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Magazin Time über syrische Flüchtlinge in Estland: Wenn die Heimat nicht dort wo das Herz ist

Flüchtlinge kommen in München anFlüchtlinge kommen in München anPõlva, das Hauptstädtchen des Landkreises Põlvamaa im südöstlichen Estland. Zwei syrische Flüchtlinge, Iyman Ateek und ihre Schwägerin Taimaa Abazli, gerade einmal an die 36 Stunden seit ihrer Ankunft in baltischen Land, sitzen im vollbesetzten Linienbus, der sie nach Tartu (deutsch Dorpat) bringen soll, damit sie an einen Orientierungskurs für die kürzlich zugezogenen Flüchtlinge teilnehmen können. Deprimiert schauen sie aus dem Fenster: Winter, Schneereste, Graupel. Sie sind die einzigen Frauen im Bus, die Kopftücher tragen. „Europa ist ganz anders, als wir es uns vorgestellt haben, als wir Syrien verließen“, murrt Iyman. „Wir waren Idioten.“

Die beiden haben Estland nicht gewählt. Sie hatten gehofft, nach der abenteuerlichen Reise in einem Schlauchboot und nach ein paar Tagen Erholungsaufenthalt in Griechenland mit Angehörigen in Deutschland zusammenzukommen, aber ihnen wurde im Rahmen des EU-Verteilungsprogramm für Flüchtlinge die kalte Ostseerepublik zugewiesen. Sie hatten keine Wahl. Sie fühlten sich wie zwangsverheiratet, auf Weisung der Familie mit Männern zusammengezwungen, die sie weder kannten noch mochten.

Anders als beispielsweise Litauen, bot Estland den 150 ihm zugewiesenen Schutzsuchenden Soforthilfe: sie zogen in möblierte Wohnungen, erhielten Sprachunterricht und Übersetzungshilfen, die Kinder kamen in Kindertagesstätten unter, und das zusätzlich zu den allen Esten zugänglichen Sozialleistungen. „Wir wollen das Beste tun, das wir können“, sagt Liana Roosmaa vom Bürger- und Migrationsbüro im estnischen Innenministerium. Aber das reichte Vielen nicht. Etwa ein Viertel hat – dank offener Grenzen, ungeachtet des möglichen Verlustes von Sozialleistungen sowie sich verschlechternder Chancen, Asyl zu erhalten – Estland bereits verlassen in der Hoffnung, mit Angehörigen zusammenzukommen oder andernorts bessere Chancen eines zufriedenstellenden Lebens zu finden.

Bevorzugte Zielländer sind Deutschland, Schweden und Frankreich, von wo ihnen über Facebook und Instagram Nachrichten von Landsleuten zukommen, denen es vermeintlich besser geht. Man erkannte, dass die materielle Integration nicht Alles ist, was die Menschen brauchen. Kulturell sind die Flüchtlinge isoliert: sie sind Moslems, aber bis auf einen Gebetsraum in Hauptstadt Tallinn gibt es keine Moschee, denn Estland hat in Europa einen der niedrigsten Anteile von Moslems an der 1,3 Millionen zählenden Gesamtbevölkerung. Außerhalb von Tallinn ist Halal, eine Gläubigen zugewiesene Fleischzubereitung, kaum zu bekommen. Die ländliche Umgebung behagt ihnen nicht, nicht nur wegen der kalten Winter. Sie sind große Gemeinschaften gewohnt. „Warum wurden wir nicht alle in Tallinn untergebracht? Dort gibt es wenigstens Halal“, fragt Iyman, die ein syrisches Sprichwort zitiert: „Selbst das Paradies ist nichts ohne Menschen.“ Die Entscheidung, die Geflüchteten auf dem Lande unterzubringen, sei politischer Natur: dünn besiedelte Gegenden würden bessere Einschulungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten bieten.

Eine Mitarbeiterin des estnischen Integrationsprogramms beklagt, dass es an der richtigen Handhabe im Umgang mit Erwartungen mangele; nachdem sie sichergestellt hat, dass der Name ihrer Organisation nicht genannt wird, gestand sie offen, dass es dieser nicht gelungen sei, auch nur einem Flüchtling psychisch auf die Beine zu helfen. Sie erwähnte das ungewöhnlich unwirtliche Frühjahr und beklagte die Schwierigkeiten des Erlernens der Sprache, das Fehlen geeigneter Beschäftigungsmöglichkeiten sowie einer starken Gemeinschaft unter den Zugezogenen.

Als Iyman und Taimaa am Ort des Orientierungskurses in Tartu eintreffen, sind sie erleichtert: Mehrere syrische Familien sind bereits dort, die meisten Frauen tragen Kopftücher - ein völliger Kontrast zur Grabesstille des estnischen öffentlichen Personenverkehres.

Karam Abbes, ein vor zehn Jahren zugezogener Marokkaner, begann einmal eine Lektion über die estnische Kultur damit, dass die Esten nicht achtlos die Straße überqueren, andererseits aber in den Wäldern vor Bären auf der Hut sein müssen. „Solange es keine Löwen sind, ist ja alles noch gut“, konterte ein Flüchtling, der mit dem Löwen auf Baschar Assad anspielte.

Der estnische Preispegel bei manchen Lebensmitteln – zitiert wird als Beispiel ein Preis von vier Euro pro Kilo Tomaten – macht es den Zugezogenen schwierig, ihren Lebensunterhalt aus staatlichen Leistungen zu bestreiten. Entweder Hunger oder verschlissene Kleidung, keine Reserve, um etwas anzusparen. Arbeit zu bekommen ist schwer, oder sie wird so schlecht bezahlt, dass der Lohn unter den Sozialleistungen verbleibt. Eero Janson, Chef des estnischen Flüchtlingsrates, meint, dass selbst diese Arbeiten, beispielsweise in einer Sicherheitsfirma, als Lebensmittelauffüller oder Tagespflegeassistent, den besten Weg zur Integration darstellen. „Die Menschen leben nicht nur von den Sozialleistungen, von denen sie letztendlich irgendwann unabhängig werden. Was für Kinder die Schule ist, ist für Erwachsene die Arbeit. Taimaas Ehemann Mohannad Abazli findet diese schlechte Bezahlung demoralisierend. Er will letztendlich irgendwann nach Syrien zurück. Er will ansparen, um das Verlorene wieder aufzubauen.

Falsche Gerüchte in den sozialen Medien, denen zufolge Deutschland alle vor dem 15. März zugereisten Flüchtlinge aufnehme, haben in Estland für Verwirrung gesorgt. Doch manche Schutzsuchende sind skeptisch. Sie trauen dem Frieden nicht. „Manchmal verbreitet Scheich Google Fakes“, sagt Abbes. Andererseits zögern estnische Wohnungsvermieter, Flüchtlinge aufzunehmen, die möglicherweise nicht lange bleiben; das Gleiche gilt für Schulen, die deren Kinder nicht aufnehmen wollen. Eine arbeitslose Frau in Põlva berichtet, dass im selben Haus eine Flüchtlingsfamilie zugezogen sei. Sie habe Alles versucht, dieser einen angenehmen Aufenthalt im neuen Heim zu bescheren – und mitten in der Nacht war die Familie ausgezogen. Dies geschah zweimal, bevor Taimaa and Mohannad Abazli kamen.

Quelle: www.time.com

Zusammenfassung aus dem Englischen: Thomas Michael

Archivfoto: © Jan E. Siebert

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