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Seelensehnsucht und Herzensstück

Lutz Dettmann stellt in Estland sein Buch „Anu – Eine Liebe in Estland“ vorLutz Dettmann stellt in Estland sein Buch „Anu – Eine Liebe in Estland“ vorVon Tauno M. Lang, München

In den vergangenen Jahren sind Biographien geradezu wie Pilze aus dem Boden geschossen.

Mit seinem Roman „ANU - Eine Liebe in Estland“ hat Lutz Dettmann ein Konstruktionsmuster gewählt, das den Leser auf eine interessante Reise durch Raum und Zeit der kleinen baltischen Republik Estland mitnimmt.

Der Protagonist, der Deutschbalte Christoph Scheerenberg, kommt im Sommer 1938 als junger Medizinstudent aus Rostock in seine Geburtsstadt Tallinn/Reval, in der Absicht, sich während der Semesterferien auch in Ruhe mit seinen Studien zu beschäftigen. Statt aber die Nase in die Bücher zu stecken, hat er nur noch Augen für die 18 Jahre junge und bildhübsche Estin Anu auf der Insel Hiiumaa/Dagö.

Es kommt, wie es kommen muss: Die beiden verlieben sich Hals über Kopf ineinander und erleben miteinander stürmische Leidenschaften auf einer Insel voller Seligkeit. So sieht es jedenfalls Christoph in seiner pennälerhaften Naivität und emotionalen Tollpatschigkeit. Aber Anu ist sehr viel reifer und holt ihn immer wieder mit ihrer entwaffnenden Natürlichkeit und ihrem untrüglichen Blick für die Realität auf den Boden der Tatsachen.

Die Beiden verlieren sich, trotz Zukunftspläne und heißer Liebesbriefe, für Jahre aus den Augen, denn die Zeichen der Zeit stehen nicht nur seismographisch auf Sturm. Das Baltikum gerät bereits vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zwischen die Mühlsteine von Hitler und Stalin und so kehrt Christoph im Herbst 1943 als Truppenarzt nach Estland zurück, abkommandiert an die Ostfront zum sanitären Kampfeinsatz mit körperlicher und seelischer Verwundung. Erst im kommenden Frühjahr werden sich Anu und Christoph auf der Insel Hiiumaa wiedersehen, nur eine Woche haben sie füreinander, in der nur der Augenblick zählt, denn die Kriegshölle rüstet bereits zum letzten Gefecht auf Estlands Erde. Scheerenberg desertiert 1944 und schließt sich den Waldbrüdern (estnische Freiheitskämpfer) an, um im Widerstand als Estländer gegen die sowjetischen Besatzer zu kämpfen. Auf verschlungenen Pfaden gelangt er nochmals nach Hiiumaa zu Anu, aber sie werden verraten, verhaftet und es kommt zur endgültigen Trennung auf Nimmerwiedersehen. Im letzten Moment gelingt dem Protagonisten jedoch die Flucht. In der DDR und im später vereinten Deutschland wird er sich eine neue Existenz aufbauen, dort scheinbar unbehelligt bis ins hohe Alter hinein in Rostock leben und auch vereinsamt sterben.

Der Schriftsteller Dettmann hat, abgesehen von einigen Ungereimtheiten, die Kriegszeit in Estland mit Personen und Ereignissen erstaunlich gut recherchiert und die hilfreichen Fußnoten vermitteln zudem ein lebhaftes Textverständnis. Das macht darüber hinaus neugierig, mehr über die wechselvolle Geschichte des Landes im Norden und seine Menschen zu erfahren. Denn bis vor einem Vierteljahrhundert waren Estland und seine baltischen Nachbarn auf der politischen Bühne und im Bewusstsein der westlich orientierten Weltöffentlichkeit in Vergessenheit geraten.

Nicht so für die tragisch anmutende Romanfigur Christoph Scheerenberg, immerhin lebte er in der sowjetischen Einflusssphäre. Die Frage bleibt offen, warum er niemals den Versuch unternommen hat, Estland noch zu Zeiten des Kalten Krieges aufzusuchen. Selbst als die Baltischen Staaten ihre Unabhängigkeit erkämpft hatten, konnte er sich unbegreiflicherweise nicht dazu aufraffen. Es ist wenig glaubhaft, dass es ihm als Arzt zu Lebzeiten unmöglich war zu Anu - die heiß beschworene Liebe seines Lebens, wenn sie denn wirklich eine war!- wieder Kontakt zu finden. War es für ihn etwa bar jeder Vorstellung, ein Kind in Estland zu haben, das darauf wartete, dass der ersehnte Wunsch in Erfüllung geht, dem eigenen Vater zu begegnen? Wie hält er’s denn mit „In Treuen fest!“ Fragezeichen bzw. Treue zu was? Er ist nicht mal sich selbst treu geblieben, verhaftet im starren Korsett zwischen Anpassung und Ergebenheit. Von „Führer befiehl!“ bis zu „Die Partei hat immer recht!“ ist der Übergang geradezu nahtlos, denn als Zeitgenosse ist er von der braunen zur roten Diktatur in einem durchgegangen. Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Stattdessen zerfließt er in seiner Lebensbeichte in eine mitleidige Selbstanklage und erwartet als jämmerlicher Scheißkerl vom Leser seine Absolution. Es gibt auch ein „zu spät!“

Aber etwa unter dem Aspekt, dass Diktaturen jeglicher Couleur nur das Opfer für die Sache kennen, aber nicht die Opfer der Sache. Die Kriegsgeneration musste mit den grausamen Erlebnissen und ihren Folgen weiterleben und selbst versuchen, mit den post-traumatischen Belastungsstörungen über die Runden zu kommen. Das gilt sicherlich vorrangig für die Esten, aber auch für die Deutschbalten, denen viel zu spät zu Bewusstsein gekommen ist, dass sie als Manövriermasse schändlich dazu benutzt wurden, ihre angestammte Heimat im Baltikum nach 700 Jahren aufzugeben. (Ein Rätsel wird es dennoch bleiben, warum Christoph Scheerenberg es seiner Seele so schwer gemacht hat.)

Ein ganz besonderer Wurf gelingt Lutz Dettmann in all den Passagen im Roman, wenn Estland bzw. hier die Insel Hiiumaa in seiner unvergleichlichen Naturschönheit mit Innigkeit und Hingabe beschrieben wird. Der Leser taucht in Wahrnehmung von Geruch und Ton und Bild und Sinn dann auf nicht erklärbare Weise zart ein und will mit seiner vital atmenden Erinnerung darin verschwimmen. Estland ist klein und man braucht keine Teleskope, sondern Mikroskope und es ist eine Landschaft für die Liebe auf den ersten Blick, die einem den Kopf verdreht, weil es so wunderbar anders ist. („Mis maa see on?“ – „Was für ein Land ist das?“) Anu hat recht, wenn sie von der „Sehnsucht der Seele nach dem zurückgelassenen Stück des eigenen Herzens“ in Estland erzählt – Weitersagen! und das Buch über Anu lesen.

„Wem der große Wurf gelungen,
Eines Freundes Freund zu sein,
Wer ein holdes Weib errungen,
Mische seinen Jubel ein!

Anu- BuchumschlagAnu- Buchumschlag

Ja - wer nur eine Seele
Sein nennt auf dem Erdenrund!
Und wer’s nie gekonnt, der stehle
Weinend sich aus diesem Bund.“

(aus „Die Ode an die Freude“ v. Friedrich von Schiller)

A n u
Eine Liebe in Estland

Von Lutz Dettmann
384 Seiten, 19,99 Euro
Universitas Verlag München
ISBN 978-3-8004-1509-0

Im Estnischen:
A n u
Aja-, sõja- ja armastuslugu Eestimaal

Autor Lutz Dettmann
Übersetzung Kerstti Kittus
Redaktion Viivika Rõuk
Verlag Sinisukk, 464 Seiten
ISBN 978-9949-34-019-4

Der Autor Lutz Dettmann ist 1961 in Crivitz geboren. Seit vielen Jahren pflegt er enge Kontakte zu Estland. Aus einem offiziellen Jugendaustausch von 1974 sind Freundschaften und Liebe zu diesem Land entstanden. Bekannt wurde Dettmann durch seinen ersten Roman „Wer die Beatles nicht kennt“, der die Jugendjahre und das Erwachsenwerden der männlichen Hauptfigur in der DDR der 1970er Jahre schildert. Sein zweiter Roman „Tiefenkontrolle“ setzt die Geschichte fort, er spielt in der Zeit des Wehrdienstes in der Nationalen Volksarmee. Schauplätze beider Romane sind Schwerin, Crivitz und Umgebung. „Sommertage in Estland“ ISBN 3-932370724 ist ein Reisetagebuch, das er während einer Reise 2000 durch Estland geführt hat.

Mit Till Endemann schrieb Dettmann das Drehbuch für „Fröhliche Weihnachten“ nach einer Kurzerzählung von ihm. Der Kurzfilm wurde von der Filoufilm Dresden produziert und hatte seine Premiere während des Shanghai-Filmfestivals im Sommer 2009. DVD-Premiere Januar 2010, Fernsehpremiere im Dezember 2010 beim mdr, danach bei ARD-Festival.

Dettmann ist Szenepreisträger der Stadt Schwerin 2007 für das beste Buch („Tiefenkontrolle“). Weiland-Krimipreisträger 2005 und 2007. Die Erzählungen sind in den Bänden “Der Mord am Schwarzen Busch”, “Der Petermännchenmörder”, Weiland 2005 und 2007 enthalten.

Foto: © Postimees, mit freundlicher Genehmigung

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