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Die Redaktion des Baltikum-Blattes wünscht allen Leserinnen und Lesern frohe Osterfeiertage


Anthroposophen in Estland

Rudolf Steiner um 1905Rudolf Steiner um 1905Von Thomas Michael, Stuttgart

Am 2. März fand in der Johanneskirche der Christengemeinschaft in Stuttgart-Möhringen ein Vortrag mit dem Titel „Estland – klein aber fein. Bericht über das Land und die Arbeit der Christengemeinschaft“ statt. Die Vortragsrednerin Kati Kolk, selbst Estin und geweihte Priesterin der Christengemeinschaft, lebt in Niefern-Öschelbronn zwischen Stuttgart und Karlsruhe. Nach einem Studium im noch sowjetisch beherrschten Estland kam sie nach der Wende nach Stuttgart und durchlief das anthroposophische Lehrerseminar für Waldorfpädagogik, arbeitete dann als Lehrerin in Estland und kam schließlich nach mehreren Jahren nach Stuttgart zurück, wo sie das Priesterseminar der Christengemeinschaft durchlief.

Kolk beschrieb zunächst Estland von der Urzeit bis heute. Die Esten seien eine Mischung aus vielen Völkern, da das Land viele Völkerwanderungen erlebt habe. Von der derzeitigen estnischen Bevölkerung, einer Million von insgesamt 1,3 Millionen Menschen, lebt fast ein Drittel in Tallinn. Die Hälfte des Landes ist bewaldet. Die Industrie konzentrierte sich auf Holzverarbeitung und Kleinschiffbau, doch auch Maschinenbau und Elektonik waren vorhanden. Nach der Wende kam sprunghaft die Digitalisierung mit Computern und Mobiltelefonen dazu, wobei die Esten auf die von ihnen entwickelte kostenlose Kommunikationsplattform Skype stolz sind. Seit 2011 ist die Nachrichtenübermittlungsdienst im Besitz von Microsoft.

Vor der durch die Kreuzritter gewaltsam durchgeführten Christianisierung glaubte das Volk an Naturgötter, die in Steinen und Bäumen lebten; Quellen galten als heilig. Die Jesuiten gründeten die ersten Schulen, aber die Esten waren nicht mehr Herr im eigenen Lande, seit das Land nacheinander von Schweden, Deutschen und Russen besetzt wurde. Übersetzungen der Bibel ins Estnische reichen bis in das 16. Jahrhundert zurück, die erste vollständige gedruckte Bibelausgabe in estnischer Sprache erschien 1739. Im 19. Jahrhundert entstand das estnische Nationalepos Kalevipoeg nach Vorbildern des finnischen Äquivalentes Kalevala. Die Anthroposophen versuchen, das Epos zu interpretieren. 1869 fand in Tartu das erste estnische Liederfest statt – eine Tradition, die sich bis heute erhalten hat; der heutige Austragungsort ist der Laulukaar (Liederbogen), eine 1960 gebaute, riesige muschelförmige Freilichtbühne im Osten von Tallinn.

Die gegenwärtige Angst mancher Esten vor einer neuerlichen Besetzung durch Russland ist Kati Kolk zufolge regional verschieden; besonders ausgeprägt sei sie im Südosten angesichts beobachteter russischer Militärmanöver. Waldorflehrer, die sie in der lettischen Hauptstadt Riga befragte, scheinen diese Angst indes nicht zu teilen.

Schon nach dem ersten Weltkrieg lebten die ersten Anthroposophen in Estland, wenngleich es nicht zu Gründungen irgendwelcher Einrichtungen kam. Während der Sowjetzeit konnte die Christengemeinschaft (die sich selbst nicht als anthroposophisch bezeichnet) sich nicht etablieren. Treffen, gar Menschenweihehandlungen (die Gottesdienste der Christengemeinschaft) waren nur an geheimgehaltenen Orten möglich. Kolk erzählt, wie ein finnischer Priester, der ein- bis dreimal im Jahr nach Estland kam und bei der Anreise in Tallinn seine Ritualtexte stets verstecken musste, immer vom selben Taxifahrer zum Treffpunkt gebracht wurde; vor dem Haus hätten dunkel gekleidete Männer patrouilliert, seien aber nie hineingegangen. Nach der Wende wurde die Christengemeinschaft in Tallinn gegründet, Räume in einem Wohnkomplex wurden gefunden und renoviert, die Gemeindearbeit begann. 1999 kam ein erster estnischer Priester in die Gemeinde, doch 2008 zog er nach Deutschland, sodass es vorläufig keine Menschenweihhandlungen mehr gab. Die Gemeinde musste sich neu orientieren; 2008-2014 gab Kolk in zwei estnischen Waldorfschulen Religionsunterricht auf der Grundlage der anthroposophischen Freien Religion. Später gab es wieder einige Menschenweihhandlungen, zu denen Gemeindeglieder stets aus dem ganzen Land zureisten. Unterdessen wurde in Tartu (Dorpat) ein Ableger der Tallinner Gemeinde gegründet. Das Durchschnittsalter der Gemeindeglieder ist in Estland niedriger als hierzulande.

Derzeit lebt kein Priester der Christengemeinschaft in Estland. Einmal im Monat wird eine Menschenweihhandlung unter Leitung eines aus dem Ausland zureisenden Geistlicher abgehalten. Am vergangenen Neujahrstag fand eine erste Menschenweihhandlung in der litauischen Hauptstadt Vilnius statt. Die Nachfrage nach Gemeindearbeit sei zwar groß, doch manche Gemeinden seien zu klein, es gebe zu wenige Aktive.

Auf Fragen eines Zuhörers ergänzte die Rednerin, dass die Ordnung (Liturgie) der Menschenweihhandlung sich nicht verändert – zumindest im Grund ist sie festgeschrieben. In den Kindergärten der Christengemeinschaft werden weder Religionsunterricht gegeben noch Handlungen abgehalten. Das Zitieren von Liturgietexten im Alltag kann indes empfindliche Reaktionen auslösen; Vergleichbares hatte der Zuhörer auch in der Freien Religion, deren Kinder-, Jugend- und Opferhandlungen in anthroposophischen Kinderheimen und manchen Waldorfschulen abgehalten werden, beobachtet.

Genaues zur Christengemeinschaft insgesamt gibt es im Internet unter www.christengemeinschaft.org.
Speziell zur Frage „Ist die Christengemeinschaft anthroposophisch?“ gibt es einen Durchschaltlink.

Info:

Aus den griechischen Worten "anthropos" (Mensch) und "sophia" (Weisheit) zusammengesetzt heißt "Anthroposophie"wortgetreu "Weisheit vom Menschen". Sie ist eine am Anfang des 20. Jahrhunderts von Rudolf Steiner begründete Bewegung, die eine ganzheitliche Auffassung vom Menschen vertritt und den Menschen zur Entwicklung höherer seelischer Fähigkeiten und Erkenntnisse führen will.

Foto: Rudolf Steiner / Quelle: Wikimedia - Gemeinfrei

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