Ad-Test
Google+
Diese Website selbst verwendet Cookies nur zur Funktionaltät. Die Cookies der
Werbepartner können werberelevante Informationen sammeln und weiterleiten.


Merkel in Miesbach

Wahlkreiskandidatin Ilse AignerWahlkreiskandidatin Ilse AignerVon Martin Neuhauser, München

Wahlkampfzeiten sind Ausnahmezeiten. Und so hat Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel eine Ausnahme gemacht, um der Noch-Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner, im bayerischen Landtagswahlkampf mit ihrem Einfliegen in Miesbach den Rücken zu stärken. Alles was Rang und Namen im CSU-Wahlkreis hat war auf den Beinen, um den bayerischen Landesvater, Ministerpräsident Horst Seehofer (in gewohnt majestätischer Haltung), zusammen mit der Vorsitzenden der CDU-Schwesterpartei auf dem Marktplatz zu begrüßen.

Bayerische Gebirgsschützen in voller Montur bildeten Spalier, die Stadtkapelle mit seltsam gedämpftem Defiliermarsch, Bürgermeister und ein Landrat, dem sein Doktor-Titel abhanden gekommen ist, Landtags- und Bundestagskandidaten und der unvermeidliche Alexander Dobrindt (CSU-Generalsekretär). Selbst Prominenz aus Funk, Film und Fernsehen waren aufgeboten. Etwa Leslie Mandoki mit wilder Haarpracht und buschigem Schnauzbart erkennbar seit eh und je oder das gewohnt sonnengebräunt (sommers wie winters) strahlende „Schätzchen“ Uschi Glas, um Lobeshymnen auf den Freistaat Bayern, Deutschland und die Bundeskanzlerin anzustimmen. Aber irgendwie wollte der Funke nicht so richtig auf das umherstehende Volk überspringen. Auch die halbstündige Merkel-Rede konnte - nicht wirklich! - einen Hauch von Begeisterung entfachen. Ein des Redens müde wirkender Vortrag. Argumente, schon mehr als ein- und zweimal gehört, gelesen und was sonst noch. In der Republik vielfach rauf- und runtergebetet, dass selbst die junge Trillerpfeifen-Truppe an Ort und Stelle zunehmend die Lust verloren hatte, dagegen lautstark anzugehen.

Was wunder, wenn etwa Themen, die Menschen hierzulande umtreiben und auf den Nägeln brennen nicht zur Sprache kommen: Skandalvorgänge um NSA und NSU, Gustl Mollath mit Justiz und Psychiatrie, G8-Chaos, Energiewende, ein verzerrter Arbeitsmarkt mit Dumpinglöhnen, Generation Praktikum, Rentenperspektive, Altersarmut und, und…

Bundeskanzlerin Angela MerkelBundeskanzlerin Angela MerkelDer „Vater der sozialen Marktwirtschaft“ Ludwig Erhard hatte sich einstmals „Wohlstand für alle“ auf seine Fahnen geschrieben und das wird heute mehr denn je mit sog. Sachzwängen auf dem Altar des Wirtschaftsliberalismus geopfert, der ein Relikt aus Zeiten der bundesdeutschen Spaßgesellschaft ist. Eine zunehmende Entsolidarisierung ist landauf landab feststellbar und dass es im so hoch gepriesenen „reichen Deutschland“ einen Armutsbericht überhaupt gibt, ist letztlich auch für eine Bundeskanzlerin ein Armutszeugnis. Und wenn Horst Seehofer vom Land Bayern als der Vorstufe zum Paradies spricht, dann fragt sich nur, für wen das gelten soll und ob dieses Paradies erstrebenswert ist oder sich bereits nach dem Wahltag als Fegefeuer entpuppt? Eine Antwort könnten die bayerischen Flutopfer geben, für die nicht ruck-zuck ein umfassender Rettungsschirm aufgespannt wurde. Auch wenn diesen Menschen das Wasser nicht nur sprichwörtlich bis zum Hals stand, mussten sie geduldig auf finanzielle Hilfe der öffentlichen Hand warten, weil sie eben nicht als systemrelevant eingestuft wurden bzw. gelten.

Bayrischer Ministerpräsident Horst SeehoferBayrischer Ministerpräsident Horst SeehoferWas bleibt also vom Bühnenauftritt? Von der Kanzlerin jedenfalls kein Sterbenswörtchen zur Pkw-Maut in Gegenwart des Verfechters eines Wegzolls, dafür Blumensträuße, Einträge ins goldene Buch von Stadt und Landkreis, Gruppenbild und der Eindruck, dass die beiden Unionsvorsitzenden in Bund und Land -nach wie vor- auf Gedeih und Verderb miteinander verbandelt sind. Ergänzend zu Bayernlied und Bundeshymne vielleicht auch das Heidi Brühl-Lied „Wir wollen niemals auseinandergeh’n…“ miteinander einüben und harmonisch anstimmen.

Das tun sie an diesem 11. September aber nicht, denn es gilt noch einen gemeinsamen Auftritt zu absolvieren und so machen sich beide auf den Weg: vom oberbayerischen Miesbach geht’s bergab nach Unterfranken – Würzburg, anderer Ort, gleicher Sermon.

Zum Abschied Wolken über Miesbach, keine Spur von eitel Wonne und strahlendem Sonnenschein und als es zu tröpfeln beginnt, kommentiert im Weggehen ein älter Herr im Trachtenanzug mit Gamsbart am Hut: „Des aa no!“ (Original-Ton süd: „Das auch noch!“ bzw. „Jetzt reicht’s!“)

 

Folgen Sie uns auch auf Facebook und Twitter ,um immer auf dem Laufenden über Nachrichten aus aller Welt zu bleiben.