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Der Verrat – „Pobeda 1946“ von Ilmar Taska

"Pobedja" von Ilmar Taska, Buch-CoverVon Aino Siebert

Der estnische Autor Ilmar Taska erzählt in seinem Buch „Pobeda 1946“ ( Kommode-Verlag) über das Leben einer Familie in der grausamen Zeit der sowjetischen Besetzung.

Der Vater, der sich für die Wiederherstellung der Unabhängigkeit Estlands eingesetzt hatte, versteckt sich im Haus in einem Zimmer. Niemand soll wissen, wo das Familienoberhaupt ist. Die Mutter scheint immer schlecht gelaunt zu sein, sie zeigt ihrem Ehemann die kalte Schulter. Der Junge, sechs Jahre alt, nimmt zwar die obskure häusliche Atmosphäre wahr, doch er ist zu jung, die Gründe dafür zu verstehen. Das Kind versucht mit Spielen im Freien die schlechte Stimmung zu Hause zu überwinden. Besonderes gerne spielt er einen Busfahrer.

Bis zu dem Tag als eine wunderschöne glänzende Limousine „Pobeda“ (auf Russisch „Sieg“) neben ihm hält und der Fahrer ihm anbietet, ihn mitzunehmen. So nimmt das Schicksal seinen Lauf. Denn der fremde Mann weiß, wie Geheimnisse aus einem Kind herauszulocken sind.

Der kleine Junge wird zur Schachfigur in einem unmenschlichen politischen Spiel. Der KGB-Major macht das Kind zum Verräter an der eigenen Familie: Er lässt den Vater des Buben aus seinem Versteck zu holen, danach verführt er die Mutter mit Schokolade, Blumen und Sex um sie später hinzurichten.

Als „Belohnung“ für sein Verrat wird das Kind in verschiedene sowjetische Erziehungseinrichtungen geschickt, mit dem Ziel aus ihm einen „wertvollen“, sprich gehorsamen, sowjetischen Bürger zu züchten.

Als die Tragödie zu ihrem Ende kommt, gibt es keine Gewinner. Alle sind Opfer des menschenverachtenden Regimes - auch die Täter, die Gefangene der eigenen besessenen Vorstellungen sind und sich keine Gedanken über das System machen, dem sie dienen.

Parallel wird aus der Sicht der Jungen noch die Liebesgeschichte von Mutters Schwester Johanna, einer ehemaligen Opernprimadonna des Nationaltheaters „Estonia“ und ihren britischen Geliebten Alain erzählt.

Sonst kommen alle Protagonisten im Buch ohne Namen aus. Sie sind stellvertretend für die leidende Nation und für die grausamen Täter des Diktators Jossif Stalin.

Das Buch ist spannend. Ilmar Taska ist ein guter Erzähler. Etwas unglaubwürdig wirkt, dass ein Sechsjähriger, der bedenkenlos dem Onkel vertraut, dann doch mental reif ist komplizierte Analysen vorzunehmen. Das er einem Fremden, egal wie überzeugend er in seinem Auftritt auch ist, mehr Glauben schenkt als den Familienmitgliedern.

Gleichzeitig schafft Taska brillant viele Facetten des damaligen Lebens zu skizzieren. Die Unbeschwertheit ist mit der Okkupation verschwunden. Jeder versucht in der „neuen grauen Welt“ mit der sowjetischen Brutalität, mit Lebensmittelknappheit und Wohnraumnot klar zu kommen. Die Szenen, die Schicksale gehen unter der Haut. Als Leser fühlt man mit. Man begreift, wie schwer es im damaligen Zeit war, vor allem Kindern, festzustellen, wer gut, wer verdorben, wer lügt, wer ehrlich, wer ein Held und wer ein Verräter ist. Wem kann man trauen, wem muss man misstrauen?

Info:

Das souveräne Estland war schon vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs ins Visier der zwei Aggressoren, Sowjetunion und Nazi-Deutschland, geraten. Beide Großmächte verhandelten im August 1939 ungeniert über ihre Einflussbereiche auf der Territorien von Europa, darunter denen der drei baltischen Staaten. Der Außenminister von Adolf Hitler, Joachim von Ribbentrop, kam nach dem Verhandlungen nach Moskau, um mit seinem sowjetischen Amtskollegen Wjatscheslaw Molotow und im Beisein des roten Diktators Jossif Stalin einen Freundschaftspakt zu unterschreiben, der es Hitler ermöglichte Polen zu überfallen und Stalin die in geheimen Protokollen angeführten Staaten zu besetzen. Darunter war auch Estland.

1940 beginnt im Ostseeland die erste sowjetische Okkupation. Die Stalins willigen Helfer starten gleich den Terror gegen die Bevölkerung. Die geistige Elite der bisher souveränen Republik wird ermordet oder nach Russland verschleppt. Moskau leitet auch Deportationen an – Leittragende sind nicht nur Männer, sondern auch Frauen, Schwangeren, Babys, alte Menschen. Mit dem Barbarei der Sowjets ist erst nach der Beginn der Operation Barbarossa am 22. Juni 1941 zu Ende als der einstige Freund Hitler die Sowjetunion überfällt. Nun annektieren die deutsche Truppen das kleinstes baltisches Land und bleiben bis der erneuten Einmarsch der Roten Armee 1944.

Danach übernimmt Moskau in Estland wieder die Regie. Die selbsternannten „Befreier“ beginnen sofort aufs Neue mit Verhaftungen, Ermordungen und Deportationen der Bevölkerung. Die Esten verabscheuen den neuen Herrscher, denn sie haben schon während der ersten Okkupation (1940/41) die Brutalität Kremlherrschers auf eigene Leib erfahren müssen.Viele Männer flüchten nun ins Wald (Waldbrüder) und leisten von dort aus Widerstand gegen den blutdürstige Machthaber. Gleichzeitig hofften die Esten, dass der Westen ihnen zur Hilfe kommt und sie von abwürgenden Umarmung des roten Diktators befreit.

Europa ist nach dem Kapitulation Nazi-Deutschlands im Jahr 1946 mit einem eisernen Vorhang geteilt, kalte Krieg hat begonnen. Die Wege der einstigen Kriegsverbündeten haben sich getrennt. Der Westen will mit dem Befreiung der Staaten, die nun im Einflusssphäre Moskaus stehen, die zarte Frieden mit einem weiteren „heißen Krieg“ auf dem Kontinent nicht gefährden. So warten die Esten vergebens auf das rettende „weiße Schiff“. Im festen Griff des Okkupanten sind die Menschen des kleines Landes auf sich selber eingestellt.

Die Ohren und Augen des sowjetischen Geheimpolizei, KGB, sind überall. Sowjetische Staatssicherheit hat schon seit dem Oktoberrevolution 1917 während Machtübernahme der Kommunisten in Russland reichlich Erfahrungen gesammelt, wie die Regimegegner zu bekämpfen sind. Sowohl Wladimir Lenin als sein Nachfolger Jossif Stalin ließen Millionen Unschuldiger verhaften, quälen, ermorden oder deportierten sie im Viehwaggons ins Arbeitslagern, wo unzählige Menschen zerbrachen und starben. Kommunisten erpressten unter Foltern Geständnisse und organisierten Schauprozesse. Die Peiniger machten normale Bürger, die einfach überleben wollten, zu Denunzianten. Nun gehen sie mit gleichen Methoden in Estland vor. (asie)

Ilmar Taska, geboren 1953 in Wjatka (Bezirk Kirow in Russland) ist ein estnischer Filmregisseur, Produzent, Drehbuchautor und Schriftsteller. Er machte 1971 in Tallinn Abitur und studierte danach an der Moskauer Filmhochschule, wo er den Abschluss in Filmwissenschaft machte. Anschließend arbeitete er zwei Jahre bei „Tallinnfilm“, bevor er 1978 nach der Eheschließung mit einer Schwedin die damals Estnische Sozialistische Sowjetrepublik verließ und nach Schweden emigrierte. Dort war Taska als Schauspieler und Regisseur tätig. 1985 ging er mit einem Stipendium in die USA, wo er als Drehbuchschreiber und Produzent, unter anderem auch in Hollywood arbeitete.

Nach dem Erfolg seiner Kurzgeschichte „Pobeda“ entschloss Taska sich zum gleichen Thema einen Roman zu verfassen und publizierte 2016 den Roman Pobeda 1946. Der Titel verweist auf den 1946 auf den Markt gebrachten sowjetischen GAZ-M20 Pobeda (russisch победа für Sieg) und wirkt somit symbolisch, weil er die sowjetische Fremdbestimmung in Estland zum Ausdruck bringt. Das Buch wurde von der Kritik sehr gelobt, u. a. weil es „gut seine aufklärerische, einem Geschichtsbuch ähnliche Aufgabe erfüllt. (Wikipedia)

 

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