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Indisches Gericht verurteilt estnische Schutzleute zu Gefängnisstrafen

Estnisches Schutzpersonal des Piratenabwehrschiffes Seaman Guard Ohio 35 Estnisches Schutzpersonal des Piratenabwehrschiffes Seaman Guard Ohio 35 Von Thomas Michael und Aino Siebert  

Ein Schwurgericht im indischen Tuticorin hat 35 Schutzleute, die zu der Besatzung eines Piratenabwehrschiffes gehören, zu fünf Jahren Freiheitsstrafe in einem Gefängnis mit strengem Regime verurteilt. Die Verurteilten müssen zudem 3000 Rupien (rund 41 Euro) Geldstrafe zahlen. Die Angeklagten, unter ihnen 14 Esten, wurden direkt im Gerichtssaal festgenommen und in die Haftanstalt gebracht. Die anderen Besatzungsmitglieder stammen aus Großbritannien und der Ukraine. Das Urteil wurde verlesen, die Anwälte bekamen davon eine Abschrift. Das Außenministerium in Tallinn hat die Angehörigen der Inhaftierten über die Entscheidung informiert.

Die estnische Außenministerin Marina Kaljurand zeigte sich von diesem Urteil überrascht. Sie hatte aus humanitärer Sicht einen positiven Ausgang des Verfahrens erwartet. Die Chefdiplomatin will weiterhin versuchen, die Männer freizubekommen, damit sie in die Heimat ausreisen können. Das Außenministerium hält außerdem weiterhin Kontakt zur indischen Justiz, einschließlich dem indischen Botschafter in Estland, Ashok Kumar Sharma. Sowohl Kaljurand, als auch der Europaparlamentsabgeordnete und frühere Außenminister Urmas Paet sehen als einzige Möglichkeit, die Esten wieder freizubekommen, einen
Begnadigungsantrag zu stellen.

Der estnische Geschäftsträger in Neu-Delhi hatte dem Gerichtsprozess beigewohnt und steht den Inhaftierten, ebenso wie der Verteidiger Muthusamy, zur Seite. Estland hat in Indien zur Zeit zwei Konsuln, Indrek Erikson und Mats Kuuskemaa. Die Verurteilten haben nun neunzig Tage Zeit, um einen Berufungsantrag zu stellen.

Die Mannschaft des Piratenabwehrschiffes Seaman Guard Ohio 35 der US-amerikanischen Seesicherheitsfirma Advanfort wurde von der Polizei des Bundesstaates Tamil Nadu schon im Oktober 2013 in indischen Territorialgewässern festgesetzt. Am 30. Dezember 2013 wurde die Besatzung angeklagt. Die Festgenommenen wurden beschuldigt, rechtswidrig Kraftstoff getankt, ordnungswidrig Waffen benutzt und ohne Erlaubnis indische Hoheitsgewässer befahren zu haben. Am 5. April wurden die Männer gegen Kaution freigelassen. Dem Anwalt Muthusamy zufolge hat die Firma Advanfort nichts für die Freilassung ihrer Angestellten unternommen. Der Arbeitgeber hat ebenso nichts dazu beigetragen, um die Anschuldigungen gegen das eigene Personal zu entkräften.

Staatspräsident Toomas Hendrik Ilves sagte nach der Beratung mit Außenministerin Kaljurand: „Ich teile den großen Kummer und die Ungewissenheit der Besatzungsmitglieder des Piratenabwehrschiffes, die vor fast drei Jahren festgenommen wurden. Das Urteil kam für uns alle unerwartet.“ Ilves betonte, dass der Staat alle diplomatischen und politischen Kontakte nutzen wird, um die estnischen Staatsbürger zurück in die Heimat zu holen.

Der Prozess in Indien wurde von der Journalistin der Boulevardzeitung Õhtuleht (Abendblatt), Kristiina Tilk, beobachtet. Sie berichtete, dass die Männer nach der Urteilsverkündung entgeistert waren. Sie versuchten zwischen der Urteilsverlesung und ihrer Verhaftung, Telefonkontakt mit Angehörigen zu bekommen. „Die Männer waren so niedergeschlagen, dass es ihnen unmöglich war, die Entscheidung zu kommentieren. Sie sorgen sich nicht um sich, sondern um ihre Angehörigen,“ sagte Tilk.

Seit Jahren werden Handelsschiffe auf der See von Piraten angegriffen. Aus diesem Grund bieten viele Firmen Anti-Piraten-Einsätze an. Die Reedereien nehmen die Angebote gerne in Anspruch. Vor allem gilt der Güterverkehr zwischen Asien und Europa als gefährlichstes Nadelöhr der Welt. Viele Besatzungen weigern sich, ohne bewaffneten Schutz durch diese Gewässer zu fahren. Auch Versicherungsunternehmen wollen oft keine Versicherungsscheine ausstellen, wenn kein bewaffneter Schutz vorhanden ist.

Foto: Privat / Delfi / Eesti Päevaleht

 



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