Das Baltikum-Blatt

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Wir verneigen uns vor „Charlie Hebdo“

Veröffentlicht: 09. Januar 2015

Je suis Charlie HebdoFrankreich trauert. Die Franzosen sind jedoch nicht alleine. Weltweit trauern die Menschen gemeinsam mit ihnen und zeigen ihre Solidarität mit den brutal ermordeten Journalisten des Satiremagazins „Charlie Hebdo“. "Je suis Charlie"! („Ich bin Charlie“) ist überall zu lesen.

Es sind 12 Opfer zu beklagen, unter ihnen der Chefredakteur und Caartonist Charb alias Stéphane Charbonnier und sein Leibwächter, die Karikaturisten Bernard Verlhac (Tignous), Jean Cabut (Cabu) und Georges Wolinski, ein Journalist des Radiosenders „France Inter“, der Hausmeister und zwei Polizeibeamte. Sie haben das kaltblütige Attentat in Paris am 7. Januar nicht überlebt. Dazu erlitten noch elf Menschen schwere Verletzungen, einige von ihnen schweben immer noch im Lebensgefahr.

Der Staatspräsident Frankreichs, François Hollande sprach von einem terroristischen Akt. Während am gestrigen Tag die nationale Trauer vorherrschte, rief das Staatsoberhaupt heute die Franzoden zur Einheit auf, denn die Bluttat stürzt das seit langem wirtschaftlich angeschlagene Land noch mehr in die Krise. Vor allem ist der sozialistische Präsident sehr unbeliebt und seine Reformen sind höchst umstritten. Auch ist das Verhältnis der christlichen Bürger mit Muslimen seit Jahren angespannt.

Davon hat auch die rechtspopulistische Politikerin Marie Le Pen politisches Kapital geschlagen indem sie die Ängste die Menschen instrumentalisierte. Nach der schrecklichen Bluttat forderte die Chefin der rechtsextremen Front National (FN) die erneute Einführung der Todesstrafe. Sie will ein Referendum organisieren, in dem das Volk darüber abstimmen soll. Erst im November 2014 hatte ihr Vater und Parteigründer Jean-Marie Le Pen die Todesstrafe für den französischen Islamisten Maxime Hauchard, der in einem Enthauptungs-Video der IS-Terroristen identifiziert wurde, verlangt. Doch darf sich eine zivilisierte Gesellschaft auf eine Stufe mit Mördern stellen?

Zeitungsberichten zufolge leben in Frankreich fünf Millionen Muslime. Viele davon wohnen in schmutzigen Stadtvororten und gehen keinen Beschäftigung nach. Sie sind aus Gesellschaft mehr oder weniger ausgestoßen worden. Deswegen suchen viele junge Männer nach Alternativen und Anerkennung in der Religion: Es sollen sich rund 1000 Muslime mit französischen Pass der Terrorgruppe Islamischer Staat angegliedert haben.

Mindestens zwei Täter beim Anschlag auf „Charlie Hebdo“
Am 7. Januar kamen gegen 11:20 zwei schwer bewaffnete, vermummten Täter in die Redaktion von „Charlie Hebdo“. Die Adresse und die Telefonnummern des Satiremagazins auf der Rue Nicolas Appert waren eigentlich geheim. Wie die Attentäter die Anschrift herausgefunden haben, ist nicht bekannt. Das Redaktionshaus befindet sich in 11. Bezirk von Paris, es ist eine gutbürgerliche Gegend. Das erste Todesopfer war ein 42-Jähriger Mann, er war als Reinigungskraft eingestellt. Als die Täter danach die Karikaturistin Corinne Rey vor dem geschlossenen Eingang mit einer Waffe bedrohten, öffnete sie den Männern die Tür, indem sie den Zugangscode eingetippte. In den Redaktionsräumen riefen die Dschiadisten angeblich die Namen der Cartoonisten einzeln auf und erschossen sie danach. Einige Mitarbeiter der Zeitung konnten fliehen, einer setzte einen Notruf ab. Der Attentat soll nur fünf Minuten gedauert haben. Als die Täter das Gebäude verließen, tötete einer der Männer noch einen Beamten der Schutzpolizei, der angeschossen auf dem Bürgersteig lag. Sein Name lautete Ahmed Merabet.

Wie Augenzeugen berichten und Amateurvideos zeigen (hier ein Der Spiegel-Bericht auf YouTube ), riefen in die Männer fehlerfreien Französisch "Allah ist groß" und "Wir haben den Propheten gerächt", berichtete die Comics-Zeichnerin Corinne Rey der französischen Zeitung „l´Humanité“. "Das Magazin setzte sich satirisch nicht nur mit Islam, sondern auch mit Christentum  	auseinander: Die wahre Geschichte des kleinen JesusDas Magazin setzte sich satirisch nicht nur mit Islam, sondern auch mit Christentum auseinander: Die wahre Geschichte des kleinen Jesus

Staatsanwalt François Molins geht bei der Anschlag auf „Charlie Hebdo“ von "mindestens zwei" Tätern aus. Als Hauptverdächtige für den Attentat gelten die in Paris geborene Frankoalgerier, Brüder Chérif (32) und Said (34) Kouachi. Der letztgenannte hat nach Informationen des US-Senders CNN und der US-Zeitung „New York Times“ an einen Al-Qaida-Terror-Kamp in Jemen teilgenommen und wurde dort auch für Kampfeinsätze ausgebildet. Nach dem Terroristen-Training sei er wieder nach Frankreich zurück gekommen. Der jüngere Bruder soll sich ebenfalls als fanatischer Islamist geoutet und Dschihadisten für den Kampf im Irak rekrutiert zu haben. Dafür wurde er 2008 zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Die beide Männer stehen der Nachrichtenagentur AFP zufolge auf den Überwachungslisten der Amerikaner. Die Sicherheitskräfte haben heute morgen die mutmaßliche Terroristen lokalisiert und eingekesselt. Die Männer haben angeblich eine Geisel genommen und befinden sich nordöstlich von Paris, in der Gemeinde Dammartin-en-Goëlle, sie haben sich in einer Druckerei verschanzt. Die wahrscheinlichen Dshihadisten sollen nicht nur mit Kalaschnikows, sondern dazu noch mit einem Raketenwerfer bewaffnet sein.

„Der Spiegel“: Mit Satire hat die westliche Kultur das Mittelalter überwunden
Auch in Deutschland wird die Gotteslästerung bis heute bestraft (Paragraf 166 des Strafgesetzbuches). Markus Becker schreibt in dem deutschen Politmagazin „Der Spiegel“: „Wenn diese Tragödie eines zeigt, dann dieses: Eine freiheitliche Demokratie braucht Blasphemie. Denn Blasphemie stellt Dogmen infrage. Und Dogmen – seien es religiöse oder politische – sind mit ihrem absoluten Wahrheitsanspruch der natürliche Feind des kritischen Denkens.“ Becker erinnert, dass Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung nicht von den Kirchen, sondern meist gegen sie durchgesetzt wurden.

Das aktuelle Attentat war nicht das erste, welches die gesellschafts- und religionskritische Zeitung verkraften musste. „Charlie Hebdo“ hatte schon 2011 wegen seiner Mohammed-Karikaturen die strenggläubigen Muslime tief verärgert. Die Journalisten erhielten Todesdrohungen. Nach der Veröffentlichung einer „Scharia“-Sonderausgabe wurde ein Brandanschlag auf die Redaktionsräume verübt. Auch die Internetausgabe des Magazins wurde mehrfach von Hackern lahm gelegt. Doch die Journalisten ließen sich nicht einschüchtern. Für die Pressefreiheit haben sie ihr Leben riskiert und einige von ihnen nun auch ihr Leben verloren. „Mit Öl ins Feuer gießen, hat das nichts zu tun. Wenn alle (Zeitungen) die Karikaturen zeigten, würde den islamistischen Mordgesellen klar, dass sie Journalisten ermorden können, aber nicht die Pressefreiheit,“ meint Ferdinand Knauß zurecht in seinem Kommentar in der „Wirtschaftswoche“. „Charlie Hebdo“ soll auch weiterhin erscheinen, diesmal in einem Rekord-Auflage von eine Million Exemplare. Wenn die Menschen weltweit bis dato das Magazin kaum kannten, ist „Charlie Hebdo“ jetz weltbekannt.Asterix und Obelix verneigen sich vor den getöteten Journalisten 	– Zeichnung von Albert Uderzo

Große Solidarität weltweit
Nicht nur Asterix und Obelix - gezeichnet von Albert Uderzo - verneigen sich vor der mutigen Journalisten, die sich mit spitzen Humor auf die Weltprobleme los gingen, sondern auch viele Kollegen in anderen Ländern.

Im Namen Gottes darf nicht getötet werden! Vertreter der drei großen Religionen in Deutschland, Aiman Mazyek (Zentralrat der Muslime), Wolfgang Huber (ehemaliger Bischof in Berlin und Ex-Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche), Alois Glück (Zentralkomitee der deutschen Katholiken), Stephan Kramer (ehemaliger Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland), Charlotte Knobloch (Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern)haben diesen Manifest unterschrieben, der in der „Bild-Zeitung“ heute veröffentlicht wurde. Dort schreiben sie: Die Morde sind ein Angriff auf die Freiheit des Denkens, des Glaubens und unserer gemeinsamen Werte von Toleranz und Nächstenliebe, den wir zutiefst verabscheuen. /.../ Wir verurteilen jede Form von Gewalt im Namen der Religionen. Wir kämpfen für Toleranz gegenüber Andersgläubigen und auch gegenüber jenen, die unseren Glauben an Gott nicht teilen. /.../ Wir werden nicht zulassen, dass Fanatismus, Terror und Gewalt diese gemeinsamen Werte zerstören.

Die Redaktion des Baltikum-Blattes ist von der grausamen Attentat ebenso tief getroffen und schließt sich zu der weltweiten Solidaritätswelle an (asie).

Bilder: Twitter, Zeichnung von Albert Uderzo