosexuelle Dragqueen, eigentlich Tom Neuwirth, der als bärtige Frau auftritt und 2014 den ESC gewonnen hatte. Der Patriarch wünscht, dass die Russen Wiegenlieder oder patriotischen und geistlichen Gesang unterstützen. Über Conchita wäre noch zu erwähnen, dass sie sich nach ihrem Triumph vor einem Jahr künstlerisch merklich weiter entwickelt hat.

Gute Plätze für Lettland und Estland

Lettland und Aminata Savadogo landeten auf dem beachtenswerten Platz sechs und Estland mit Elina Born & Stig Rästa auf Platz sieben. Litauen mit dem Duo Monika Linkytè & Vaidas Baumila musste sich mit Platz 18 zufrieden geben. Deutschland, vertreten mit einem sehr guten Auftritt von Ann Sophie bekam leider, genau so wie der Gastgeber Österreich, keine Punkte.

Die Show 2015 war im Vergleich zu einigen Ausgaben in Vorjahren eher dünn gehalten worden, vor etwa 10.000 Zuschauern. Laut ORF kostete die ganze Show etwa 25 Millionen Euro. Der Event wurde zudem von rund 200 Millionen Zuschauer vor dem Fernsehen verfolgt.

Das Nebenprogramm präsentierte klassische, moderne und traditionelle Musik aus Österreich. Eröffnet wurde der Event von den Wiener Philharmonikern im Garten des Schlosses Schönbrunn mit der Eurovisions-Fanfare - danach wurde die Eurovisionskugel auf die Reise durch das ganze Land geschickt, bis sie schließlich von der Deckenhalle des Wiener Stadthalle auf die Bühne herabsank, wo Stargeigerin Lidia Baich mit einem Zitat aus „Merci, Cherie“ an den großen Udo Jürgens - den ersten österreichischen Song-Contest-Sieger - erinnerte. Musikalisch wurde dann der Bogen zu „Rise Like A Phoenix“ von Conchita Wurst weitergezogen, seinem Siegerlied aus dem Vorjahr.

Obwohl alle Lieder des Europas größten Musikshow auch im diesem Jahr nicht spektakulär waren, zeigte die Veranstaltung die Vielfalt und kulturelle Reichtum unseres Kontinents und brachte deutlich zum Ausdruck, wie wichtig es ist, dass wir seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hier im Frieden leben. Hoffentlich kam diese richtige Friedensbotschaft, überbracht in Wien durch die 40 Nationen Europas, auch im Kreml an. Mit oder ohne Conchita. Denn wie die frische Volksbefragung in Irland zeigte, bestimmen die Europäer selbst, wie sie leben und wem sie lieben.

Foto: Måns Zelmerlöw in Facebook