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Estland: Gustav Ernesaks’ Chormusik in Stuttgarter Privatradio

Denkmal von Gustav Ernesaks Denkmal von Gustav Ernesaks Im Freien Radio für Stuttgart war am 29.Mai eine einstündige Sendung über den estnischen Musiker Gustav Ernesaks (1908-93) zu hören. Der Produzent und Moderator der Sendung, Thomas Michael, präsentierte eine Kurzbiographie dieses großen Chorleiters, Komponisten und Musikpädagogen und streute vierzehn Aufnahmen von dessen Chorliedern in seinen Vortrag ein.

Ernesaks konnte sich als Mitläufer (siehe unten im Infoteil) der Sowjetdiktatur musikalisch entfalten und genoss hohes Ansehen hauptsächlich als Dirigent. So gab er in mehreren Tallinner Schulen Musikunterricht, und die von ihm geleiteten Schülerchöre fielen bald in der Öffentlichkeit durch ihre Kunstfertigkeit auf: „Ernesaks hat sein Herz für die gesamte estnische Chorgesangsbewegung und das Chorrepertoire vergossen“. Sein bekannteste Chorlied ist „Hakkame, mehed, minema!“ („Männer, lasst uns gehen!“)“. Das musikalische Multitalent vertonte noch fünf Opern, „Tormide rand“ („Strand der Stürme“) wurde mehrfach in Estland inszeniert.

Der Musiker war zudem der Hauptinitiator des 1960 fertiggestellten Laulukaar (Liederbogens), jener gigantischen muschelförmigen Freilichtbühne im Nordosten der estnischen Hauptstadt an der Bucht von Tallinn, auf der seither alle fünf Jahre die berühmten estnischen Liederfeste stattfinden – das nächste steht 2019 an. Nach seinem Tode wurde ihm auf dem davor angelegten, etwa 100.000 Menschen fassenden „Lauluväljak“ (der Liederfestwiese) ein Denkmal errichtet.

Zum Abschluss der Sendung war dann das von Ernesaks komponierte Lied zu hören, das seit 1947 auf jedem Liederfest gesungen wurde und während der Sowjetzeit als inoffizielle Nationalhymne der Estnischen SSR galt: „Mu isamaa on minu arm“ („Mein Vaterland ist meine Liebe“) zu Worten der estnischen Nationaldichterin Lydia Koidula (1843-86) in einer beeindruckenden Aufnahme vereinter Chöre eines nicht näher genannten Anlasses unter Leitung des Komponisten.

Am Schluss der Sendung war gewissermaßen als Zugabe eine imposante Komposition für Männerchor zu Orgelbegleitung eines anderen estnischen Komponisten, Rudolf Tobias (1873-1918), zu hören: „Eks teie tea“ („Ihr wisst doch“) .

Das Freie Radio für Stuttgart ist ein unkommerzieller, von Ehrenamtlichen betriebener Lokalsender, der von einem Förderverein getragen wird und öffentliche Zuschüsse aus dem Rundfunkgebührentopf erhält. Im September vergangenen Jahres hatte der Sender sein zwanzigjähriges Bestehen gefeiert.

Biografie

Gustav Ernesaks wurde am 12. Dezember 1908 im Dorf Perila, in der damaligen Gemeinde Peningi, heute Gemeinde Raasiku, in die Familie von Kustav und Johanna Ernesaks geboren. Sein Bruder Oswald flüchtete 1944 vor dem erneuten Einmarsch der Roten Armee in den Westen und machte Karriere als Bankier in den USA. Als Gustav etwa vier Jahre alt war, zog die Familie in die Hauptstadt. Nach seinem Studium am Tallinner Konservatorium im Fach Musikpädagogik und Komposition bei dem bekannten Tonsetzer Artur Kapp arbeitete er an verschiedenen Schulen in Tallinn als Musiklehrer. Von 1937 bis 1941 war Ernesaks Dozent an der Tallinner Musikhochschule, fünf Jahre später schon Professor. Diese steile Karriere lässt ahnen, dass Gelehrter sich gut mit der roten Besatzungsmacht verstanden hatte.

Der Liederbogen (Laulukaar) in TallinDer Liederbogen (Laulukaar) in Tallin

Während des Zweiten Weltkrieges kämpften einige Esten in der Waffen-SS, andere in der Roten Armee. Ernesaks wurde von den Sowjets mobilisiert und in den Kaukasus geschickt. Mit ihm kam sein Musikerkollege Boris Kõrver dorthin. Ernesaks musste jedoch keine Waffe tragen, sondern wurde Chorleiter und später in Jaroslawl in eine Musiktruppe abkommandiert. Auf seiner letzten Station St. Petersburg (früher Leningrad) während des Krieges waren viele weitere estnische Kulturschaffende, unter ihnen der Schriftsteller Johannes Semper, der Schauspieler Ants Lauter, der Dirigent Roman Matsow und Andere.

Ernesaks konnte wegen seines guten Drahtes zu den sowjetischen Machthabern musikalisch viel erreichen. Dies gelang dem Komponisten Arvo Pärt und dem Dirigenten Neeme Järvi nicht, so dass dieses ihre Heimat verlassen mussten.

Schon 1944 gründete Ernesaks den RAM, Staatlichen Akademischen Männerchor der Estnischen Sozialistischen Sowjetrepublik, der später den Namen Eesti Rahvusmeeskoor (Estnischer Nationaler Männerchor) erhielt. Er blieb dessen künstlerischer Leiter bis zum seinem Tode. Der Chor feierte viele Erfolge auch im Ausland. Ernesaks stieg zum Hauptdirigenten der bis heute berühmten Liederfeste auf und entwickelte sich letztendlich zu einem Widerständler des Regimes. Damit war Gustav Ernesaks eine leitende Figur im 20. Jahrhundert in Estland.

Unter seinen Schülern waren Kuno Areng, Olev Oja und Eri Klas. Ernesaks wurde nach seinem Tode am 31. Januar 1993 auf dem Tallinner Waldfriedhof (Metsakalmistu) beigesetzt. Dort ruhen alle bedeutenden Persönlichkeiten Estlands. (asie)

Fotos: Thomas Michael

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