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Journalistinnenduo beschreibt neue Gefahrensituation an der Ostsee

Buchcover Suomenlahden suhdekirja. Uudet vaaran vuodetVon Aino Siebert

Vor rund zwei Jahren hat Russlands Präsident und früherer Geheimdienstler Wladimir Putin mit seinen „grünen Männchen“ die zur Ukraine gehörende Schwarzmeer-Halbinsel Krim annektiert und danach mit seinen Soldaten begonnen, die Donbass-Region in der Ostukraine zu destabilisieren. Die Folgen seines Handelns waren bis in die Ostseeregion zu spüren.

Auf die Nachricht der Besetzung der Krim reagierten die Regierungen in Tallinn, Riga und Vilnius hysterisch. Der Georgien-Krieg im Jahr 2008 hat das Bedrohungsgefühl der Menschen in eine neue Befürchtung umgewandelt: Moskau wolle womöglich, wie in den Jahren 1940 und 1944, Estland, Lettland und Litauen abermals besetzen.

Die Geschehnisse auf der Krim und im Osten der Ukraine führten allerdings nicht nur den früheren Sowjetrepubliken, sondern auch dem „alten Europa“ in aller Deutlichkeit vor, wie leicht es für Russland in der Praxis wäre, sich seine ehemaligen Beuteländer, teils mit einem starken Anteil russischsprachiger Bevölkerung, aufs Neue einzuverleiben.

Nach der Eroberung der Krim, was bis dato von Niemanden für möglich gehalten wurde, hat man in Brüssel die Sorgen der Osteuropäer nun ernst genommen. Sowohl die Europäische Union (EU) als auch das westliche Verteidigungsbündnis NATO, dessen Mitglieder die baltischen Staaten seit 2004 sind, haben auf Moskaus Aggressionen mit Sanktionen gegen Russland und der Verstärkung ihrer Ostflanke geantwortet. Die Nordatlantische Allianz ist zwar stärker als Russland, an der Ostsee hat jedoch das von Putin regierte Land, das seit Jahren sein Militärgerät modernisiert, eine deutliche Übermacht.

US-Präsident Barack Obama hat den Balten bei seinem Besuch in Tallinn am 3. September 2014 erklärt, sein Land werde alle NATO-Partner schützen. Moskau erwiderte dies zwei Tage später mit der Entführung des estnischen Sicherheitsbeamten Eston Kohver. Mit diesem Kidnapping wollte der Kreml seinem Erzfeind USA offensichtlich zeigen, wer das Sagen in der Region hat. Der kalte Krieg begann heiß zu werden. Es war ebenso kein Zufall, dass Kohver zwei Tage vor einem Treffen in New York zwischen Putin und Obama vom Kremlchef begnadigt, und am 26. September 2015 gegen den in Estland festgenommenen russischen Spion Alexei Dressen ausgetauscht wurde.

Kleine Ostseevölker machen Weltpolitik

Sowohl Finnland als auch Estland sind kleine Nationen am Rande der EU. Mit Ausnahme österreichischer und schweizerischer Medien wird über diese Länder in der Regel nur dann berichtet, wenn etwas Außergewöhnliches passiert ist. Die Situation an der Ostsee hat sich nun drastisch verändert. Die Truppen der NATO rücken direkt an die Grenzen zu Russland, und Allen soll klar sein, dass Moskau darauf militärisch antworten wird. Erste Meldungen darüber, dass der Kreml seine Truppen in seiner Enklave Kaliningrad (dem ehemaligen Königsberg) verstärkt, sind in den Medien schon erschienen. Diese Tatsache bereitet auch den Finnen und Schweden große Sorgen, genau so wie ganz Europa. Können das neutrale Finnland oder sein, ebenso zur Neutralität verpflichteter Nachbar Schweden, sich aus einem Krieg heraushalten, wenn es zu einer bewaffneten Auseinandersetzung zwischen der NATO und Russland kommt? In Helsinki folgt man schon jetzt bangend, wie die militärischen Aktivitäten in der Nähe der finnischen Landesgrenze nach der Ankunft der Allianzsoldaten im Baltikum deutlich zugenommen haben.

Finnischer Weg

Im Gegensatz zu dem sprachverwandten Volk der Esten, die ihre Sicherheit in die Hände der NATO gelegt haben, hatten die Finnen es nach den schmerzlichen Erfahrungen von 1939 verstanden, die Verteidigung ihres Staates ohne Alliierte aufzubauen. Die in Europa viel belächelte „Finnlandisierung“ hatte sich letztendlich als erfolgreicher Schlüssel für Souveränität und Frieden erwiesen. Moskau hat Helsinki anderes behandelt als andere Staaten, die früher in ihrem Besitz waren. Der Kreml versuchte mehrfach, auf Finnland Einfluss zu nehmen, doch die Finnen, deren Landesgrenze zu dem großen machthungrigem Nachbarn 1300 Kilometer misst, wussten, wie damit umzugehen ist. Als im Baltikum Kreml-Propagandamedien ihre Filialen öffneten, wuchs dort die Angst, Russland könne die dort lebenden russischsprachigen Menschen beeinflussen, ja, sogar zu seiner fünften Kolonne machen. In Finnland, bis 1917 Großfürstentum im Russischen Zarenreich, wo ebenso viele russischstämmige Bürger wohnen, gab es solche Bedenken nicht. Und siehe da – nach eine Weile verließen die russischen Medien das Land wieder, denn die Finnen hatten kein Interesse daran, sich in die Volksverführung der Russen zu vertiefen. Gelassen wurden auch die jüngsten Drohungen Putins bei dessen letztem Staatsbesuch Anfang Juli in Finnland zur Kenntnis genommen. Egal, wie laut der russische Bär brummt, die Finnen nicken wohlwollend und machen ihr Ding weiter. Aus Helsinki wird nach Moskau nur ein schöner Schein von Gefolgschaft vermittelt.

Verschiedene politische Standpunkte

Der britische Sender BBC strahlte Anfang des Jahres eine fiktive Sendung „The World War Three. Inside the war room“ aus, in der über die neuen Gefahren in der westlichen Welt diskutierte wurde. Es wurde folgendes Szenario durchgespielt: Im NATO-Staat Lettland kommt es zu einem bewaffneten Aufstand der russischsprachigen Bevölkerung. Die dort stationierten britischen NATO-Soldaten werden getötet. Eigentlich sollte nun der Artikel 5 des Militärbündnisses in Kraft treten, doch die Mitgliedsstaaten können sich nicht einigen, nur einige Freiwilligentruppen eilen den Letten zur Hilfe. Russland schickt seine Militärmaschinerie in das mittlere baltische Land, um die Russischstämmigen zu unterstützen. Die Ereignisse in Lettland enden im Film mit einem Atomkrieg.

Nach dem Beginn der Ukraine-Krise hat Finnland seine Beziehungen zu seinem anderen Nachbarn, Schweden, deutlich vertieft. Beide Staaten sind keine Mitglieder der NATO. Dementsprechend stellt sich die Frage, ob Helsinki sich nun von Tallinn distanziert, wie es während des Zweites Weltkrieges der Fall war? Welchen Zielen folgt die finnische Außenpolitik? Wohin marschiert Estland? Welche Unterschiede haben beide Staaten, die sich sprachlich sehr nahe stehen, doch bei ihren Bestrebungen nach staatlicher Sicherheit unterschiedlich handeln? Kann die Verbundenheit mit den USA die baltischen Staaten schützen, und welche Folgen wird diese militärische Kameradschaft für das neutrale Finnland haben? Diese und andere Fragen versuchen in Finnland zwei Journalistinnen, Kaja Kunnas und Marjo Näkki, in ihrem Buch „Suomenlahden suhdekirja. Uudet vaaran vuodet“ („Beziehungsbuch der Finnischer Meerbusen. Neue Gefahrenjahre“) zu beantworten.

Das Buch bringt eigentlich fast nichts Neues ans Tageslicht, denn es basiert auf schon veröffentlichtem Material. Dessen ungeachtet sind die aufreizenden Geschehnisse der letzten Jahre im Werk kompakt und chronologisch aufgebaut, deshalb verständlich auch für Diejenigen, die der aktuellen Tagespolitik nicht folgen. Die Lektüre ist zudem perfekt als Handbuch zum Nachschlagen geeignet, auch für ausländische Journalisten, die sich zu oft bei ihrer Berichterstattung über Finnland und die baltischen Staaten fehlerhaft äußern. So wurde kürzlich im deutschen politischen Magazin Focus behauptet, dass die Esten am Siegestag (23. Juni) den Sieg über Sowjet-Russland feiern. Am Siegestag (estnisch: võidupüha) wird jedoch an einen gemeinsamen Sieg der Esten und Letten im Jahre 1919 im lettischen Cēsis (deutsch: Wenden, estnisch: Võnnu) gegen die deutsche Landeswehr gedacht. Auch der status quo der staatenlosen russischstämmigen Bürgern wird, wie das Journalistinnenduo nach ihren Recherchen in Estland im Buch bestätigt, in den westlichen Medien beharrlich falsch interpretiert – viele Russen im Baltikum sind staatenlos, weil sie die Staatsbürgerschaft gar nicht wollen, nicht, weil der Staat sie nicht einbürgert.

Kunnas und Mäkki setzen den Schwerpunkt auf Finnland und Estland – zwei Länder mit fast gleicher Sprache und vielen engen Kontakten, trotzdem aber mit unterschiedlichen Geschichten, Ängsten und Zielen, zwei kleine finnougrische Völker, die zur Zeit große Weltpolitik machen. Es wäre lohnenswert, das Buch auch in anderen Sprachen zu veröffentlichen.

Kaja Kunnas & Marjo Näkki
Suomenlahden suhdekirja. Uudet vaaran vuodet www.kosmoskirjat.fi
Verlag Kosmos in Helsinki / Finnland
ISBN 978-952-7144-12-1
EUR 21,00

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