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Browders Hommage an Sergei Magnitski

Bill BrowderBill BrowderVon Aino Siebert

Das Buch „Red Notice. Wie ich Putins Staatsfeind Nr. 1 wurde“ von Bill Browder ist zu dem richtigen Zeitpunkt erschienen und deswegen besonderes interessant zu lesen. Am 28. Februar wurde nämlich ein weiterer Kritiker des Präsidenten Russlands, Wladimir Putin ermordet. Diesmal Boris Nemzow. Browder vermutet, dass auch er auf der Todesliste des russischen Präsidenten Wladimir Putin steht.

Der Autor erzählt in seinem Buch über seine persönliche Erfahrungen in Russland in der Zeit unmittelbar nach dem Zerfall der Sowjetunion und Machtergreifung des aktuellen Kremlchefs Putin, der nach der kurzen Dauer als Ministerpräsident Russlands in der Machtzentrale erneut die Staatsgeschäfte übernommen hat. Der KGB-Veteran liebt nicht nur den Einfluss, sondern auch Geld. Seine Kritikerwerfen ihm vor, dass er sich das letztere durch Korruption beschaffe.

Die Tatsache, dass Putin mit seinem Hof ein riesiges Bestechungsnetz aufgebaut hat, wird Browder, der kein Russisch spricht und die sowjetisch-russische Mentalität nicht versteht, bei der Gesetzeslosigkeit, Lügen und gewaltsame Unterdrückung der Regimegegner zum Alltag gehören, zum Verhängnis. Der Autor glaubt blauäugig fast bis zum bitteren Ende an das „gute Russland“, obwohl er mit einem Einreiseverbot beschert wird und später die Verhaftung und Tötung seines Anwalts Sergei Magnitski schmerzlich verkraften muss. Irgendwann kommt jedoch der Zeitpunkt, wo er die Realität erkennen muss: Das Land ist kein Rechtsstaat, wo man mit Hilfe eines Verteidigers, Beweismaterial und Argumenten Gerichtsprozesse gewinnen kann.

Russland heißt Putin. Für einen Westler ist es gewiss schwer zu begreifen, dass der Einzelne im Putin-Reich nichts zählt und die Bürger den Bedürfnissen des Staates geopfert werden. Obwohl der US-Amerikaner persönlich nie den Kremlchef getroffen hat, beeinflusst der neue Zar sein Leben peinvoll bis heute. Wie dazu gekommen ist, hat Browder in seinem Buch detailliert aufgeschrieben.

Auflösung der Sowjetunion macht weg frei für Oligarchen

In den wirren Zeiten unter Präsidenten Boris Jelzin nach dem Zerfall des kommunistischen Riesenreichs haben die Oligarchen Russlands die Wirtschaft erobert und sind dabei zu Millionären, sogar zu Milliardären geworden. Der Amerikaner Bill Browder, 1964 in eine linke Akademikerfamilie geboren, nutzt ebenso die Gunst der Stunde und fliegt nach Moskau, um dort in aufstrebende Unternehmen zu investieren. Sein großes Interesse an Russland ist durch seinen Großvater, Earl Browder, entstanden. Dieser war Vorsitzender der Kommunistischen Partei der USA und lebte eine Zeitlang in der Sowjetunion.

Der Anfang sieht für den jungen Anleger, der inzwischen aus den USA nach London umgezogen ist, gut aus. Die russische Regierung hat beim Übergang vom Kommunismus zum Kapitalismus den Hauptteil des staatlichen Eigentums mit Anteilsscheinen (Vouchers) an das Volk verschenkt.

Viele russische Bürger konnten mit den vom Staat überreichten „Volksaktien“ nichts anfangen und verkaufen diese, um ihre Lebenshaltungskosten zu finanzieren. Browder erkennt schnell seine Chancen mit diesen Privatisierungsscheinen reich zu werden. Er kauft die Scheine den verkaufswilligen Bürgern ab und investiert sie danach in russische Firmen. Der Autor erzählt ausführlich und auch für einen Laien verständlich, wie damals das große Geld in Russland zu verdienen war. Auch diejenigen, die die Finanzwelt nicht kennen, können mit dem Buch leicht der Logik dieses Marktes folgen.

Browder gelingt es, im Finanzhimmel ganz nach oben zu steigen. 1996 gründet er sein eigenes Unternehmen und bald blüht seine Investmentfirma Hermitage Capital auf, deren Vermögenswerte bis zu 4,5 Milliarden Dollar ansteigen. Kein Wunder also, dass die Russen nicht nur neidisch werden, sondern auch seine Geschäfte übernehmen wollen.

Browder unterschätzte die Russen. Die Spielregeln hatten sich nach dem Übergang der Macht an Putin deutlich geändert. Der neue Kremlchef mit Geheimdienstausbildung umgibt sich nur mit zu ihm loyalen Menschen, von denen die meisten wie auch er aus dem KGB stammen. Sie alle wollen bei den lukrativen Geschäften mitverdienen, jedoch ist bei Staatsbeamten die persönliche Bereicherung nur durch Korruption möglich. Browder will trotz erster Warnschüsse, als er als Risikofaktor für russische nationale Sicherheit eingestuft wird, nicht glauben, dass Putin seinen Kampf gegen die florierende Bestechung nicht unterstützt und dass die russische Justiz parteiisch ist.

Für seine Leichtgläubigkeit muss Browder einen hohen Preis zahlen: Seine erste Ehe scheitert und sein Anwalt Sergei Magnitski wird am 16. November 2009 in seiner Zelle des Moskauer Gefängnisses Butyrka tot aufgefunden. Der Anwalt untersuchte den Steuerbetrug unter russischen Staatsbeamten, er wurde 2008 festgenommen. Im Gefängnis wurde ihm jegliche ärztliche Hilfe verweigert. Seine Leiche wies auch Spuren von Misshandlungen auf.

Dem amerikanischen Investor gelingt es trotz Gegenwindes sein Geld und das Geld seiner westlichen Mitstreiter mit einem klugen Einfall zu retten, was ihn in Russland noch unbeliebter macht. Browder macht danach beharrlich globalen Druck auf Moskau und schaltet amerikanische Politiker ein. Am 14. Dezember 2012 unterzeichnet US-Präsident Barack Obama den "Magnitsky Act". Ein Gesetz, das russische Beamte mit Sanktionen belegt, die in den Tod von Magnitski verwickelt sind. Putin antwortet auf seine Weise: Russische Waisenkinder können durch amerikanische Staatsbürger nicht mehr adoptiert werden. Die Staatsanwaltschaft klagt nicht nur Browder, sondern auch seinen toten Anwalt wegen Steuerhinterziehung an. Er und Magnitski werden zu neun Jahren Gefängnisstrafe verurteilt. Der einstige Putin-Versteher wird nun durch Interpol gesucht. Doch mit der „Red notice“ kommt Putin nicht durch.

Realer Thriller

Das Buch ließt sich wie ein Thriller. Browder ist zwar ein guter Erzähler, doch fühlt sein 400-seitiges Bericht teils so an, als wäre es Selbsttherapie für den Autor. Heute ist der Amerikaner ein Menschenrechtsaktivist. Er hat eine russische Frau geheiratet, Kinder bekommen und die britische Staatsbürgerschaft angenommen. Browder weiß aber auch, dass Putin seine Feinde nie vergessen wird. Er appelliert an die Leser, die Geschichte Magnitskis in Erinnerung zu behalten. "Wenn ich alles zurückdrehen könnte, würde ich niemals mehr nach Russland gehen", schreibt er zum Schluss. "Ich würde gern meinen ganzen geschäftlichen Erfolg für Sergei´s Leben eintauschen."

1955 erschien in Deutschland die autobiographische Erzählung „Die Revolution entlässt ihre Kinder“ von Wolfgang Leonhard. Der Autor beschreibt darin seinen politischen Weg von Moskau im Jahre 1935 bis zu seiner Flucht aus der Sowjetischen Besatzungszone (DDR) im März 1949 in die Westen. Wenn man die zwei Bücher parallel ließt, erkannt man leicht, dass das heutige Russland unter Kremlchef Wladimir Putin sich vom Russland des damaligen Sowjetführers Jossif Stalin kaum unterscheidet.

Foto: www.billbrowder.com

 

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