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Estland: Medienskandal um Tallinn-TV

Diffamierte Mart Ummelas – hier 2011 noch in Vikerraadio - den Vorstandschef Markus Lepp?Diffamierte Mart Ummelas – hier 2011 noch in Vikerraadio - den Vorstandschef Markus Lepp?Der Vorstandschef des lokalen Senders Tallinn-TV, Toomas Lepp, wurde nach seiner vorläufigen Festnahme wieder freigelassen - Das Baltikum-Blatt berichtete. Die Staatsanwaltschaft teilte mit, dass sie keine Untersuchungshaft beantragen wolle. Die Ermittlungen laufen dennoch weiter.

Lepps Verteidiger Mart Missik gab bekannt, dass sein Mandant inzwischen einen Antrag auf Entlassung seiner selbst aus dem Amt des Vorstandschefs gestellt hat. Wie der Ratsvorsitzende von Tallinn-TV Allan Alaküla erklärte, wurde dem Gesuch stattgegeben. Anlässlich einer Besprechung zum Thema des mutmaßlichen Betrugsskandals hat Lepp Alaküla zufolge seine Unschuld beteuert.

In der Tageszeitung Eesti Päevaleht vom Samstag (10. Dezember) berichtet Lepp, dass er gemäß einem 2013 abgeschlossenen Vertrag mit dem damaligen Vorstandsmitglied der Tallinn-TV, Mart Ummelas (der ebenfalls in der Affäre von der Polizei vernommen wurde) alle seine Verpflichtungen erfüllt habe. Demzufolge kann er gar kein Geld des Senders veruntreut haben. Lepp fügte noch hinzu, dass die Ermittlungen als Folge einer Anzeige eines Mitarbeiters des Kanales aufgenommen wurden. Er will eng mit den Ermittlern kooperieren.

Wer diffamierte Toomas Lepp?

Auch der derzeitige Meinungsredakteur des Kanales, Mart Ummelas, wurde nach einem Verhör bei der Zentralkriminalpolizei wieder freigelassen. Obwohl Ummelas nach Eigenangaben keine Schuld an sich sieht, wurde er bis zum voraussichtlichen Abschluss der Ermittlungen am 15. Januar 2017 von seiner Stelle beurlaubt. Ob er die Anzeige gegen Toomas Lepp erstattet hatte, ist nicht bekannt. Ummelas hat jedoch im Vergangenheit nachweislich mehrere Personen diffamiert.

In der Kommentarspalte des Nachrichtenportales Delfi fand sich noch ein anonymer, offiziell bislang nicht bestätigter Kommentar, in dem zu lesen war, dass dem umstrittenen Journalisten Ummelas, der angeblich auch Alkoholprobleme hat, ohnehin zum 1. Januar 2017 gekündigt worden sei. Zu erwähnen wäre noch, dass Ummelas 1989-1991 Vizekulturminister der Estnischen Sozialistischen Sowjetrepublik war. Das Kulturministerium war zuständig für die Unterdrückung der Kulturschaffenden. 1977–1981 arbeitete Ummelas in leitender Position im vom Staatssicherheitsdienst KGB kontrollierten estnischen Rundfunk „Eesti Raadio“, der von seinen Mitarbeitern besondere Loyalität zum Sowjetregime verlangte. Nachdem Estland seine Souveränität wiedererlangte, ging es mit der journalistischen Karriere des beratungsresistenten Mannes bergab, auch im Tallinn-TV, dessen Chefredakteur und Vorstandsmitglied er einige Jahre war. Ummelas ist bei den meisten Medienschaffenden wegen seiner Arroganz und unberechtigten vulgären Anschuldigungen höchst unbeliebt. Zum Beispiel behauptete er in einem Interview für die Tageszeitung Postimees, dass sein Arbeitsvertrag als Chefredakteur und Vorstandsmitglied bei Tallinn-TV abgelaufen sei und er für die Posten nicht mehr habe kandidieren wolle. Nur deshalb habe er das Amt des Meinungsredakteurs angenommen. Doch jedem aufmerksamen Zeitungsleser in Estland war klar, dass Ummelas wegen seiner unkontrollierten Ausbrüche degradiert worden war. Wäre er mit deutlich niedrigeren Posten in Tallinn-TV nicht einverstanden gewesen, so hätte er in anderen Medien keine Stelle mehr gefunden. Sein Ruf in der Republik ist längst ruiniert. In einem anderen Artikel im Postimees vom 24. Mai 2011 bezichtigte der Journalist den damaligen Chef des estnischen Nationalen Rundfunkes ERR, Margus Allikmaa, der Lüge, als dieser gesagt hatte, dass Ummelas zweimal wegen gravierender Reibereien mit Kollegen vom Amt des Radioredakteurs im Vikerraadio fristlos entlassen worden sei. Er sei freiwillig gegangen, behauptete wiederum Ummelas.

Lepp, Ummelas, zwei anderen Personen sowie einer unbekannten juristischen Person wird Veruntreuung öffentlicher Gelder vorgeworfen. Tallinn-TV wird von Steuereinnahmen der Bürger der estnischen Hauptstadt finanziert. Der Sender steht zudem seit seiner Gründung wegen prorussischer Propaganda und massiver Werbung für die Zentrumspartei in der öffentlichen Kritik. Alle wichtigen Posten des Hauptstadt-Fernsehens sind mit Mitgliedern oder Anhängern der Zentrumspartei besetzt.

Info:

Toomas Lepp wurde 1950 in Zentral-Kasachstan, im sowjetischen Straf- und Sonderlager Kengir https://de.wikipedia.org/wiki/Kengir-Aufstand bei der Stadt Scheskasghan (bis 1994 Dscheskasgan) geboren. Sein Vater war der spanische Chirurg Julian Fuster-Ribó, seine Mutter die Biologin Eha Lepp.

Zur Schule ist Lepp in der mittelestnischen Universitätsstadt Tartu (Dorpat) gegangen. Nachdem er dort zunächst estnische Philologie studierte, wechselte er später nach Tallinn, um sich am dortigen staatlichen Konservatorium im Fach Bühnenkunst ausbilden zu lassen. Nach einem weiteren fünfjährigen Studium am Pädagogischen Institut zu Tallinn bekam er das Diplom des Regisseurs. Anschließend arbeitete Lepp bis 1991 beim estnischen Fernsehen (Eesti Televisioon, ETV) als Regieassistent, Filmemacher und Chefredakteur der Unterhaltungsprogramme. 1991-1995 war der TV-Mann als Programmchefredakteur des Werbefernsehens (Reklaamtelevisioon, kurz RTV) tätig, danach zwei Jahre in der gleichen Position bei dem Privatsender TV3. 1997-1999 arbeitete Lepp als Generaldirektor der Eesti Televisioon, 2001-2004 als Chefproduzent der Nachrichten beim Privatsender Kanal 2. Als Vorstandschef der Tallinn-TV war Lepp seit 7. September 2012 tätig. Er hat viele Filme produziert und als Regisseur geleitet. Er sitzt noch in den Vorständen der Videomeedia OÜ und Videomeedia Extra OÜ.

Toomas Lepp gilt als enger Vertrauter des vor kurzem entmachteten langjährigen Chefs der linksorientierten und prorussischen Zentrumspartei (Keskerakond), Edgar Savisaar. Dieser führte bis zu seiner gerichtlichen Suspendierung vom Amt des Oberbürgermeisters autokratisch Regie in der Hauptstadt Tallinn, die von Lepps Firma TV14 angefertigte Fernsehsendungen kaufte. Von Tallinn, sprich Savisaar, bekam Lepp zudem eine Verdienstmedaille für seine Filme über das Stadtleben im Zeitalter der elektronischen Medien. Unter seiner Regie wurde unter Anderem die Serie „Prozess um Savisaar“ gedreht. (asie/tmich)

Quellen: Delfi, Eesti Päevaleht, Postimees, Õhtuleht

Foto: © Ave Maria Mõistlik / Vikipeedia / CC By 3.0

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