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Estland: Lydia Koidulas unglückliches Privatleben

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Lydia Koidulas Foto: © WikipediaLydia Koidulas
Foto: © Wikipedia
Die Esten lieben die vaterländische Lyrik von Lydia Koidula. Weniger bekannt ist, dass ihr Privatleben alles andere als glücklich war. Das geht aus der neuen Biographie der Nationaldichterin hervor, die Malle Salupere nun veröffentlicht hat.

Lydia wurde am Heiligen Abend des Jahres 1843 in der Familie von Emilie und Johann Voldemar Jannsen (1819–1890) geboren. Ihren Dichternamen „Koidula“, in Anlehnung an das estnische Wort „koit“ (Morgenröte), gab ihr der Publizist Carl Robert Jakobson. Später bekam die Gedichteschreiberin noch den Zusatznamen „Emajõe ööbik“ („Nachtigall des Embaches“). Der Emajõgi, in Deutsch „Mutterfluss“, ist einer der größten Flüsse Estland. Auf 10 Kilometern seiner Länge durchfließt er die Universitätsstadt Tartu (Dorpat).

Nationales Erwachen

Ihr Vater war der Gründer der Zeitung „Perno Postimees“ („Pernauer Postbote“), heute „Pärnu Postimees“, und damit Begründer des estnischsprachigen Journalismus. Schon als kleines Mädchen half Lydia in der Redaktion emsig mit. Nachdem Papa Jannsen Rheuma bekam, wuchs Lydias Tätigkeitsbereich im Zeitungsbetrieb. Sie musste jetzt nicht nur Artikel schreiben, sondern sich noch um Korrespondenz und Buchhaltung kümmern. Estland befand sich damals unter der Herrschaft des russischen Zaren. Die Esten träumten von Autonomie und wollten ihre eigene Sprache und Kultur gestalten. Eine Zeit des Erwachens und der Literatur über vaterländische Liebe war angesagt. Eine zentrale Rolle spielte bei der Entwicklung zur eigenen kulturellen und politischen Identität die Universität Tartu, auf der seit den 1870er Jahren die studierenden Esten sich bewusst nicht mehr mit der Mitgliedschaft in den Korporationen assimilieren wollten, sondern eine eigene Identität forderten.

Papa Jannsen organisierte 1869 gemeinsam mit seiner Tochter das erste Liederfest in Tartu. Auch dieses Ereignis, das bis heute Tradition hat, ist im Kontext des Auferstehens eines estnischen Nationalbewusstseins zu sehen. Damals waren allerdings nur zwei wirklich estnische Lieder im Programm: „Mu isamaa on minu arm“ („Mein Vaterland ist meine Liebe“) und „Sind surmani“ („Dein bis zum Tode“), deren beider Texte von Lydia Koidula stammen und von Aleksander Kunileid komponiert worden waren. Populärer als diese Vertonung des Ersteren durch Kunileid ist die von Gustav Ernesaks aus dem Jahr 1944. Sie wurde drei Jahre später zum ersten Mal auf einem Liederfest aufgeführt und galt seitdem als inoffizielle Nationalhymne des von der Sowjetunion besetzten Estland. Das Lied spielte zudem eine wesentliche Rolle während der „Singenden Revolution“ von 1988, mit der die Esten letztendlich 1991 ihre Unabhängigkeit wiedererlangten. Die erste Strophe des Liedes auf Deutsch: „Mein Vaterland ist meine Liebe, - der ich mein Herz gegeben habe. - Dir singe ich, mein höchstes Glück, - mein blühendes Estland! - Dein Schmerz kocht in meinem Herzen, - dein Glück und deine Freude machen mich froh, - mein Vaterland, mein Vaterland!“

In der Universitätsstadt wurde zudem Koidulas Theaterstück „Saaremaa onupoeg“ („Vetter von Ösel“) im Theater „Vanemuine“ auf die Bühne gebracht. Diese Inszenierung zählt zu der Geburtsstunde des estnischsprachigen Theaters. Lydia Koidula war bei der Bevölkerung höchst beliebt, sie wurde verehrt.

Kein Eheglück

Alles, war ihr noch fehlte, war privates Glück. Die Lyrikerin näherte sich ihrem 30. Lebensjahr, doch kein Ehemann war im Sicht. Dann bat der zwei Jahre jüngere Medizinstudent Eduard Michelson um die Hand der estnischen Nationaldichterin. Das Paar heiratete 1873. Der Lette sprach jedoch kein Estnisch und brachte kein Verständnis zu den nationalen Gefühlen seiner Gattin auf.

Nach seinem Studium wurde Michelson als Militärarzt-Gynäkologe nach Kronstadt, einer damaligen militärischen Festung auf der Ostseeinsel Kotlin vor St. Petersburg, versetzt. Zu Hause wurde nur Deutsch gesprochen, Estentum, vaterländische Literatur oder Dichtungen waren im Hause Michelson streng verboten. Koidula sehnte sich in die Heimat zurück und versuchte trotz Verbotes, ihrem Erstgeborenen Hans, der ein Jahr nach der Hochzeit zur Welt kam, auch Estnisch beizubringen. Sie arbeitete zudem an einem estnischsprachigen Kinderbuch mit Liedern und Geschichten.

1876 kam die Tochter Hedvig zur Welt. Vier Monate später bekam Koidulas Ehemann ein Stipendium für eine Studienreise in die europäischen Metropolen, und die Dichterin nutzte die Gelegenheit, ihn auf dieser anderthalbjährigen Reise zu begleiten. Die vier Monate alte Hedvig wurde in die Obhut der estnischen Großeltern abgegeben. Die Eheleute bereisten Breslau, Straßburg, Freiburg und Wien. In der österreichischen Hauptstadt wurde das dritte Kind, wieder ein Mädchen, geboren. Sie wurde auf den Namen Anna getauft.


 

Schwere Krankheit und Drogenabhängigkeit

Auf dieser Auslandsreise bemerkte Michelson, dass seine Frau an Brustkrebs erkrankt war – damals ein Todesurteil. Papa Jannsen holte seine Tochter aus Wien nach Hause. Dann kam ein weiterer Schicksalsschlag. Noch bevor Koidulas Ehemann zu seiner Familie zurückkehrte, war ihr Sohn Hans verstorben. Einige Jahre später wurde in Kronstadt noch das vierte Kind, Sohn Maximilian, geboren, der jedoch gleich nach seiner Geburt ebenfalls starb.

Lydia Koidula musste nicht nur den Tod ihrer zwei Söhne seelisch verkraften, sondern auch mit ihrem Brustkrebs kämpfen. Sie wurde zweimal operiert, dabei wurde nach aller Wahrscheinlichkeit ihre linke Brust entfernt. Dann kamen die Jahre großer Leiden. Koidula war bei Hausarbeiten durch die Kellerluke gefallen, die Operationsnarbe riss wieder auf, und die Wunde in der Achselhöhle wollte nicht mehr zuwachsen.

Die Mutter ist den Töchtern nur als kranker Mensch im Erinnerung geblieben. Wegen Schmerzen bekam die Lyrikerin mehrmals täglich Morphium. Als Koidula am 1. August 1886 im Alter von 42 Jahren starb, waren ihre Kinder erst acht und zehn Jahre alt. Zu ihrem 60. Todestag im Jahr 1946 gelangte Koidulas Asche nach Tallinn. Ihr Mann hat nie wieder geheiratet.Monument Lydia Koidulas in Pärnu Foto: © Thomas MichaelMonument Lydia Koidulas in Pärnu
Foto: © Thomas Michael

Die Schicksale der Töchter

Nach der Oktoberrevolution 1917 wollte Anna im Pariser Sorbonne Medizin studieren, doch nach einer Chininvergiftung verlor sie fast ihr gesamtes Sehvermögen. Sie reiste dann in Europa herum, lebte zwei Jahre in Algerien, danach nahm sie in Florenz Arbeit als Hauslehrerin an.

1932 hörte Anna auf der Straße eine fremde Sprache. Als sich dann herausstellte, dass Estnisch gesprochen wurde, fragte sie, ob die Esten den Namen Koidula kannten. Damals war das eine kleine Sensation, dass jemand die Tochter der beliebten Dichterin getroffen hat. So wurden in Estland Spenden gesammelt, und Anna konnte in die Heimat ihrer Mutter reisen. Doch sie fühlte sich dort nicht wohl, die Mentalität war ihr fremd. Lydia Koidulas jüngere Tochter zog zurück nach Italien und blieb bis zu ihrem Tode 1965 Staatsbürgerin Zaren-Russlands ohne sowjetischen Pass angenommen zu haben.

Von Hedvig weiß man bis heute sehr wenig. Jedoch ist bekannt, dass sie nach dem Ausrufen der Republik Estland 1918 die estnische Staatsbürgerschaft beantragte. Dabei gab sie zu Protokoll, die Enkelin von Voldemar Jannsen zu sein. Doch Lydia Koidulas Verwandtschaft leugnete dies. Niemand wollte Hedvig kennen. Womöglich hatten sie Angst, für Lebensunterhalt der Nichten aufkommen zu müssen.

Einen neuen Antrag stellte Hedvig 1935, damals war auch Anna noch in Estland. Nach einigem Hin und Her wurde ihrem Staatsbürgerschaftsgesuch stattgegeben. Doch sie kam nie, um ihren Pass abzuholen. Hedvig starb während der Leningrader Blockade an Herzinfarkt. Schätzungen gehen von etwa 1,1 Millionen zivilen Bewohnern der Stadt aus, die durch die Blockade ihr Leben verloren. Die meisten dieser Opfer verhungerten. Die Belagerung durch Deutsche, Finnen und freiwillige Spanier (Blaue Division) fand vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944 statt. Heute heißt Leningrad wieder St. Petersburg. Doch die Manuskripte ihrer Mutter hat Hedvig in die Heimat abgeliefert.

Bis zum Tode will ich / dich in Ehren halten / mein blühender estnischer Pfad, / mein duftendes Vaterland! / Meine estnischen Felder, Flüsse / und meine Muttersprache / Euch will ich hochloben / noch in meiner Todesstunde!

Durch ihre persönlichen Lebensumstände verlegte Koidula zu Lebzeiten keine weiteren Gedichtbände, aber sie verstummte keineswegs. Sie dichtete weiterhin, so dass ihr Gesamtwerk auf über 300 Gedichte anwuchs. Die Hälfte ihrer Lyrik ist erst nach ihrem Tode veröffentlicht worden. (asie/tmich)

Quelle: Estnischer Nationalrundfunk / Sendung „Augenzeuge“ („Pealtnägija“)

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