Google+
Diese Website selbst verwendet Cookies nur zur Funktionaltät. Die Cookies der
Werbepartner können werberelevante Informationen sammeln und weiterleiten.

Werbung


Leserbrief: Liebe(s) Europa,

 

Estlandfahnewenn die Sage stimmt, die von den alten Griechen erzählt wird, dann warst Du einmal eine Königstochter ehe Du auf dieser Erdenkugel unserem Kontinent Deinen Namen gegeben hast.

Du definierst Dich nicht allein als ein geografischer Terminus. Nein, Du umspannst auch eine historische, kulturelle, politische, wirtschaftliche, rechtliche und vor allem eine ideelle Dimension. Eine Redensart sagt, dass der Stamm-Platz des Idealisten, der verlorene Posten ist. Das hat Estland im Laufe seiner wechselvollen Geschichte immer wieder über sich ergehen lassen müssen und die Estenmenschen im Übermaß am eigenen Leib zu spüren bekommen. Den Vorwurf kann ich auch Dir nicht ersparen, denn Du hast uns immer wieder aus den Augen verloren, zuletzt 50 Jahre lang und so waren wir auf Deiner Europakarte verschwunden. Warum, so haben wir uns schmerzlich gefragt, hast Du Dich für uns so wenig interessiert, dass Du uns hast untergehen lassen?

Wir zählen doch auch zu Dir!

Wir Esten leben doch bereits seit über 5000 Jahre in unserem geliebten Heimatland. Damit gehören wir zu den wenigen Europäern, die dauerhaft an einem Ort leben und das unter den strengen nordischen Bedingungen, auf steiniger und sumpfreicher Landschaft und so ihre Kultur geschaffen und bewahrt haben. Das hat wohl auch den Charakter unseres Menschenschlags geprägt: Hartnäckigkeit und Treue. Aber noch was ist sehr bemerkenswert, wenn Du mal genau auf die Landkarte schaust, dann kannst Du entdecken, dass Estland nicht nur am Meer liegt (Du sagst Ostsee dazu, wir Westsee, denn es ist von uns aus im Westen), sondern eine von drei Seiten mit Wasser umgebene Halbinsel ist, wie West-Europa auch.

Zugegeben, Estland ist -mit gerade einmal 45.000 Quadratkilometern und etwa eine Million Esten- ein kleiner Staat, sogar der kleinste im Baltikum, aber flächenmäßig etwas größer als Dänemark oder die Schweiz. Zu uns zählen 800 Inseln und 1500 Seen und unsere Urahnen lebten als Bauern und Fischer seit Urzeiten mit der einzigartigen Natur in einem harmonischen Verhältnis. Unsere Hügel, größeren Bäume und die von der letzten Eiszeit zurückgebliebenen Findlinge haben alle ihre Namen, genauso wie lebende Menschen und damit hat die Ehrfurcht vor der Schöpfung uns vor ökologischen Konflikten bewahrt. Estland, Esten und Estnisch ist ein besonderer Dreiklang. Unsere kompliziert anmutende, jedoch logisch und tiefsinnig aufgebaute, estnische Muttersprache hat unsere Identität ganz fest geschützt. Die vielen offenen Vokale in unseren Worten haben unseren Schmerz und unsere Freude für unser Vaterland immer wieder zum Singen ermutigt. Davon würden wir gerne was an Dich, liebes Europa, abgeben. Es stimmt schon: „Wo man singt (jeder in seiner Sprache), da lass’ Dich ruhig nieder…“ Aber nicht als Okkupanten, davon haben wir mehr als genug leidvoll in der Geschichte abbekommen, unser Kontinent aber auch.

Es reicht. Identitäten schützt man weniger mit Waffen, sondern mehr mit Traditionen und davon kann Estland ein überzeugendes Lied singen: Das Phänomen Europas zu begreifen heißt, die Vielfalt seiner reichen Kulturen zu bewahren. Das kannst Du, liebes Europa von unserem kleinen Land lernen, denn wir haben seit dem Augenblick, als wir endlich frei und unabhängig waren auf Kulturautonomie gesetzt und sie vor aller Welt gelebt. Daran muss ich Dich heute wieder erinnern, es Dir ans Herz legen und vor allem darfst Du das nie wieder vergessen! Es ist höchste Zeit, dass Du Dir diesen Schatz nicht aus der Hand nehmen lässt, sondern Dich besonders dafür stark machst, dass wir gemeinsam in Europa fest zusammenstehen, etwa so, wie wir es mit den Letten und Litauern bei der Baltischen Kette vor 25 Jahren vorgemacht haben.

Dein Estland

Geschrieben am 18. März 2014

Folgen Sie uns auch auf Facebook und Twitter ,um immer auf dem Laufenden über Nachrichten aus aller Welt zu bleiben.



Werbung

Werbung