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Finnlands Eiertanz

Cover des Buches von Risto Niko „Wer erschoss den Kapitän Iwan Below?“Cover des Buches von Risto Niko „Wer erschoss den Kapitän Iwan Below?“Von Aino Siebert

Die finnisch-estnische Autorin Sofi Oksanen hat ihren neuen Roman „Als die Tauben verschwanden“ in Deutschland veröffentlicht. Im ihren Werk geht es um die sowjetische und deutsche Okkupationen in Estland. Oksanen behauptet in einem Interview mit der deutschen Nachrichtenagentur dpa, dass ihre Generation nicht mehr weiß, was die Sowjetunion war: „Bei der Finnlandisierung *) ging es um reine Schaufensterpolitik für die Sowjetunion. Dem Rest der Welt sollte gezeigt werden, dass sie in Frieden mit den Nachbarn leben kann, die unabhängig sind. In Wahrheit hat Moskau sogar kontrolliert, was in Finnland in den Schulbüchern über die Sowjetunion geschrieben wurde. Ich bin Teil der Generation, die letztlich durch die Finnlandisierung betrogen und hinters Licht geführt wurde,“ sagte die Schriftstellerin gegenüber dpa.

Die Mutter von Oksanen ist eine Estin, der Vater ein Finne. Sie selbst ist in der zentral-finnischen Kleinstadt Jyväskylä aufgewachsen. In Interview mit der dpa berichtet die 37-Jährige, dass sie sich durch die sowjetfreundliche Nachkriegspolitik Finnlands betrogen fühlt.

Finnlands schwieriger Weg in die Unabhängigkeit
Die Beobachtungen von Oksanen sind jedoch oberflächlich. Finnland konnte nur Dank seiner neutralen, scheinbar sowjetfreundlichen Politik, auch nach zwei Kriegen mit Russland und der Kooperation mit dem deutschen Diktator Adolf Hitler seine Unabhängigkeit bewahren. Im übrigen war Finnland nicht das einzige Land in Europa, das sich um gute Beziehungen mit kommunistischen Riesenreich bemühte. Auch die Bundesrepublik baute schon unter Konrad Adenauer diplomatische Beziehungen mit Moskau auf und konnte so die dort festgehaltenen Kriegsgefangenen zurück in die Heimat holen. Später wurden unter Bundeskanzler Willy Brandt verschiedene Ostverträge abgeschlossenen, um die Verhältnis zwischen West und Ost zu entspannen.

Finnlands Weg zu Freiheit war steinig. Für die Autonomie des Landes haben tausende Finnen ihr Leben geopfert. Ein kleines Land mit rund sechs Millionen Einwohner kann nur dann mit einem Riesenreich als Nachbar friedlich leben, wenn es eine kluge, weitsichtige Politik betreibt.

Finnland wird sich auf diesjährigen Frankfurter Buchmesse als Gastland präsentieren. So ist es angebracht, einen kurzes Blick auf die Geschichte des Landes zu werfen. Finnland, das seit 1809 ein autonomes Großherzogtum im Russischen Zarenreich war, erklärte sich nach der Oktoberrevolution, am 6. Dezember 1917 für unabhängig. Mit langen Zähnen hat der erste Sowjetführer Wladimir Lenin in Januar 1918 die Souveränität der neuen Republik anerkannt, um dann gleichzeitig dort einen neuen Umsturz zu planen. Dass Finnland damals unabhängig blieb, ist nur den Tatsache zu verdanken, dass die deutschen Truppen ein Monat später das Land erreichten und Lenin ganz andere Probleme in seinem jungen bolschewistischen Staat hatte. Doch auch sein Nachfolger Jossif Stalin wollte den „Verlust Finnlands“ nicht hinnehmen. Der im August 1939 geschlossene Hitler-Stalin-Pakt wies das Land der sowjetischen Interessensphäre zu. Der Angriff der Sowjetunion auf deutlich kleinere Finnland am 30. November 1939 bildete den Auftakt für den Winterkrieg, der mit dem 1940 abgeschlossenen Friedensvertrag die Gebietsverluste in Karelien zur Folge hatte. Das Land versuchte später mit Hilfe der Truppen von Hitler das verlorengegangene Territorium zurück zu gewinnen, musste jedoch im sogenannten Fortsetzungskrieg erneut schmerzhafte Verluste hinnehmen. 1944 folgte dann ein Waffenstillstand.

Um unabhängig zu bleiben, und nicht wie die baltischen Staaten besetzt zu werden, schloss das skandinavische Land drei Jahre später den Finnisch-Sowjetischen Vertrag ab. Bis zum Beitritt 1990 zum Europarat und 1995 in die Europäische Union blieb Finnland streng neutral und wurde deshalb oft wegen seines „Gehorsams“ gegenüber der Sowjetunion kritisiert. Die finnische Politiker wussten jedoch, dass der Preis für die Unabhängigkeit freundschaftliche Beziehungen zu der mächtigen Nachbar im Osten waren.

Kritische Schriften und Aussagen gegen Sowjetunion erlaubt
Trotz der äußerlich guten Beziehungen zur Sowjetunion hat in Finnland niemand verboten, sich kritisch über das rote Reich zu äußern. Auf dem Büchermarkt, aber auch in den Tagesmedien gab es genügend persönliche Erinnerungen oder Sachinformationen. Die Presse war in Finnland frei. Wenn die Generation von Oksanen die wahre Geschichte der Sowjetunion nicht kannte, dann beruht dies nur auf dem Mangel an Interesse, nicht an dem Fehlen von Informationen. Die Finnen nutzten oft die Möglichkeit nicht nur Tallinn, sondern auch St. Petersburg, Moskau, Sotschi oder Jalta zu besuchen und nur wenige, in der Regel finnische Kommunisten, sahen die Sowjetunion in rosigen Farben. Die Menschen in Finnland waren durchaus fähig einen realen Blick hinter die roten Kulissen zu werfen.

Wenn jemand aus den Hammer-Sichel-Reich über Finnland zu flüchten wollte, musste er dies gut im Voraus planen. Denn politische Flüchtlinge durften im Land nicht bleiben, die finnischen Behörden waren verpflichtet, sie an die Sowjetunion auszuliefern. Das alles war bekannt, auch in Sowjet-Estland, obwohl darüber in den Medien keine Notiz zu finden war. Der Ausweg, den das offizielle Finnland fand, war, den Fluchtwilligen zu helfen weiter nach Schweden auszureisen. Die Polizei gab einen diskreten Tipp und Zeit „zum Verschwinden“. Die wohl bekannteste Flüchtling war die sowjet-russische Stargeigerin Viktoria Mullowa. Eine der bedeutenden Violinistinnen der Gegenwart war 1983 auf einem Konzerttournee in Finnland und floh von dort aus mit Hilfe des finnischen Journalisten Jyrki Koulumies im Auto nach Schweden, wo sie politisches Asyl beantragte. Mitgenommen hat sie eine Stradivari aus dem Jahr 1723.Kolonelleutnant Verner Ursin m. war der erste finnische Beamte, der die Infos über Erschießung ses russischen Offizier bekam (Foto aus dem 	Buch)Kolonelleutnant Verner Ursin m. war der erste finnische Beamte, der die Infos über Erschießung ses russischen Offizier bekam (Foto aus dem Buch)

Causa Iwan Below – ein Eiertanz
Der Causa Iwan Below zeigt uns ebenso, wie zerbrechlich die finnische Unabhängigkeit nach dem mit der Sowjetunion abgeschlossenen Friedensvertrag eigentlich war. Um die Souveränität des Landes aufzubewahren, hatten finnische Politiker schon immer einen Tanz auf Eiern zu absolvieren.

Mit dem Friedensvertrag 1944 verpachtete Finnland auch die Halbinsel Porkkala an der Südküste Finnlands, etwa 30 Kilometer westlich von Helsinki, an die Sowjets. Die Spitze der Halbinsel ist nur 36 Kilometer von der auf der anderen Seite der Ostsee gegenüberliegenden Küste Estlands entfernt. Sie hatte damit eine wichtige militärische Position für die Kontrolle der meerseitigen Zufahrt nach St. Petersburg (damals Leningrad), denn Artilleriestellungen auf beiden Seiten konnten diesen Zugang sperren.

Der Landweg war damals die einzige Möglichkeit Porkkala zu erreichen, weil es dort keinen für Frachtschiffe geeigneten Hafen gab. Gemäß dem zwischenzeitlichen Friedensvertrag begannen die Russen ihre Truppen mit Frachtschiffen nach Helsinki zu bringen. Von dort aus sollten die Rotarmisten auf dem Landwege entlang der Küste weiterziehen zu ihrer Militärbasis auf der Halbinsel Porkkala.

Am 1. November 1944 ankerte das Frachtschiff „Maja“ bei der finnische Hauptstadt Helsinki. Die finnische Zollbeamten gingen an Bord und versuchten auf Englisch mit dem russischen Kapitän ins Gespräch zu kommen. Der Russe berichtete, die Besatzung wolle nur ihre Kohlenvorräte aufstocken und danach Kurs auf Porkkala nehmen. Wegen der Sprachschwierigkeiten konnten die Zöllner dem Schiffsführer nur schwer vermitteln, dass die Frachter in Porkkala keine Möglichkeit haben, ihren Ladegut auszuladen. Daraufhin nahmen die Russen ihr Kriegsmaterial im West-Hafen von Helsinki von Bord. Zum Entladen von schwereren Stücken stellte das Hafenpersonal Kräne bereit. Bevor die Rotarmisten Helsinki verließen, holten sie sich noch Passagierscheine. Die Truppe, die sich gegen ein Uhr Nachts zum 2. November 1944 in Bewegung setzte, wurde von dem Wirtschaftskapitän der Roten Armee, Ivan Michailowitsch Below (1906-1944) begleitet. Er saß auf einem Heuhaufen in einem Pferdewagen in der Mitte der Kolonne. Die Truppe war auf der Insel Lauttasaari angekommen, die etwa vier Kilometer westlich vom Zentrum von Helsinki liegt. Bei der Firma Vulcan waren dann gegen 1:58 Uhr vier Schüsse zu hören, die Kapitän Below töteten. Der Täter konnte unbekannt fliehen. Der Nachtwache der Firma Vulcan alarmierte gleich die Polizei. Die Kriminalbehörde schickte sofort Ermittler zum Tatort, einundhalb Monaten nach dem Abschluss des Friedensabkommens war der Mord eines russischen Offiziers das Letzte, was die Finnen brauchten.

Der Fall erreichte schnell die Politik. Der finnischen Regierung wurde von der Alliierten Kontrollkommission, die im Land den Waffenstillstand überwachte, eine Verbalnote überreicht, in dem Finnland die Verantwortung für den „provokatorische Mord“ übertragen wurde. Der Vorsitzende dieser aus 200 sowjetischen und 15 britischen Offizieren bestehenden Kommission, die am 22. September 1944 ihre Tätigkeit begonnen hatte, war der sowjetische Generaloberst Andrei Schdanow, der einen blutigen Spur in Estland hinterlassen hatte – er war zuständig für die Deportationen.

Nun fürchteten die Finnen um der Souveränität ihres Landes. Der damalige Premierminister Urho Castrén ordnete die Gründung einen umfangreichen Kommission von Kriminalisten an, die von drei Ministern, Kaarlo Hillilä, Ernst von Born und Eero Wuori geleitet wurde. An den Ermittlungen nahmen mehr als hundert Kriminalbeamte teil, die tagtäglich einen Rapport im Hotel „Torni“ im Zentrum von Helsinki vorzutragen hatten. Als Hauptverdächtiger galt ein finnischer Offizier, der sich damals neben der russischen Kolonne bewegte. Beweise dafür zu sammeln war jedoch schwierig, vor allem, weil die Behörden eine totale Nachrichtensperre verhängt hatten. Auch die Belohnung von 300.000 Finnmark für die Hinweise hatte nur einen kleinen Kreis erreicht, deswegen blieb erhoffe Erfolg aus.

Die Morduntersuchungen dauerten vier Wochen an. In diesem Zeitraum wurden 2200 Personen verhört und Probeschüsse aus 75 Pistolen gefeuert. Doch der Täter konnte nicht ermittelt werden. Am 15. Januar 1945 teilte der Innenminister Kaarlo Hillilä Generalleutnant Sawenkow mit, dass die Ermittlungen erfolglos geblieben waren. Below wurde auf der Halbinsel Porkkala beigesetzt. Als die sowjetische Truppen Finnland verließen, wurde Kapitän auf den sowjetischen Friedhof Kolsari in Kirkkonummi bei Helsinki umgebettet.

50 Jahren nach der Fall konnten die Historiker die geheime Ermittlungsakten einsehen. 2003 schrieb Risto Niko über den Mord ein Buch „Kuka ampui kapteeni Ivan Belovin?“ (Wer erschoss den Kapitän Iwan Below), wo er auch die damalige Angst der finnischen Verantwortlichen vor einem Souveränitätsverlust verdeutlicht. Seine Meinung nach hat der finnische Leutnant Eino Arola den Russen ermordet. Der junge Offizier war damals angetrunken von Espoo nach Matinkylä unterwegs. Als er dann die Russen sah, hat er aus Wut wegen verlorenen Krieg und Besatzung seines Landes geschossen. Es war ein reiner Zufall, dass Kapitän Below tödlich getroffen wurde. Vor kurzem hat das Stadttheater von Helsinki die Causa auch auf die Bühne gebracht.

Trotz guten Beziehungen fehlt der finnischen Gesellschaft Vertrauen zu Russland
Die Zeiten der Furcht von dem russischen Bären sind in finnischen Gesellschaft nicht vorbei. Zur Zeit besucht der russische Außenminister Sergei Lawrow das Land. Gemeinsam mit seinem finnischen Amtskollegen Erkki Tuomioja, der im übrigen ein Enkel des estnischen Schriftstellerin Hella Wuolijoki ist, traten die beide Chefdiplomaten vor die Presse und unterstrichen gute Beziehungen der Länder. Doch die Politikwissenschaftlerin am finnischen Institut der Außenpolitik, Sinikukka Saari meint, dass Lawrow bei der Verteidigung der Interessen Russlands versuchen könnte, einen Keil zwischen der Staaten der Europäischen Union (EU) zu schieben. Laut Saari kann der Kreml zudem in der Zukunft anfangen, die politische Entscheidungen Finnlands „sehr aktiv“ zu kommentieren. Dabei werden die „Propagandainstrumente“ andere sein als die, die bei Ukraine benutzt werden: „Es ist durchaus möglich, dass sich Moskau nun mehr in die innere Angelegenheiten Finnlands einmischen wird. Rein rhetorisch, versteht sich,“ so Wissenschaftlerin in der nationalen Rundfunk YLE.

*) Finnlandisierung ist ein politisches Schlagwort, das die machtpolitischen Verhältnisse zweier benachbarter Staaten beschreibt. Es wird verwendet für den Einfluss, den ein mächtiger Nachbarstaat auf seinen kleineren Nachbarstaat und dessen Politik ausübt.

 

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