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Estland: Ein Spion für den KGB

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Reise nach Schweden

„Woronin“ verriet viele seiner Landsleute. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen wurde der Este befördert. Die sowjetische Staatssicherheit schickte ihn als Geheimagent „Skwortzow“ nach Schweden. Vorher wurde er noch in der Agentenschule, die sich in der lettischen Hauptstadt Riga befand, ausgebildet. Auch dort denunzierte er viele Menschen. In Ventspils, einen Hafenstadt im Westen Lettlands, versuchte der Agenten-Azubi Kontakte zu ausländischen Seemännern zu knüpfen. Er gab sich als Widerstandskämpfer aus, der eine Möglichkeit zur Flucht suchte. Tuldava war jedoch zu emsig und machte sich damit unglaubwürdig.

Letztendlich kam der Este über Finnland nach Schweden. Man brachte ihn nach Vyborg (Viipuri) in Sowjet-Karelien. Ein Geheimdienst-Kollege half dem Esten auf einen Güterzug zu steigen. Kurz vor Porkkala, an der Südküste Finnlands, sprang der Spion dann vom Zug und ging zu Fuß nach Helsinki, wo sich als Flüchtling ausgab. Porkkala war eine Militärbasis etwa 30 Kilometer westlich von Hauptstadt, deren Areal die finnische Regierung als Bedingung des Waffenstillstands von Moskau 1944 für 50 Jahre an die Sowjetunion verpachten musste, 1956 aber vorzeitig zurück erhielt.

In Finnland lebende Landsleute halfen dem „Flüchtling“, der jetzt unter dem Namen Artur Haman lebte, über die Grenze nach Schweden zu gehen. Helsinki und Moskau hatten während des Kalten Krieges ein Abkommen unterschrieben, das Finnland verpflichtete alle sowjetischen Flüchtlinge festzunehmen und in die Sowjetunion zurück zu schicken.

In Stockholm wurde die Geschichte über „Hamans“ Flucht nicht geglaubt. Der Premierminister der estnischen Exilregierung, Heinrich Mark, sagte aus, dass die Erzählung unglaubwürdig klingt. Mark wusste zudem, dass Tuldava zwei Jahre in Riga gewesen war und dort in einem Stadtteil gewohnt hatte, wo die Agenten-Azubis untergebracht waren. Die schwedische Sicherheitspolizei wollte aber trotzdem den Neuling, dessen Vater Diplomat in Schweden gewesen war, vor seiner Festnahme beobachten. Doch Tuldava war intelligent und zuvorkommend, viele estnische Kriegsflüchtlinge, die sich in Exil-Organisationen versammelten, schenkten ihm ihr Vertrauen.

Der Este konnte seine sowjetischen Arbeitgeber in Schweden nicht befriedigen, denn Kontaktaufnahmen zu westlichen Geheimdiensten gestalteten sich schwieriger als gedacht. Tuldava widmete sich nun der Spaltung der estnischen Exilorganisationen. Erst 1962, als in der Zeitung Izwestija – damals Meinungsblatt der sowjetischen Regierung - ein K. Svensson einen Artikel „Achtung, Provokateure!“ publizierte, kam Verdacht auf, dass der Gelehrte ein sowjetischer Spion sein könnte. Im Beitrag von Svensson wurde über die Proteste der estnischen Kriegsflüchtlinge während des kommunistischen Jugendfestivals in Helsinki berichtet und die Protestler dabei verleumdet. Über die, im Nachricht aufgezählte Fakten, wussten nur wenige Personen Bescheid, eine davon war Haman. Am 18. Oktober 1963 fragte die schwedische Zeitung Aftonbladet „War Arthur Haman ein sowjetischer Spion?“ und beantwortete die Frage mit einen klaren „Ja“.

Rückkehr nach Estland

Den Sowjets blieb nichts anderes übrig, als ihren Agenten zurück zu holen. Juhan Tuldava nahm nach seiner Rückkehr nach Estland wieder seinen richtigen Namen an und arbeitete bis zu seiner Pensionierung an der Universität Tartu. Einige Kollegen ahnten, dass er Denunziant der KGB war. Unter ihnen war der bekannte estnischer Sprachwissenschaftler Paul Ariste, der selber unter kommunistischen Repressionen gelitten hatte. Der exilestnische Schriftsteller Enn Nõu sagte in der Sendung „Pealtnägija“ („Augenzeuge“) des estnischen Rundfunks : “Tuldava war sehr intelligent, ein sehr begabter Mann. Er war auch sehr populär, vor allem bei den Frauen. Er trank viel, er lud junge Mädchen ins sein Zimmer ein zum Trinken. Was sie dort noch getan haben, weiß ich nicht.“

Trotz seinen zahlreichen Denunziationen, die vielen Menschen Gefängnisstrafen, sogar den Tod mit sich brachten, wird Juhan Tuldava bei einigen Esten als großer Wissenschaftler geehrt. Die Diskussionen darüber, ob man einen Mann, der so viel Leid Anderen zugefügt hat, anerkennen kann, sind bestimmt noch nicht beendet.

Quellen: Artikeln von Pekka Erelt in Eesti Ekspress, Buch von Einar Sanden “Mitme näo ja nimega” („Mit vielen Gesichtern und Namen“, 1978), Eesti Päevaleht, Postimees

Foto: Autor unbekannt

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