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Die Redaktion des Baltikum-Blattes wünscht allen Leserinnen und Lesern frohe Osterfeiertage


Nordic Pulse – Musik, Freude und Freiheit

Von Tiina AtangaDirigent Kristjan JärviDirigent Kristjan Järvi
Foto: © Tiina Atanga

Im Konzert und im Gespräch mit Kristjan Järvi in Helsinki

Es ist ein kalter und etwas düsterer Frühlingstag in Helsinki. Rauer Wind und Regen schlagen ins Gesicht. als die Musikliebhaber unterwegs zur Finnland-Halle (Finlandia-talo) sind, um dem Konzert des Baltic Sea Philharmonic zu lauschen. Das junge Orchester, gegründet im Jahr 2008, gibt in diesem legendären Konzert- und Kongresshaus sein Debüt. Das von seiner Architektur berühmte Bauwerk wurde 1971 von Alvar Aalto, einem Pionier der Baukunst, konzipiert. Es ist nicht nur das Symbol von Helsinki, sondern von ganz Finnland.

Die Faszination der Erneuerung

Das Thema der aktuellen Konzerttournee ist die Auferweckung ins neue Leben. Das Programm heißt „Nordic Puls“ - hier werden musikalisch Natur und Neuerung zusammengeführt. Genau so wie beispielhafte Architektur und Akustik der Finlandia-Halle.

Schöpferisch schlägt das Orchesterherz nach dem Taktstock des Dirigenten. Vor dem Baltic Sea Philharmonic steht Kristjan Järvi, der aus einer estnischen Dirigentendynastie stammt. Genau so wie sein Vater Neeme und ältere Bruder Paavo, ist Kristjan international bekannt und hat erfolgreich in vielen internationalen Projekten mitgewirkt.

Kristjan Järvi ist im übrigen nicht nur als Orchesterleiter tätig, sondern auch als Tonsetzer: „Aurora“ für Violine und Orchester oder die Verarbeitung verschiedener Werke von Georg Friedrich Händel (1685-1759) „Too hot to Handel“.

Dementsprechend war die Vorfreude auf die Musikaufführung groß - vor allem weil bekannt ist, dass sich der Stil des gebürtigen Esten und seine Auslegungen deutlich vom Mainstream unterscheiden. Kristjan Järvi hat das klassische Musik so zu sagen umgestürzt und zeigt, dass uns Altehrwürdiges mit neuen Ideen eine ganz neue Tonwelt bescheren kann.

Grenzen überwinden

Die Orchesterprobe, den die Verfasserin dieser Zeilen miterleben dürfte, ist mit Lebensfreude beendet worden. Die Musiker, die aus den verschiedenen Ecken des Ostseeraums stammen, haben die Bühne musizierend verlassen. Der Chef scheint zufrieden zu sein. Zurecht. Denn die jungen Künstler sind hoch talentiert und Järvi und seine Musiker sind ein Team. Doch die Autorität des Dirigenten ist trotz der Kameradschaft deutlich zu spüren.

Kristjan Järvi wirkt wie ein Mensch, der nie alt wird. Daher kommt offensichtlich auch seine Künstlerphilosophie, eigene Grenzen zu überwinden.

Im Dirigentenraum sitzt ein einfühlsamer Musiker und erzählt tiefsinnig über seine Suche nach einem exzeptionellen Musikerlebnis. „Nordic Puls“ ist den Emotionen gewidmet, die jeder Mensch durch seine persönliche Welt anders erlebt. Järvi bringt vor, dass bei der musikalischen Weiterentwicklung nur die eigenen Grenzen der Phantasie im Weg stehen.Mick PedajaMick Pedaja
Foto: © Tiina Atanga

Das emotionsgeladene Konzert

Die erste aufgeführte Komposition, „Forest Cry/ Follow“ (Der Schrei/Das Weinen des Waldes /Fortführung) von Mick Pedaja löst im Publikum unbeschreiblich tiefe Gefühle aus. Die Stimme des jungen estnischen Sängers klingt emotional und cool zugleich. Das Stück ist zwar urnordisch, gleichzeitig aber universal. Stille, das Publikum genießt. Man spürt hautnah den Wind in der Baumkronen, die die Geschichte von Menschen erzählen, die vor Tausend Jahre nach Norden kamen. Wie sie sich an wunderschönen kühlen Wintertagen durch Schnee und Eis bewegten. In der Tat - unser Vorstellungsvermögen ist grenzenlos.

Der Violinist David Nebel aus der Schweiz, der mit Gediminas Gelgotas’s Konzert für Violine aufgetreten war, berichtet nach dem Konzert, mit Kristjan Järvi und dem Orchester zu musizieren war für ihn nicht nur eine große Freude, sondern auch eine unglaubliche Ehre. Das war während seines Auftritts auch zu hören: Solist und Orchester bildeten eine Einheit, während der Zuhörer die Musik genießen.

Und da ist sie wieder, die Phantasie, die sich wie ein roter Faden durch das Programm zieht - „Vientulais Engelis“ (Einsamer Engel) - Meditation für Violine und Streichorchester von Pēteris Vasks. Der Luft ist voll von bunten Motiven als die Rockmusik den Saal erfüllt.

Kristjan Järvi und sein OrchesterKristjan Järvi und sein Orchester
Foto: © Tiina Atanga

Zwangslose Klassik

Einmalig ist, dass im zweiten Teil des Programms die Orchestermitglieder stehend, ohne Noten spielen. Das auswendig gelernte Repertoire macht den Weg frei für Improvisationen. Dementsprechend bietet Kristjan Järvi dem Publikum ein Konzert sozusagen auf zwei Ebenen an. Der Dirigent meint, dass das Niveau einer Musikaufführung durchaus multidimensional und mit verschiedenen Nebeneffekten vervollständigt sein kann. Vor allem sind junge Menschen für solche alternative Konzertstrukturen zu begeistern.

Normalerweise benutzen Dirigenten keine Partitur, für die Musiker sind aber Noten eine wichtige Gedächtnishilfe. Wenn aber das Musikerteam ein Stück in- und auswendig gelernt hat, so Kristjan Järvi, bedeutet das für sie eine Art von Befreiung. So ist möglich völlige Emanzipation zu erreichen: „Auch ein Sportler zerbricht den Kopf nicht darüber, was er nicht kann. Sondern er hat das Ziel, alles zu können,“ meint Kristjan Järvi, der allgemein gegen die Rubrizieren ist.

Wie die neue Klassikkonzepte aussehen können, zeigt das Baltic Sea Philharmonic mit Pjotr Tschaikowskys (1840-1893) „Dornröschen“ - die Musiker spielen das Stück stehend und sind dem Publikum sehr nah. Und siehe da – Tschaikowsky ist wie frisch geboren, lebendig. Der Ziel ist erreicht worden.

Nach dem außergewöhnlichen und bereichernden Konzert wurde das Auftreten des Orchesters mit herzlichem Applaus belohnt. Viele Musikfreunde kamen hinter die Bühne, um dem Maestro zu danken und zu gratulieren.

Zum Abschied freut sich Kristjan Järvi, dass das Musik die Menschen vereinigt: „Es macht für unsere Orchestermitglieder keinen Unterschied, ob wir in Finnland, Russland, Litauen oder Lettland zu Hause sind. Wir sind zwar Menschen, die verschiedene Muttersprachen sprechen, doch wir verstehen uns via Musik großartig.“

Foto: © Tiina Atanga

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