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ITS: Anfragen um mehr als 25 Prozent gestiegen

Im vergangenen Jahr wandten sich mehr als 15.000 Menschen an den International Tracing Service (ITS) in Bad Arolsen (Nordhessen), um Auskünfte über Verfolgte der Nationalsozialisten (NS) zu erhalten, berichtet die Behörde in einer Pressemitteilung. Damit ist die Zahl der Anfragen im Vergleich zu 2014 um rund ein Viertel gestiegen.

Die Klärung des Schicksals von Opfern des NS-Regimes, die Suche nach Angehörigen sowie die Erteilung von Auskünften an Überlebende und Familienmitglieder von Opfern zählt zu den bedeutenden Aufgaben des ITS. Wie aktuell und wichtig diese Arbeit auch im 70. Jahr nach der Befreiung 1945 war, belegen die Zahlen aus dem vergangenen Jahr, die Floriane Hohenberg als neue Direktorin der Behörde jetzt bekannt gab: Die Anfragen an den ITS stiegen von mehr als 12.100 im Jahr zuvor auf rund 15.500 an.

ITS-KorrespondenzablageITS-Korrespondenzablage
 
ITS Korrespondenzablage“: Die Zentrale Namenskartei ist mit 50 Millionen Hinweiskarten zu 17,5 Millionen Menschen weltweit ein einzigartiges Mahnmal aus Papier über die NS-Verbrechen und ihre Folgen. Außerdem ist die Zentrale Namenskartei ein kulturgeschichtliches Zeugnis, das die Suche nach vermissten NS-Opfern als humanitäre Aufgabe und Verpflichtung der Zeit nach 1945 bis heute zeigt. Sie wurde 2013 in das UNESCO-Register „Memory of the World“ aufgenommen

 

Dafür gibt es verschiedene Gründe: Für die Anfragenwelle von Überlebenden sind Renten für bisher ausgeklammert gewesene Opfergruppen zu nennen. Durch eine Änderung in der polnischen Gesetzgebung erhalten nun auch jene jüdischen NS-Verfolgten Renten, die zur Zeit der Verfolgung in Polen waren, seitdem aber außerhalb des Landes leben. Auch die Reform der Ghettorenten, die nach einer Schätzung der Deutschen Bundesregierung für circa 40.000 noch lebende Ghettoarbeiterinnen und  arbeiter bedeutsam ist, sorgte für deutlich vermehrte Erkundigungen. Hohenberg erklärte, dass die Auskünfte über die Schicksale dieser hochbetagten Menschen beim ITS auch in diesem Jahr mit oberster Priorität behandelt werden, damit sie umgehend ihre Rentenanträge stellen können.

Gestiegenes Interesse von Angehörigen der zweiten und dritten Generation

Doch die Auswertung der Zahlen zeigt, dass der Anstieg nicht allein in den vermehrten Anfragen von Überlebenden begründet ist. In knapp 50 Prozent der Fälle kontaktierten Familienangehörige den ITS, um Auskünfte über Verfolgungswege zu bekommen. „Wir gehen davon aus, dass die stärkere Berichterstattung über den Nationalsozialismus aufgrund des 70. Jahrestages der Befreiung für viele Menschen ein Anlass gewesen sein kann, sich mit der eigenen Familiengeschichte zu befassen. Außerdem wird der ITS immer bekannter, und mehr Menschen nehmen dankbar die Möglichkeit in Anspruch, endlich zu erfahren, was den Eltern oder Großeltern widerfahren ist“, so die Behördenchefin. „In vielen Fällen haben sich Traumata auf nachfolgende Generationen übertragen. Eine Aufarbeitung der Familiengeschichte kann sehr hilfreich sein“, erläuterte die französische Soziologin, die zum Jahresbeginn die Leitung des ITS von der US-amerikanischen Historikerin Professor Dr. Rebecca Boehling übernommen hat.

Die Anfragen an den ITS kamen 2015 aus 77 Ländern. Rund ein Viertel stammt aus Deutschland, danach kommen die Russische Föderation, Polen, die USA und Frankreich. Auch Menschen aus China, Indien, dem Irak, Japan, Kenia, Namibia und Palau wandten sich an den ITS.

Hohe Zugriffszahlen auf das neue Online-Archiv des ITS

Außerdem konnte der ITS eine erste Bilanz über die Nutzung des Online-Archives vorlegen, in dem seit Oktober 2015 drei ausgewählte Bestände des ITS für den weltweiten Zugriff bereitgestellt wurden. Bis Dezember 2015 hatten bereits über 36.000 Nutzer mit den veröffentlichten Beständen gearbeitet. Besondere Wellen hat die Veröffentlichung der Effektfotos geschlagen. Journalisten und interessierte Privatpersonen recherchierten und lieferten entscheidende Hinweise, sodass der ITS einige der im Archiv aufbewahrten persönlichen Gegenstände an die Nachkommen von NS-Opfern aushändigen konnte.

Für Hohenberg ist die Veröffentlichung der Bestände ein bedeutender Schritt: „Ich sehe es als zentrale Aufgabe des ITS, das Online-Archiv kontinuierlich auszubauen. Es ist wichtig, dass die Dokumente noch stärker genutzt werden können – für die Angehörigen, aber auch für historisch-politische Bildungsarbeit und Forschung.“

Das Online-Archiv finden Sie unter: https://digitalcollections.its-arolsen.org

Über den ITS

Der International Tracing Service (ITS) ist ein Archiv und Dokumentationszentrum über die NS-Verfolgung und die befreiten Überlebenden. Aus mehr als 30 Millionen Dokumenten erhalten ehemals Verfolgte und ihre Nachfahren Informationen zur Inhaftierung, und Zwangsarbeit sowie der Nachkriegsunterstützung durch die Alliierten. Das Archiv ist zugleich die Grundlage für Forschung und Bildung. Um diesen Aufgaben gerecht zu werden, besteht eine internationale Zusammenarbeit mit Gedenkstätten, Archiven und Forschungsinstitutionen.

Der ITS erinnert an die Opfer des Holocaust und der NS-Verbrechen und leistet einen Beitrag zur Gedenkkultur. Seit 2013 sind die Originaldokumente des Archives Teil des UNESCO-Weltdokumentenerbes „Memory of the World“.

Die Aufsicht des ITS obliegt einem Internationalen Ausschuss mit Vertretern aus elf Mitgliedstaaten: Belgien, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Israel, Italien, Luxemburg, Niederlande, Polen, USA und Großbritannien. Finanziert wird der ITS aus dem Haushalt der Beauftragten für Kultur und Medien (BKM). Sein institutioneller Partner ist aktuell das Bundesarchiv.

www.its.de

Foto: © ITS / Andreas Greiner-Napp

 

 

 

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