Das Baltikum-Blatt

Kultur

Wir sagen nur Dunkles

Veröffentlicht: 30. September 2017

 

Böttinger: "Wir sagen nur Dunkles", BuchcoverVon Thomas Michael, Stuttgart

Am 26. September fand im Stuttgarter Literaturhaus ein Gespräch statt, das Denis Scheck mit dem Buchautor Helmut Böttiger führte. Das Thema war die Liebesbeziehung des Dichters Paul Celan mit seiner Berufsgenossin Ingeborg Bachmann (gelegentliches Pseudonym Ruth Keller), über die Böttiger ein Buch „Wir sagen uns Dunkleshttps://www.randomhouse.de/Buch/Wir-sagen-uns-Dunkles/Helmut-Boettiger/DVA-Belletristik/e449945.rhd geschrieben hat.

Anlass für das Buch war, dass der Autor in einer Buchhandlung Neuausgaben von Gedichtsbüchern fand, in denen auch Werke Celans abgedruckt waren. Dessen Schreibstil hatte Böttiger fasziniert.

Der Schriftsteller, Literaturkritiker und Essayist begann um 2013/14 seine Recherchen, um herauszufinden, was Celan und Bachmann zusammengebracht hatte. Dabei erwähnte er eine Sendung im damaligen Süddeutschen Rundfunk aus dem Jahr 1954, in der Celan ein Interview gegeben hatte. Der Lyriker sei nicht so leicht zu fassen, wie es scheint, meinte Böttiger in Stuttgart; so wollte der Dichter beispielsweise seine „Todesfuge“ bald nicht mehr anführen. Er habe sich zudem an Rainer Maria Rilke orientiert, sei durch seinen Vortragsstil aufgefallen, habe eine hohe Literatursprache gepflegt, sei politisch aber linksorientiert gewesen. Celan, der in Paris lebte, wollte im deutschsprachigen Raum nicht bekannt werden.

Ingeborg Bachmann versuchte, mit ihrer Dichtkunst den Weg aus dem Naziterror zu finden. Die Literatur sei ihr privater Raum gewesen, sie wollte ihren Stil nicht durch ein Studium schädigen. Sie versuchte, ihre Lebensumstände „artistisch zu verbergen“. Mit der Liebe der beiden Gedichteschreiber prallten zwei literarische Welten aufeinander. Celan erkannte Bachmanns Sprachstil; er selbst habe hochrangige Literatur verkörpert, weg vom Kaffeehaus-Niveau, so Böttiger.

Bachmann wollte nach Paris nachziehen, um mit Celan zusammen zu sein, was ihr aber erst nach zwei Jahren gelang. Der gemeinsame Alltag erwies sich als schwierig; der Dichter bemerkte, dass seine Geliebte seine Schülerin zu werden drohte, da Bachmann seinen Schreibstil annahm. Dies führte zuletzt zur Trennung. Erst bei einer Veranstaltung einer „Gruppe 47“, eines Forums deutschsprachiger Literat(inn)en, zu denen Hans-Werner Richter 1947-67 regelmäßig einlud , sah das einstige Liebespaar sich zufällig wieder.

In der Folge des Abends las Böttiger aus seinem Buch. Darin wird ein Brief zitiert, in dem die Liebenden als „zu Hause Liebende, in der Öffentlichkeit aber als Feinde“ bezeichnet werden. Celan habe die Leiden der Juden in der Nazizeit in Worte gefasst. Die beiden bekannten Lyriker selbst empfanden sich als in der Dichtkunst ebenbürtig. Bachmann war, untypisch für die damalige Zeit, emanzipiert und wollte sich keinem Mann unterordnen.

Originalwortlaut des Begleittextes zur Einladung

Es ist eine Liebesgeschichte, um die sich viele Legenden ranken: Ingeborg Bachmann und Paul Celan lernten sich als junge, noch unbekannte Lyriker im Frühling 1948 kennen, und ihre Beziehung dauerte bis Anfang der Sechzigerjahre, als beide schon längst zu den bedeutendsten Dichtern der deutschen Nachkriegszeit zählten. „Im Mai 1948 war Bachmann knapp zweiundzwanzig und Celan siebenundzwanzig Jahre alt, und sie hatten wenig mit den beiden mythischen Figuren gleichen Namens zu tun, die in den siebziger und achtziger Jahren die deutschsprachigen Universitätsseminare beherrschen sollten. Das Dichterpaar verbrachte nur sechs Wochen gemeinsam in Wien. Aber diese Zeit ist der rätselhafte Kern ihrer Beziehung, ihr privater Mythos und der Quell unzähliger späterer Zuschreibungen“, schreibt Helmut Böttiger in der Geschichte dieser Liebe „Wir sagen uns Dunkles“.

Geboren 1956 in Creglingen, lebt Helmut Böttiger seit 2002 als freier Autor und Kritiker in Berlin. Für sein Buch „Die Gruppe 47“ wurde er 2013 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. In diesem Jahr erschien von ihm zudem in überarbeiteter Neuauflage „Celan am Meer“.

Paul Celan wurde 1920 in Czernowitz (damals Rumänien, heute Ukraine) geboren. Er starb vermutlich 1970 in Paris. Er hieß ursprünglich Paul Antschel, später rumänisiert Ancel, woraus das Anagramm Celan entstand.

Ingeborg Bachmann (1926-1973) war eine österreichische Schriftstellerin. Sie gilt als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen und Prosaschriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Ihr zu Ehren wird seit 1977 jährlich der gleichnamige Preis verliehen.

Buchcover © Verlag dtv