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Aufstand der Anständigen: Miteinander statt gegeneinander

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Gegendemonstration in Kandel Gegendemonstration in Kandel Kandel im Bundesland Rheinland-Pfalz ist ein Ort, den Touristen normalerweise nicht besuchen. Wenn man aber in dem sympathischen Städtchen unweit von Karlsruhe und der Grenze zu Frankreich weilt, bleibt die Gastfreundlichkeit und Offenheit der Pfälzer nicht unbemerkt. Schwer zu glauben, dass hier ein Asylbewerber aus Afghanistan, am 27. Dezember 2017 ein 15-jähriges Schulmädchen namens Mia getötet hatte. Der Staatsanwaltschaft zufolge handelte es sich um einen Mord, weil der eigenen Worten zufolge gleichaltrige Junge seine Mordwaffe kurz vor der Bluttat gekauft hatte.

In einem Interview der „Bild-Zeitung“ erzählen Mias Eltern, dass sie Abdul wie einen eigenen Sohn behandelt haben. Als ihre Tochter die Beziehung beendete, wurde der Afghane eifersüchtig. Das spätere Opfer hatte ihren Ex-Freund noch vor ihrer Ermordung angezeigt, weil er ihr gedroht haben soll. Nach der heimtückischen Bluttat hat der Vater das Alter des mutmaßlichen Mörders in Frage gestellt, seiner Meinung nach ist er deutlich älter als 15. Das Alter des Angeklagten spielt im Gericht bei der Strafmaßverkündung eine entscheidende Rolle, da Minderjährige und Jugendliche milder bestraft werden als Erwachsene.Demonstation der Rechten gegen Gewalt durch AsylbewerberDemonstation der Rechten gegen Gewalt durch Asylbewerber

Versammlung der Rechtsgerichteten

Nach der Flüchtlingskrise 2015 und dem Einzug der rechtspopulistischen Partei Alternative für Deutschland (AfD) in den Bundestag ein Jahr später versuchen die Rechtspopulisten und Ultrarechten, aus negativen Schlagzeilen politisches Kapital zu schlagen. Dabei verleiten sie die Menschen mit Halbwahrheiten und falschen Behauptungen. Auch Mias Ermordung nutzen sie in ihrem Sinne unverfroren aus.

Am 28. Januar versammelten sich die Rechten mit ihren Unterstützern aus ganz Deutschland in Kandel, um angeblich gegen Gewalt gegen Frauen und Kinder durch Asylbewerber zu demonstrieren. Ein Trauermarsch für die ermordete Schülerin hatte schon am 2. Januar stattgefunden.

Aktuell versammelten sich die Protestler am Tatort und liefen von dort aus gemeinsam in die Stadtmitte. Sie riefen dabei Parolen wie „Lüge, Hetze und Betrug. Bürger haben jetzt genug!”, „Sicherheit für Frau und Land, dafür gehen wir Hand in Hand!”, „Merkel muss weg!“, „Widerstand!“ und – wie immer – „Lügenpresse!“.

Die Demonstration hatte das „Frauenbündnis Kandel“ organisiert, über das im Internet keine Informationen zu finden sind. Werbung für den Protestmarsch hatte auch die frühere DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld betrieben, die CDU-Mitglied war und jetzt mit der AfD kuschelt.

Unter den ansonsten anonymen Rednern befand sich der libanesisch-deutsche Filmregisseur Imad Karim, der den Gegendemonstranten vorwarf, Jeden zu diffamieren, der ihre Meinung nicht teile. Der 59-Jährige ist einer der meistumstrittenen Islam-Kritiker, dem Nähe zur AfD und zum beurlaubten Gymnasiallehrer Björn Höcke vorgeworfen wird. Er selbst bestreitet dies. Doch es wird schnell klar, dass Karim undifferenziert betrachtet, sich von seinen Bauchgefühlen, weniger von Fakten, leiten lässt. Ende Juli 2017 sendete das öffentlich-rechtliche Fernsehen ARD eine Reportage „Im Netz der Lügen – Der Kampf gegen Fake News“ von Claus Hanischdörfer, in dem unter Anderem eine Facebook-Nachricht Karims als Beispiel für die Verbreitung falscher Nachrichten angeführt wird.

Stefan Bernhard, parteiloser Abgeordnete des Europaparlamentes Stefan Bernhard, parteiloser Abgeordnete des Europaparlamentes

Aufstand der Anständigen

Die Rechtsgesonnenen wurden in Kandel laut von Gegendemonstranten begrüßt. Die Organisatoren aus dem Verband „Aufstehen gegen Rassismus“, unter ihnen der parteilose Abgeordnete des Europaparlamentes Stefan Bernhard, betonten, dass jeden Tag auch in deutschen Familien Frauen und Kinder misshandelt werden, doch für diese Opfer gehe niemand auf die Straße.

Die Demonstrierenden warben „für Menschlichkeit“ und forderten die Bürger auf „gegen Rassismus aufzustehen“. Zwischen den zwei Lagern hatte die Polizei eine Barrikade aus Behördenfahrzeugen und Beamten errichtet, um mögliche Zusammenstöße zu verhindern. Polizeibekannte Hooligans mussten die Stadt in Begleitung von Ordnungshütern verlassen.

Doch Mia kann nach dem Trauermarsch nicht im Frieden ruhen. Die Menschen mit rechtem Gedankengut haben schon angekündigt, eine neue Demonstration gegen die Asylsuchenden organisieren zu wollen. Am Straßenrand stand eine ältere Frau und schaute sich die Geschehnisse in ihrer Stadt an. Die Kandlerin erzählte, wie sie vor einigen Jahren ausgeraubt worden war. Der Täter, ein aus Kandel stammender Deutscher, musste für drei Jahre hinter Gitter. Dann fragte sie im Hinblick auf die brüllende Menschenmenge: „Woher kommt der ganze Hass?“

Wenn jemand eine Angehörige durch Mord verliert, ist dies emotional kaum zu ertragen. Wenn aber das Mordopfer noch für politische Zwecke instrumentalisiert wird, kann die Familie gar keine Ruhe finden.


 

Polizeikette zwischen den DemonstationenPolizeikette zwischen den Demonstationen

Faktencheck

Die Demonstranten zeigten in Kandel auf Plakaten sechs Namen derer, die angeblich von Schutzsuchenden ermordet worden seien. Nach einem Faktencheck kann jedoch festgestellt werden, dass die Morde, bzw. Tötungsdelikte verschiedene Hintergründe haben. Heutzutage kann dank Internet Jeder überprüfen, ob die Behauptungen stimmen oder nicht. Offensichtlich sind viele Bürger einfach zu faul dazu, oder sie trauen nur der „Wahrheit“ gleichgesonnener Menschen in den sozialen Medien, die ihrem Weltbild entsprechen. Sie weigern sich, sich mit Fakten auseinanderzusetzen.

Vor dem Landgericht Münster stand im vergangenen Jahr ein abgelehnter Asylbewerber (28) aus Nigeria, dem der Mord an einer 22-Jährigen aus Ahaus (Nordrhein-Westfalen) vorgeworfen wurde. Er hatte mit der jungen Flüchtlingshelferin vor der Bluttat eine sexuelle Beziehung und verprügelte deswegen einen Mitbewohner in einem Asylheim. Der spätere Täter unterstellte diesem, mit seiner Ex-Freundin intim zu sein, so das Landgericht. Mitte Oktober wurde der Beschuldigte, der 2015 nach Deutschland gekommen war, wegen des tödlichen Messeangriffes zu 13 Jahren Haft verurteilt. Mordabsichten konnten ihm nicht nachgewiesen werden.Unbekanntes Frauenbündnis KandelUnbekanntes Frauenbündnis Kandel

Am 15. April 2017 war Melissa in Hannover (Niedersachsen) ermordet worden. Laut Anklage war Mullham der 27-Jährigen von der U-Bahn-Haltestelle gefolgt und hat sie kurz vor ihrer Haustür mit einem Messer angegriffen. Der aus Syrien stammende Student, der mit einem Studentenvisum nach Deutschland gekommen war, kannte sein Opfer nicht. Drei Tage später hatte er im Hannoverer Stadtteil Kleefeld in der Nähe des Studentenwohnheimes, in dem er wohnte, mit seinem Freund Yahia eine hitzige Auseinandersetzung. Der Streit eskalierte, Mullham tötete auch seinen Landsmann. Ein Gutachter stellte fest, dass der 25-Jährige nicht schuldfähig ist. Er wurde in die Psychiatrie angewiesen.

Ein weiterer Mord passierte im bayerischen Prien am Chiemsee. Farimah aus Afghanistan war einkaufen, als ihr Landsmann Hamidullah sie mit einem Messer vor den Augen ihrer Kinder tötete. Die Vierfachmutter soll ihn einige Zeit zuvor aufgefordert haben, zum Christentum zu konvertieren. Der Angeklagte war 2013 über die Balkan-Route nach München gekommen. Sein Vater sei wohlhabend, doch als Junge hatte er miterleben müssen, wie seine Mutter und Schwester getötet wurden. Später hatte der Knabe deren Mörder mit einem Metallrohr über den Kopf geschlagen. Damals war er nur 14 Jahre alt und hatte nach der Tat Probleme mit einem verfeindeten Stamm. Mamidullah ist ein abgelehnter Asylbewerber. Das Urteil wird am 9. Februar erwartet. Über den Gutachter hat der psychisch labile Beschuldigte um die Todesstrafe gebeten. Er wisse, dass er eine Sünde begangen habe.Plakate der GegendemonstrantenPlakate der Gegendemonstranten

Wer Niklas im früheren Bonner Diplomatenviertel Bad-Godesberg getötet hat, ist immer noch unklar. Der 17-jährige Schüler geriet im Mai 2016 nach einer Veranstaltung auf der Heimweg mit drei Männern in ein Wortgefecht, als dessen Folge er brutal zusammengeschlagen worden war. Niklas erlag eine Woche später im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen. Im Oktober 2016 wurde gegen zwei der mutmaßlichen Täter Anklage erhoben. Der Hauptbeschuldigte wurde später jedoch freigesprochen, ein anderer mutmaßlicher Täter rückte nun in den Fokus der Justiz. Die Staatsanwaltschaft kündigte an, die Akten und die komplette Hauptverhandlung im Hinblick auf neue Ermittlungsansätze auszuwerten. Sie gehe davon aus, dass viele Zeugen in dem Verfahren geschwiegen hätten, obwohl sie den Täter kennen würden. Erst wenn man es schaffe „irgendwie diese Phalanx aus Lügen und Schweigen zu durchbrechen“, könne man weiterkommen. Ebenso ist nicht geklärt, wer Mitte Oktober 2016 in Hamburg den 16-jährigen Victor tötete.

Am 26. Januar wurde in Lüne (Nordrhein-Westfahlen) ein 14-jähriger Schüler von seinem ein Jahr älteren Mitschüler getötet, weil er angeblich mit seinen Blicken die Mutter des späteren Täters provoziert haben soll. Der 15-Jährige wurde festgenommen und wird wegen Mordes angeklagt. Er ist in Deutschland geboren und hat sowohl die deutsche als auch die kasachische Staatsangehörigkeit.

Fotos: © Das Baltikum-Blatt / AWSiebert

 

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