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Litauische Banden auf Luxuswagensuche in Estland

Funkschlüssel zum Aufschließen des  AutosFunkschlüssel zum Aufschließen des AutosVon Aino Siebert

Die Sendung „Radar“ des estnischen privaten Fernsehkanals Kanal 2 strahlte einen Film aus, ,in dem gezeigt wurde, wie litauische Banden bei ihren Raubzügen durch Estland Luxuskarossen stehlen.

Wenn noch vor etwa zehn bis fünfzehn Jahren estnische Gastkriminelle in Deutschland wertvolle Wagen stahlen, Banken ausraubten oder Juwelenläden leerräumten, sind jetzt litauische Gauner überall dort unterwegs, wo es Kostbares zu holen gibt. Vor kurzem berichteten wir über die aus Litauen stammende Gruppierung „White Bears“ („Weiße Bären“), die nicht nur in europäischen Metropolen agiert, sondern allgemein in Wohngebieten, in denen wertvolles Gut zu finden und zu entwenden ist. Wenn die Polizei einen Gauner verhaftet und hinter schwedische Gardinen schickt, sind die Bandenführer fähig, den „erledigten Soldaten“ sofort mit einem anderen zu ersetzen.

Bewaffnet und gefährlich

Als „bewaffnet und gefährlich“ bezeichnet Oberkommissar Rain Vosman aus der Polizeipräfektur Süd eine in Estland inhaftierte litauische Autogangstergruppe. Er erzählt, dass die kriminellen Gesellschaften aus Litauen im baltischen Nachbarland im großen Stil böhmisch einkaufen gehen. Ein besonderes Auge haben sie auf teure Autos geworfen. Um ihnen das Handwerk zu legen, muss die Behörde mehr Beamte gegen organisierte Kriminalität einsetzen.

Kanal 2 zeigt in seiner Dokumentation einen Film aus einer privaten Überwachungskamera. Dort ist zu sehen, wie zwei maskierte Männer sich um Mitternacht auf einem Hof eines Privathauses an einem wertvollen Toyota-Geländewagen zu schaffen machen. Einer der Gauner steht beim Wagen, der andere, mit einer Waffe ausgerüstet, direkt vor der Haustür. Um die edle Karosse startklar zu machen, brauchten die Räuber nur einige Sekunden. Deutlich mehr Zeit brauchten sie, um das Gartentor zu öffnen.

Als die Familie am nächsten Morgen aufgestanden war, konnte sie sich darüber nur wundern, wie leicht es ist, einen Luxuswagen zu stehlen. Man will sich gar nicht ausmalen, so Vosman, was passiert wäre, wenn das Familienoberhaupt versucht hätte, in der Nacht sein Eigentum zu retten. Der Beamte appelliert, sich mit bewaffneten Gangstern nicht einzulegen, sondern sofort die Polizei zu rufen.

Seit dem vergangenen Herbst ist es der estnischen Polizei gelungen, drei litauische kriminelle Gruppen festzunehmen. Alle verhafteten Gesetzesbrecher waren bei ihren Überfallen schwer bewaffnet und auf Entwendungen teurer Wagen spezialisiert. Im Februar, als die letzten Ganoven ins Polizeinetz gingen, endete die Operation bei Karksi-Nuia (Landkreis Viljandi, (deutsch Fellin) mit einer wilden Schießerei. Doch der Polizei geht die Arbeit nicht aus. Priit Schvede aus der Polizeipräfektur West bringt vor, dass noch im rund zwanzig Autodiebstahlfällen ermittelt wird.Von Schüssen durchlöcherter GeländewagenVon Schüssen durchlöcherter Geländewagen

Unangenehme Überraschung

Der Unternehmer Aigar Palm wohnt bei Tartu (deutsch Dorpat). Sein Haus liegt unweit von der Stelle, wo im vergangenen Dezember der obengenannte Toyota-Geländewagen entwendet wurde. Ihm haben die Ganoven in der Nacht zum 12. Februar einen Besuch abgestattet und dabei seinen 80.000 Euro teuren schwarzen BWM Off-Roader mitgenommen. „Ich schaue aus dem Fenster und sehe, dass in der Nacht Schnee gefallen war. Doch meinen schwarzen Wagen sehe ich im weißen Schnee nicht,“ erzählt Palm in der Streifen. „Dass mein Auto gestohlen wurde, kam bei mir nicht an. Ich öffne die Haustür und schaue genau hin. Doch mein »Pferd« steht nicht da, wo ich es geparkt habe. Da denke ich, ob ich träume... und schließe die Tür wieder. Als ich dann zum zweiten Mal die Haustür öffnete, wusste ich, mein Wagen ist geklaut worden,“ berichtet der Geschädigte weiter. Keines der Familienmitglieder hatte in dieser Nacht etwas Ungewöhnliches bemerkt, auch die Nachbarn nicht. Nicht einmal die Hunde haben gebellt.

Als Palm dann die Polizei verständigte, wurde er gleich in die Behördendienstelle gerufen. Dort wurde der Unternehmer gebeten, mit den Beamten mitzugehen. Auf dem Weg zu seinem gestohlenen Jeep hat der Polizist ihn gewarnt: „Das Bild, das sie jetzt zu sehen bekommen, ist nicht behaglich“.

Tatsächlich: Als der Familienvater sein liebgewonnenes „Luxuspferd“ zu sehen bekam, konnte er seinen Augen nicht trauen: Der Wagen war vom Kugeln durchlöchert und hatte wegen dieses unfreiwilligen „Parkens“ Totalschaden. Dem Fahrzeugbesitzer wurde erklärt, dass die Polizei in der Nacht eine Großoperation durchgeführt hatte, um die litauischen Autodiebe zu fassen, die mit seinem Geländewagen zu flüchten versuchten. Diesmal konnten die Fahnder, die die Litauer schon in der Nähe des Palm´schen Wohnhauses bei Tartu beobachtet hatten, diese nach langer Verfolgung festnehmen.

Einfach gestaltete sich diese Operation allerdings nicht. In der Nähe von Karksi-Nuia (Süd-Estland, Kreis Viljandi) hatte die Polizei eine Straßensperre eingerichtet. Doch statt vor der Schranke zu bremsen, gaben die Verbrecher richtig Gas. Um sie zu stoppen, mussten die Beamten von ihren Waffen Gebrauch machen. Nach einem Treffer prallte Palms Geländewagen auf den Polizei-Škoda und kam von der Fahrbahn ab. Der Polizeifilm zeigt, wie die Männer nun versuchten, ihre Flucht zu Fuß fortzusetzen. Am Morgen hatten alle Täter Handschellen an. Einen der Diebe hatte eine Polizeikugel am Schenkel getroffen, er brauchte ärztliche Hilfe. An der Polizeioperation nahmen rund hundert Beamte teil, und sie dauerte mehrere Stunden.

„Die gleichen Männer waren schon mehrfach in Estland auf Beutesuche. Sie haben die kostspieligen Autos immer schnell geknackt und über die Grenze gefahren. Diesmal wussten wir davon um inen aufzuwarten,“ erklärt Vosman. Das heißt, die Polizei hatte schon vorab durch eine Videoaufnahme ein Täterprofil angefertigt. Die Beamten wussten, was sie erwartet: Die Räuber haben eine sportliche Figur, sie sind maskiert und tragen eine Waffe. Sie sind kaltblütig und lassen sich von nichts ablenken. Möglicherweise tragen sie auch eine kugelsichere Weste.

Den Fahndern war auch klar, dass die Kriminellen nicht zufällig ihre „Arbeit“ verrichten. Die Wohngegenden werden von einigen Gruppenmitgliedern vorab ausgekundschaftet. Es geht hier um organisierte Kriminalität mit einer festen Struktur: Irgendwo sitzt das Hirn der Bande, dessen Beruf es ist, Autos zu entwenden und sie weiterzuverkaufen. Der Chef feuert „Soldaten“ ein, die dann die Diebstähle für ihn erledigen. Erfahrungsgemäß bekommen sie dafür nur einen kleinen Lohn, oft hat die Bandenführung den potentiellen Täter in der Hand. Zum Beispiel wurde ihm Geld geliehen, oder man drohte einfach, den Angehörigen etwas anzutun, wenn sie den Befehlen nicht nachkommen. Der Polizei zufolge sind in der Bande auch Männer tätig, die Kampfsportarten betreiben.

Der Funkwellenverlängerer, das Zaubergerät

Die Polizei konnte das wichtigste Arbeitsmittel mutmaßlicher Täter sicherstellen. Es geht hier um ein Gerät, mit dessen Hilfe es binnen einiger Sekunden möglich ist, erfolgreich einen Luxuswagen zu starten und zu entwenden.

Moderne Funkschlüssel sind zwar bequem, bergen aber ein großes Diebstahl-Risiko in sich, denn das sogenannte Keyless- (Schlüssellose) System, das es ermöglicht, ohne aktive Benutzung eines Autoschlüssels ein Fahrzeug zu entriegeln und durch das bloße Betätigen des Startknopfes zu starten, ist leicht zu knacken. Ein Gerät in der Nähe der Haustür empfängt das Signal des Funkschlüssels im Haus, verstärkt es und sendet es an ein zweites Gerät. Dieses simuliert in der Nähe des Autos den Schlüssel und entriegelt den Wagen zum Wegfahren.

Nach Erkenntnissen der Experten können Verbrecher für rund 35.000 Euro im Internet den Funkwellenverlängerer erwerben.

Deswegen rät die Polizei, die Funkschlüssel nicht in der Nähe der Haustür zu deponieren, sondern im Inneren der Wohnung, noch besser in Alufolie zu wickeln oder in einem Metallbehälter aufzubewahren, sodass die Funkwellen abgeschirmt werden.Motorboot auf dem Transportanhänger

Nicht nur Autos entwendet

Doch die Litauer sind nicht wählerisch. Wie auch in den anderen europäischen Staaten, stehlen die kriminellen Gruppen auch in Estland Alles, was einen hohen Wert hat. Im Januar wurden in der Kurstadt Pärnu (deutsch Pernau) Gangster verurteilt, die im Jahr 2014 während der Sommermonate Boote, ein Motorrad und mehrere teure Baugeräte gestohlen hatten. Der Ermittler Schvede berichtet, wie die Litauer im Tallinner Stadtteil Kopli ein Motorboot auf seinem Transportanhänger in einem Parkhaus an ihren Bus angekoppelt haben und damit weggefahren sind. Trotz der frühen Zeit – es war erst 7 Uhr – hatte die vierköpfige Gruppe keine Angst. Obwohl die Diebe, unter anderem der Chef Gintaras Prochoras, festgenommen wurden, konnte die Polizei das Raubgut nicht sicherstellen. Pech für die Besitzer, die auf ihr Eigentum keine Versicherung abgeschlossen hatten. Doch auch die Versicherung hilft nicht immer. So musste Aigar Palm nach langem Streit mit seinem Versicherer Ergo vor Gericht ziehen, um Rückerstattung für sein „Luxuspferd“ mit Kugellöchern zu erhalten. Auf 17.000 Euro blieb auch er letztendlich sitzen, denn die Gesellschaft war nicht bereit, den ganzen Wert des Wagens zu ersetzen. (Deutsche Bearbeitung: Thomas Michael)

Fotos: Screenshot

 



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