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Estland: Ein Spion für den KGB

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 Portraitfoto von Juhan TuldavaPortraitfoto von Juhan TuldavaVon Aino Siebert

Nach dem Giftanschlag auf den früheren Doppelagenten Sergei Skripal und seiner Tochter Julia am Anfang März ist die Tätigkeit der früheren sowjetischen Geheimpolizei KGB und das Leben von Spionen verstärkt in die Öffentlichkeit gerückt. KGB war das Komitee für Staatssicherheit, der sowjetische In- und Auslandsgeheimdienst, der von 1954 bis 1991 bestand. Nachfolger des KGB ist der FSB, der Inlandsgeheimdienst (Föderale Inlandsabwehr und Sicherheitsdienst) der Russischen Föderation.

Die estnische Wochenzeitung Eesti Ekspress veröffentlichte am 12. April einen Artikel über den estnischen KGB-Agenten Juhan Tuldava alias Arthur Haman (1922-2003) , der neue Fakten über den bekannten Sprachwissenschaftler, der viele seine Landsleute verraten hat, ins Tageslicht bringt. Die Estnische Sicherheitspolizei (Kaitsepolitsei) hat zudem ein Dokument bekannt gemacht, das bestätigt, dass Juhan Tuldava ein KGB-Agent war.

Anerkannter Sprachwissenschaftler und Agent Provokateur

Juhan Tuldava arbeitete als Professor an der Universität Tartu und war international ein durchaus anerkannter Sprachwissenschaftler. Doch der Gelehrte war auch ein moralloser Judas, der seine Mitmenschen kaltblütig denunzierte, schreibt Pekka Erelt, der den Hochschullehrer persönlich 1995 kennenlernen durfte. Während des Treffens in einem Café in Tallinner Altstadt leugnete der ehemaliger Agent Provokateur seine Dienste für die sowjetische Staatssicherheit. Der KGB hat seine Mitarbeit jedoch bestätigt, das Schriftstück darüber ist in der neuesten Ausgabe des Jahresbuchs der estnischen Sicherheitspolizei (Kaitsepolitsei) veröffentlicht worden . Das Dokument belegt, dass Tuldava 1944 in Kirow angeworben wurde, um gegen die estnischen Nationalisten, welche die sowjetische Okkupation ablehnten, zu kämpfen. Die Stadt liegt an der Transsibirischen Eisenbahn, 900 Kilometer östlich von russischen Hauptstadt Moskau.

Der Vater des späteren Spions, Artur Hamann-Tuldava, war während der ersten Unabhängigkeitsperiode der Republik Estland (1918-1940), bis zum Einmarsch der Roten Armee, ein bekannter Diplomat, der in skandinavischen Ländern tätig war. In Stockholm und Kopenhagen besuchten seine Kinder auch die Schule. Tuldava ist zudem Zögling des berühmten Westholm-Gymnasiums in Tallinn. Er beendete erfolgreich die Fakultät für germanische und slawische Sprachen der Stockholmer Universität in Schweden. Darüber hinaus sprach der Este noch skandinavische Sprachen, Deutsch, Englisch, Französisch, Lettisch, Litauisch und Russisch.

Am 14. Juni 1941 wurde die Familie mit hunderten anderen Esten in Viehwaggons in den russischen Teil der Sowjetunion deportiert. Vater Artur wurde nach Wosturallag (Vosturallag) im Swerdlowsker Gebiet gebracht, einer GULAG-Einrichtung für 13.000 Gefangene. Dort wurde der Deportierte gezwungen in der Forstwirtschaft zu arbeiten, wo er offensichtlich wegen der schweren körperlichen Zwangsarbeit im Februar 1942 starb.

Die Mutter Elisabeth-Amalie mit Sohn Juhan sowie den Töchtern Aino und Tiiu kamen nach Urschum in dem russischen Bezirk (Oblast) Kirow, 195 km südlich der gleichnamigen Gebietshauptstadt. Ursprünglich befanden sich an der Stelle Urschums Siedlungen der Mari, eines Volkes der Wolga-Finnen, dessen Sprache mit Estnischen und Finnischen verwandt ist.

Angeworben zum Denunzieren

Juhan Tuldava wurde in Urschum bald von seiner Familie getrennt, er musste in ein anderes Arbeitslager zum Holzfällen. Dort wurde der junge Mann vermutlich 1941 oder ein Jahr später vom sowjetischen Geheimdienst angeworben.

Einar Sander schreibt in seinem Buch, dass der Este seine Dienste der Staatssicherheit selber angeboten hätte. Vorsorglich hatte der Diplomatensohn seine Artikel über die Privatschulen in Schweden und Dänemark, die in einer sowjetischen Jugendzeitschrift (die Sowjetunion hatte im Juni 1940 Estland annektiert) veröffentlicht worden waren, mitgenommen. In diesen Artikeln kritisiert er hart das veraltete kapitalistische System. Der Gefangene übersetzte seine Berichte ins Russische und bat den Lagerchef sie an den lokalen KGB zu übergeben.

Als Belohnung für seine Tätigkeit als Denunziant war er von der Schwerstarbeit befreit.

Seine erste Aufgabe, die Bildung einer Wiederstandgruppe, erledigte der Este mit Bravur – alle Mitglieder der Gruppe wurden erschossen. Tuldavas neuer Arbeitgeber war hoch zufrieden. Nach dem Verrat durfte er zurück zu seiner Mutter und seinen Schwestern in Kirow.

Der KGB schätzte den sozialen Hintergrund von Tuldava. Wer hätte schon einen Diplomatensohn, der in vielen westlichen Länder gewesen war, verdächtigt ein Verräter des estnischen Volkes zu sein? 1946 wurde Tuldava alleine nach Estland geschickt, wo er Informationen über die „Waldbrüder“ (Widerstandskämpfer gegen die Sowjetregime) sammeln musste. Auf dem Rückweg nach Kirow machte der Este einen Zwischenstopp in Leningrad (heute St. Petersburg), wo er die gesammelten Daten über die Regimegegner der Geheimpolizei übergab. Fast alle Menschen, die mit Tuldava damals zu tun hatten, wurden später festgenommen und angeklagt.

Sonst ist über die Zeit in Kirow nicht viel bekannt. Dokumente belegen nur, 1944 wurde Tuldava offiziell vom KGB angeworben, sein Agentenname lautete „Woronin“ (Voronin). Dort beendete der Este auch das Pädagogische Institut, wo er Fremdsprachen studierte.

1948 kam der frischgebackene Lehrer zurück in die Heimat. Obwohl offiziell noch mit dem Status „Deportierter“ gestempelt, konnte sich Tuldava in Tallinn niederlassen, eine absolute nogo-Area für Rückkehrer, die damals nur in der Provinz leben durften. Doch der Denunziant bekam vom Geheimdienst eine, für die damalige Zeit luxuriöse Wohnung auf der Gonsiori-Straße, unweit vom Hauptstadt-Zentrum. Das Unterkunft gehörte eigentlich dem General Richard Tomberg, der jedoch festgenommen und getötet worden war. Mit Tombergs Witwe verstand sich der Agent so gut, dass er schnell seine Frau und seinen Sohn, die in Kirow geblieben waren, vergaß. Später sprach er von „Jugendsünden“. Seinen Lebensunterhalt verdiente der Geheimagent als Lehrer für Estnisch und Russisch an einem Gymnasium im Tallinner Stadtteil Pelgulinna. Nebenbei organisierte er erneut „eine Widerstandsbewegung“ gegen die Sowjetmacht. 1952 wurden alle Aktivisten vom KGB verhaftet, nur der Chef, Juhan Tuldava, konnte laut den Offiziellen „nicht gefasst werden“.

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