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Wer kennt August von Kotzebue?

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August von Kotzebue, BuchcoverVon Ülo Salm, Berlin

Am 31. Mai fand in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in der Berliner Jägerstraße das Kotzebue-Gespräch VI statt. Diese der Ehrung und Erforschung der Person und der Werke August von Kotzebue‘s dienenden Veranstaltungen finden in aller Regel zweimal jährlich statt, und zwar abwechselnd in Berlin und Tallinn (einstmals Reval).

So war zum Kotzebue-Gespräch V nach Tallinn geladen. Ihm war das Gespräch IV im Berliner Schleiermacherhaus in der Taubenstraße am 7. Oktober 2016 vorausgegangen (siehe den Bericht des Verfassers im Baltikum-Blatt vom 20.10.2016).

Mittlerweile finden sich in der von der Akademie der Wissenschaften herausgegebenen Serie „Berliner Klassik“ bereits zwei Sammelbände, die Kotzebue gewidmet sind. Am 31. Mai ging es um die Vorstellung des Bandes „August von Kotzebue. Ein streitbarer und umstrittener Autor“ (Herausgeber: Conrad Wiedemann, Kristel Pappel, Alexander Košenina).

Nach begrüßenden Worten des Akademiepräsidenten Professor Martin Grötschel und des Akademiemitglieds Professor Conrad Wiedemann hielt die Eröffnungsrede Harry Liivrand, der ehemalige Kulturattaché der estnischen Botschaft, jetzt verantwortlich in der Akademischen Bibliothek in Tallinn.

Die Frage, „Warum Tallinn, warum Estland?“ beantwortete Liivrand mit der richtigen Feststellung, dass Kotzebue der Brückenbauer zwischen Estland und Deutschland schlechthin war. Seine politische und diplomatische Karriere hatte er in St. Petersburg begonnen und in der Hauptstadt des Autonomen Estländischen Gouvernements des Zarenreiches fortgesetzt. Tallinn war die Stadt des Theaters und der Musik. Das sich schnell entwickelnde Theaterleben in Estland und Kotzebues Integration in den deutsch-baltischen Adel (nicht zuletzt durch drei Eheschließungen mit adeligen Damen) führten zu einer erfolgreichen Karriere als Verfasser von Theaterstücken, Theatergründer und Herausgeber von Kulturzeitschriften. Erst 1813 verließ Kotzebue Estland. Sechs Jahre später fiel er in Deutschland einem Attentat zum Opfer.

Das Wirken Kotzebues in der damaligen kulturellen Landschaft Estlands wurde von Liivrand mit zahlreichen Einzelheiten hochinteressant und sehr fundiert geschildert, prägnant und in gebotener Kürze. So blieben die Zuhörer bis zum Ende gespannt. Hier würde es den Rahmen sprengen, auf die Details einzugehen. Die nachfolgende Rede Professor Wiedemann trug nicht von ungefähr den Titel „Der Fall Kotzebue oder Die Verächtlichkeit des Weltruhms“. Die Eingangsfrage Wiedemanns: Wieso „Fall?“ wurde in brillanter Weise und für Jedermann, auch den Unwissenden, klar und verständlich beantwortet.

Kotzebue war Zeitgenosse der deutschen Klassiker und Romantiker. Für den Bildungsbürger wird noch heute die Weimarer Klassik mit Goethe und Schiller gleichgesetzt. Von Kotzebue redet keiner. Er ist allenfalls bekannt als Opfer des wohl ersten politischen Attentats in der westlichen Welt. Vielleicht weiß dieser oder jener ausnahmsweise auch, dass er zu Lebzeiten Theaterstücke geschrieben hat. Hier offenbart sich, dass sich die Gegensätzlichkeit zwischen klassischer Hochbildung und den Kulturangeboten für die „platte Menge“ (so Goethe) bis heute fortgesetzt hat und die Verachtung, die Goethe und Schiller hochmütig dem Schaffen Kotzebues zollten, Teil des deutsches Bildungserbes geworden ist.

Hintergrund der anmaßenden Haltung Goethes und Schillers dürfte gewesen sein, dass Kotzebue damals weltweit der berühmteste und erfolgreichste Dichter und Schriftsteller war, vom Publikum allen Ortes umjubelt. Das Theaterspiel hatte Kotzebue bei Goethe gelernt. Dieser musste erleben, dass unter seiner Intendanz allein in Weimar mehr als 600 Kotzebue-Aufführungen stattfanden. Weder Goethe noch Schiller konnten bei der „platten Menge“ irgendwelche Erfolge verzeichnen. Kotzebue hingegen konnte sich in der durchgehenden Begeisterung der Theaterbesucher sonnen. Mithin: Kotzebue war das Kontrastprogramm zur elitären Isolation der beiden deutschen Klassiker.

Wiedemann beendete seine „Fall-Analyse“ mit der These, dass die deutschen Idealisten nicht durch die theatralische Unbefangenheit Kotzebues, sondern vielmehr durch seine politische Unbefangenheit provoziert wurden. Das kostete ihn letztlich das Leben.

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