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Späte Liebe: Senioren haben Recht auf eigenes Glück

Altes Paar - SymbolbildVon Aino Siebert

Gefühle kennen keine Altersgrenze. Heutzutage ist ganz normal, dass die Frauen und Männer im Seniorenalter nach Liebe sehnen. Dementsprechend sind viele Alleinstehende auf der Suche nach einen neuen Partner. Viele Partnerschafts-Agenturen haben sich auf die Senioren spezialisiert. Einen Herzblatt können die ältere Menschen ebenso überall frisch entdecken oder sie lassen ihre langjährige Beziehung wieder aufblühen.

Noch vor etwa 20 Jahren wurde in Deutschland von der Kirche, Gesellschaft und Familienmitgliedern erwartet, dass geschiedene und verwitwete Frauen oder Männer ewig im Trauer ohne neuen Partner weiter leben müssen. Auch das Sexualleben der Menschen mit 60+ wurde tabuisiert. Es galt unmoralisch ab einem gewissen Alter über geschlechtliche Betätigung oder Sehnsucht nach erfülltem Liebesleben reden. Dann kam der Film „Wolke 9“ von Andreas Dressen 2008 in die Kinos. Er thematisiert Liebe und Sex im Alter. Der Titel leitet sich von dem Ausdruck Cloud Nine ab, der englischen Entsprechung der deutschen Redensart „auf Wolke Sieben sein“.

Der Film zeigt das Schicksal von Inge (Ursula Werner). Sie geht auf die 70 zu und ist seit dreißig Jahren mit ihrem Werner (Horst Rehberg) verheiratet. Die Ehe verläuft routiniert. Die beiden haben Sex miteinander und sind auch irgendwie ganz glücklich. Als Inge dann 76-Jährigen Karl (Horst Westphal) trifft, beginnt sie eine Affäre mit ihm. Später trennt sich das Ehepaar und Inge zieht endgültig zu Karl.

„Es hat mich angeödet, dass die Gesellschaft immer älter wird, es aber nicht die dazugehörigen Bilder gibt – Liebe und Sex hören ab einem bestimmten Alter scheinbar auf zu existieren,“ sagte der Regisseur seinerzeit den Presseagentur dpa. Bei seiner Premiere in Cannes wurde der Film begeistert aufgenommen, es gab zehn Minuten Beifall im Stehen. Die Süddeutsche Zeitung nannte „Wolke 9“ einen „mutigen und bewegenden Film“.

Änderungen der Gesellschaft wahr nehmen
Langsam haben sich gesellschaftliche Einstellungen in Deutschland geändert: Normen für die ältere Generation gibt es nicht mehr. Immer mehr Kinder und Enkelkinder freuen sich, wenn Oma oder Opa Schmetterlinge im Bauch haben und vom gelebten Liebestraum erzählen. Eine glückliche und harmonische Zweierbeziehung ist für die Frauen und Männer gerade dann wichtig, wenn es auf das Rentenalter zugeht und die Kinder das Haus verlassen. Plötzlich haben die Menschen keine festen Verpflichtungen mehr. Dadurch können Senioren ihr Leben aus einem anderen Blickwinkel beobachten und es entsprechend neu ordnen. Jetzt ist für sie Zeit gekommen, eigene Bedürfnisse und Wünsche auszuleben.

Im Lebensherbst wagen es sogar immer mehr Menschen (wieder) zu heiraten. Das alte Familienmodell, in welchem die Kinder später ihre Eltern zu versorgen hatten, funktioniert nicht mehr. Die Nachkommenschaft lebt oft weit weg vom Elternhaus, hat eigene Familien mit Kindern. Da ist kein Platz mehr für Mutti und Vati. Die junge Generation ist selbstbewusst und lässt sich von den Eltern nicht herum kommandieren. Auch die „veralteten“ Ansichten der Eltern sind nicht mehr willkommen. Das alles macht ein dauerhaft friedliches Zusammenleben unter einem Dach unmöglich. Die Kinder leben entsprechend ihr eigenes Leben mit eigenen Freundeskreis, die Eltern sind wiederum oft alleine, sogar einsam in ihrer Welt. Wenn es dann eines Tages gesundheitlich gar nichts anderes geht, werden die Eltern von Kindern ins Pflegeheim „abgeschoben“, wo sie sich meistens nicht wohl fühlen.

So ist es nur zu begrüßen, dass Senioren ihre Chancen in einer (neuen) Partnerschaft entdeckt haben, in der sie bis zum Lebensende den Alltag nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten. In einem Zweierbeziehung sind die ältere Menschen glücklicher, berichten die Psychologen. Senioren von heute sind wesentlich unbefangener, sie haben meistens gelernt einen Lebensgemeinschaft mit gleichaltrigen zu schätzen, mit einem Alterslockerheit haben sie die Fähigkeit, aufgetauchte Probleme und Meinungsunterschiede zu lösen. Auch mit ernsten Problemen wie Krankheit oder Pflegebedürftigkeit können die Menschen im Alter in eine Beziehung besser umgehen, wenn sie offen über die neue Situation reden, den Alltag entsprechend organisieren und die Aufgaben auf mehrere Schultern verteilen.

Wenn erwachsene Kinder ihren Eltern das neues Glück nicht gönnen
Das alte, traditionelle Familienmodell kann seltsame Blüten treiben. Es kommt vor, das erwachsene Kinder dem verbliebenen Elternteil nach dem Tod der Mutter oder des Vaters ein selbstbestimmtes Leben und ein neues Glück nicht gönnen. Gründe können nostalgischer Natur sein, das Elternhaus hat so weit als möglich fortzubestehen - die Mutter oder der Vater hat bis zum eigenen Ende um den verstorbenen Partner zu trauern. Auch kann falsch verstandene Fürsorge dazu führen, dass die Kinder aus der tiefsten Überzeugung meinen, nur sie können den Lebensabend der Mama oder Papa gestalten und berechtig sind, den verbleibenden Elternteil geistig und materiell zu entmündigen. Letztlich kann auch der schnöde Mammon, genauer die Aussicht auf eine Erbschaft zur Ablehnung eins neuen Partners führen obwohl heutzutage sich jede gesetzlich per Vertrag bei einem Notar absichern kann.

Ein besonders krasser Fall erreichte unsere Redaktion. Erwachsene Söhne in Deutschland sind mit dem neuen Glück ihrer Vater nicht einverstanden. Unter dem Leitworten „aus Liebe“ versuchen die Kinder seit Monaten ihren Vater das Leben schwer zu machen. Sie drohen ihm mit „ grausamen Liebesentzug“ wenn er nicht den Vorstellungen der Stammhalter von dem Leben eines Witwers folgen sollte. Die Bevormundung des Vaters ging bis zur seelischen und physischen Gewalt gegen ihn und seine neue Begleiterin.

Der alte Mann hat sich sein Lebensabend anderes vorgestellt. Der 79-Jährige liebt seinen Nachwuchs über alles, er vergöttert seine Enkel. Aber er liebt nun mal auch seine Greta (75)*, den er nach zwei Jahren nach dem Tod seiner geliebten Frau erneut zufällig getroffen hat. Solch eine Beziehung noch am Lebensabend aufzubauen zu können, ist ein großes Glück.

Die Kinder von Anton* unterstellen der selbstständigen, durchaus gesellschaftlich gut positionierten, kinderlosen Frau eine Erbschleicherin zu sein. Obwohl der Vater das Haus, das er mit seiner Frau aufgebaut hatte, den Kindern überschrieb, um seine Familie zu beruhigen setzt sich der Terror fort bis ein braver Opa in seiner Altenwohnung oder im Heim sitzt und auf sein Ende wartet.

Für Anton gibt es nur drei Möglichkeiten: Die Kinder akzeptieren endlich den Wunsch des Vaters, sein Lebensabend mit Greta zu verbringen. Oder Vater selbst ermöglicht weiter, dass seine Kinder ihn und seine große Liebe auch in der Zukunft peinigen oder Anton zieht den Schlussstrich und widmet sich voll auf seine erfüllte Beziehung.

Eltern sind kein Eigentum der Kinder. Genau so wie umgekehrt. Die Lebensleistung der Eltern, Kinder großgezogen und gut ausgebildet zu haben, muss Respekt verdienen. Ein harmonisches und herzliches familiäres Zusammensein ist nur dann möglich, wenn alle Familienmitglieder sich gegenseitig schätzen. Dazu gehört auch das Anerkennung der freien privaten Entscheidungen der Anderen.

Wenn die Kinder aber ihre Liebe zu Mama und Papa davon abhängig machen, wie brav ihre Eltern ihre Diktate noch im Erwachsenenalter verfolgen, dann haben die Kinder ihre Eltern noch nie geliebt. Liebe bedeutet vor allem Würde und Freiheit des Anderen das Leben eigenständig nach eigenen Vorstellungen zu gestalten.

*Namen wurden von Redaktion geändert

Symbolfoto: Das Baltikum-Blatt / AWSiebert

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