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Neuer Glanz in der estnischen Botschaft

Zwei Plakate von Siima Shkop, ausgestellt in der estnischenBotschaft in BerlinVon Ülo Salm, Berlin

Nach vielen Monaten Bauzeit wurden am 22. Mai die obere Etage des schönen estnischen Botschaftsgebäudes im Berliner Diplomatenviertel wieder eröffnet. Der große Aufwand, den der Esten dabei betrieben haben, lässt sich sehen. Die Räume strahlen in neuem Glanz.

Das war für die Botschaft auch Anlass, an die Tradition kultureller Veranstaltungen anzuknüpfen. Zum einen präsentiert die Botschaft eine hochinteressante Ausstellung von Propagandaplakaten aus der Zeit der sowjetischen Besatzung. Zugleich wurde auch ein neues Werk des bekannten und erfolgreichen estnischen Schriftstellers Mihkel Mutt vorgestellt.

Die ausgestellten Plakate stammen von der im vergangenen Jahr im hohen Alter von 96 Jahren verstorbenen estnischen Plakatkünstlerin Siima Shkop. Bekannt war sie als Autorin besonders schöner Kinderbuchillustrationen. Wohl wegen dieser Begabung wurde sie während der Sowjetzeit, vor allen Dingen nach Ende des Zweiten Weltkrieges, eine der führenden Plakatdesignerinnen des Baltikums. Gemäß den Anforderungen des sogenannten sozialistischen Realismus strahlen die auf den Plakaten abgebildeten Menschen natürlich durchweg Lebensfreude und Optimismus aus. Sie stehen allerdings im Gegensatz zu vielen anderen propagandistischen hölzern wirkenden Darstellungen. Eine besondere Ästhetik gewinnen die Bilder durch ihre Lebendigkeit. Nicht zuletzt ist ihre Qualität auch darin begründet, dass die Plakate mitunter bis zu ihrer endgültigen Fertigstellung mehrere Jahre gebraucht haben, unabhängig von den Verzögerungen durch die verschiedenen staatlichen Zensurstellen.

Eingerahmt durch diese beeindruckende Ausstellung fand die Vorstellung des Buches von Mihkel Mutt „Das Höhlenvolk“ statt, verbunden mit einer sehr ausführlichen Lesung, ungewöhnlich lang, aber brillant und damit in keiner Weise ermüdend dargeboten. Das Buch ist diesen Monat im Kommode Verlag, Zürich, erschienen. Eine englische Version war vorausgegangen. Anders als der deutsche Titel anzudeuten scheint, handelt es sich hier keineswegs um eine Geschichte aus der Frühzeit des Menschengeschlechts, sondern um Schicksale von Menschen aus der Kulturszene, wie Schriftstellern, Musikern, Malern, Schauspielern und Philosophen, die in Tallinn im Kellercafé „Die Höhle“ verkehrten. Wie so oft in den sogenannten sozialistischen Ländern vor der politischen Wende gab der Sektor Kultur auch in Estland Zufluchtsmöglichkeiten, dem grauen und drückenden Alltag, wenn auch nur in Grenzen, zu entfliehen. Der Autor beschreibt ein halbes Jahrhundert zwischen 1960 und 2010, also auch die schwierige Zeit nach der Befreiung, angefangen mit dem überschwänglichen Optimismus der Menschen nach der Wende, über ihre folgenden Enttäuschungen bis zur allmählichen Anpassung an die neue Zeit.

Das Jahr 2017 scheint für die estnische Literatur eine Zeit des Durchbruchs zu werden. Es erscheinen zunehmend bedeutende Romanwerke estnischer Autoren. So gab es am 10. Mai in der Buchhandlung „Pankebuch“ im Berliner Bezirk Pankow die Vorstellung des Romans „Wikmans Zöglinge“ von Jaan Kross, in deutschsprachiger erster Auflage vom Hamburger Osburg Verlag herausgebracht. Die estnische Originalausgabe war 1998 in Tallinn erschienen. Es spielt in der goldenen Zeit des Baltikums zwischen den beiden Weltkriegen und erzählt von den Schülern des Wikmanschen Gymnasiums in Tallinn, die ein wenig an die Geschichten der „Feuerzangenbowle“ mit Heinz Rühmann erinnert, wenn auch auf recht hohem literarischen Niveau.

Jaan Kross wurde 1920 in Tallinn geboren und starb dort im Jahr 2007. Zu seinem schriftstellerischen Werk gehören 13 Romane, die in zahlreiche Sprachen übersetzt und mit vielen Preisen ausgezeichnet wurden. 1997 und 1998 war er für den Literatur-Nobelpreis nominiert.

Im November dieses Jahres soll der Roman „Pobeda 1946“ (Pobeda, auf Deutsch Sieg, war eine sowjetische Automarke) von Ilmar Taska erscheinen, ebenfalls herausgegeben vom Kommode Verlag in Zürich. Er ist eine beeindruckende Darstellung der gesellschaftlichen Zerrüttung, die nach 1945 Estland erfasst hatte, und es ist ein Thriller. Auch die Bücher Taskas, der international als Filmproduzent, Regisseur und Drehbuchautor tätig ist, wurden schon in mehrere Sprachen übersetzt.

Nicht vergessen: Die beeindruckende Plakatausstellung in der estnischen Botschaft wird voraussichtlich noch bis Mitte des Sommers laufen.

Foto: © Estnische Botschaft, Berlin

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