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Ein neuer GULAG-Roman

 Dettmann, Und über uns der weite Himmel, BuchumschlagVon Ülo Salm

Die sowjetischen Straf- und Arbeitslager in Sibirien und am Polarkreis waren und sind immer wieder Gegenstand literarischer Auseinandersetzung mit jenem System, das massenhaft Tod, Elend und unendliche Gräuel mit sich gebracht hat.

Der Lehmanns Media Verlag in Berlin hat dieses Jahr einen neuen Roman des Mecklenburger Schriftstellers Lutz Dettmann, Jahrgang 1961, herausgebracht: „Und über uns der weite Himmel“. Es soll die Geschichte einer großen Liebe in der Nachkriegszeit im sowjetisch besetzten Estland sein. Es ist aber eher eine Erzählung über das Schicksal und die grauenhaften Entbehrungen, die eine junge Estin als Folge ihrer Liebe zu einem Baltendeutschen* erleiden musste.

Die Schilderungen von Verhaftung, Verhören und den anschließenden Jahren des Lebens im GULAG sind das eigentliche und dominierende Thema des Romans, zumindest das absolut dominierende. Der „Aufhänger“ hierfür ist der dringende Wunsch der Tochter der inzwischen alt gewordenen Protagonistin Anu, die Mutter möge endlich ihr Schweigen brechen und sich von der enormen seelischen Last, die sie ihr Leben lang mit sich getragen hat, befreien. Angesichts der beeindruckenden und den Leser geradezu überwältigenden Schilderungen erscheint die Anlassgebung unnötig und gekünstelt.

Die die Erzählungen begleitende Geschichte der unerfüllten Liebe von Anu zu ihrem deutschen Jugendfreund Christoph tritt weitgehend hinter der Intensität der Schilderungen der Mutter über ihre unsäglichen und fürchterlichen Erlebnisse zurück. Insbesondere erscheint die Figur des deutschen Geliebten etwas schwach, auch wenn der Autor versucht, in dessen Erlebnisse Dramatik einzubringen. So in den Schilderungen seiner Flucht aus dem Baltikum nach Schweden, die ihm ständig drohende Gefahr der Entdeckung, er sei Deutscher oder Este mit der drohenden Auslieferung seitens der Schweden an die Sowjets - ziemlich unrealistisch - machen den jungen Mann nicht zum Helden. Auch nicht mit seinen späten Versuch, im Rahmen einer Hilfsaktion zugunsten des estnischen Widerstandes kurz nach (Sowjet-)Estland zurückzukehren und seine Geliebte dabei wiederzusehen.

Heldenhaft ist hingegen Anu, die wirkliche Hauptperson des Romans. Die vom Autor herangezogenen Hilfen, ihr Überleben zu begründen, enthalten teilweise Klischees aus Trivialromanen, ein bisschen politische Korrektheit und überzogene Einzelheiten über die Grausamkeiten, Elend, Tod und all dem Horror, der aus den zahlreichen vorangegangenen Veröffentlichungen zu den sowjetischen Lagern bekannt sind. Der zur Weltberühmtheit gelangte „Archipel Gulag“ von Alexander Solschenizyn gelangt beim Lesen des Dettmann’schen Buches zu neuem Leben.

Das Lagerpersonal besteht danach überwiegend aus mehr oder weniger sadistischen Subjekten, denen Quälereien offenbar Freude bereiten, bis hin zu ständigen Vergewaltigungen der Frauen, auch wenn diese eher mit kranker Haut überzogenen Skeletten gleichen. Sicherlich war das ein Teil der schlimmen Realität. Ihre Betonung und mehrfache Wiederholung erscheinen etwas überzogen.

Auch die Spaltung der Gefangenen in ein kriminelles und ein politisches Lager mitsamt dem Terror seitens der ersten Gruppe erscheint in den Schilderungen allzu extrem, obwohl es das zweifellos gegeben hat.

Allerdings kommen der Protagonistin immer wieder wundersame Zufälle und Ereignisse zustatten, gipfelnd in ihrer Anstellung als Haushaltshilfe für den Lagerkommandanten. Diesen ereilt dann aber auch eine der willkürlichen Schicksalswenden, als er wegen seines nach wie vor gelebten und praktizierten Judentums, ziemlich sentimental geschildert, verhaftet wird. Der vorangegangene Aufstieg zum Lagerkommandanten erweckt beim mit dem Stalin’schen System vertrauten Leser Skepsis.

Überflüssig und unnötig gewollt wirkend ist das Einbringen estnischer Ausdrücke und Redewendungen, für den deutschen Leser höchstens irritierend und nicht in den Kontext passen.

Wegen der sich häufig wiederholenden Schilderungen der abscheulichen Geschehnisse im Lager und der allzu vielen Wortwiederholungen wird das Lesen des 566 Seiten umfassenden Werkes anstrengend – ganz unabhängig von der emotionalen Belastung, der der auch nur halbwegs sensible Leser unterworfen wird.

Alles in Allem: Die Form des Mutter-Tochter-Berichtes stört eher, als dass sie dem Roman einen flüssigen Erzählstrom vermittelt. Zudem erscheint die Person des deutschen Geliebten Christoph schwach, und der Versuch, seine Erlebnisse mit Spannung und Dramatik auszustatten, gelingt nur zum Teil. Dennoch: Eine Lektüre des Romans ist dringend zu empfehlen, jedenfalls jedem, dem das Schicksal der Menschen in Estland nach der erneuten sowjetischen Okkupation nach Ende des zweiten Weltkrieges am Herzen liegt. Bei allen kleinen Schwächen: Das Buch ist spannend und bewegend.

Verlag: Lehmanns Media GmbH, Berlin,
Festeinband mit gelungenem Cover-Bild,
24,95 €, ISBN 9783-86541-995-8.

*Inzwischen ist die Bezeichnung „Deutschbalte“ üblich geworden

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