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Luzerner Zeitung: Estland sieht sich von Russland bedrängt – Folgen der Hitler-Stalin-Pakt

Estnischer Verteidigungsminister Jüri LuikEstnischer Verteidigungsminister Jüri LuikDie Esten fürchten sich vor der Großmachtpolitik des heutigen Russlands. Eine Invasion ist für den amtierenden estnischen Verteidigungsminister Jüri Luik nicht bloß ein Gedankenspiel, berichtet die Luzerner Zeitung am 13. Juli. Luik, der 1996 bis 1999 als Botschafter bei der westlichen Militärallianz NATO tätig war, begründet in dem Gespräch mit dem Blatt das Misstrauen gegenüber Russland unter anderem damit, dass Estland schlechte Erfahrungen mit der eigenen Neutralität gemacht hatte: weder der deutsche Diktator Adolf Hitler noch der sowjetische Oberkommunist Jossif Stalin hatten sie respektiert.

Im Westen ist die Angst vor Russland oft schwer begreiflich

Für die westlichen Bürger ist oft schwer zu verstehen, warum die baltischen Staaten sich vor Moskau fürchten. Doch die Angst vor der östlichen Supermacht ist durch die bis 1991 andauernde Okkupation keinesfalls unbegründet. Die baltischen Staaten hatten 1940, ebenso wie die Bewohner der Schwarzmeer-Halbinsel Krim 64 Jahre später, hautnah und mit allen Grausamkeiten wie Deportationen, Verhaftungen der Gegner und Ermordung der Landeselite erlebt, wie schnell ein Staat annektiert werden kann.

Zur Erinnerung: Nazi-Deutschland und die Sowjetunion hatten am 23. August 1939, kurz vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges, einen deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt (bekannt als Hitler-Stalin-Pakt) abgeschlossen. Die Allianz garantierte dem Deutschen Reich die sowjetische Neutralität im Fall einer bewaffneten Auseinandersetzung mit Polen und den westlichen Staaten.

Doch zu der Vereinbarung gehörte noch ein geheimes Zusatzprotokoll „für den Fall einer territorial-politischen Umgestaltung“, das Stalin später den Einmarsch in die baltischen Staaten ermöglichte. Dessen Inhalt wurde allerdings erst nach dem Zweiten Weltkrieg bekannt. Während der Nürnberger Prozesse berichtete 1946 Ernst von Weizsäcker, Staatssekretär unter Hitler, von dem Geheimen Zusatzprotokoll, das die sowjetische Führung beharrlich verleugnete. Hätte doch dessen Existenz bewiesen, dass Stalin ein Komplize Hitlers war. Das Dokument hätte der Weltöffentlichkeit vorgeführt, dass der rote Diktator im Moskauer Kreml gemeinsam mit dem Obernazi in Berlin Europa unter sich verteilt haben. Demgemäß wollten die Russen auch die Existenz des geheimen Vertrages verschleiern.

In Nürnberg konnte das wichtige Dokument als Beweis nicht vorgelegt werden, weil die Reichskanzlei in Berlin durch einen Bombenangriff zerstört worden war. Sofern konnte der Kreml bis 1989 alle Hinweise auf das Protokoll als antisowjetische Verleumdung darstellen.

Im selben Jahr, kurz vor dem Zerfall des Sowjetreiches, forderten Abgeordnete aus den drei baltischen Sowjetrepubliken auf dem Volksdeputiertenkongress in Moskau den damaligen sowjetischen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow auf, das sowjetische Original des brisanten Dokumentes vorzulegen. Doch Gorbatschow erklärte, ein solcher Vertrag existiere nicht. Der im Westen immer noch hoch gefeierte Vater von Perestroika (Umbau) und Glasnost (Transparenz) hat jedoch nicht die Wahrheit gesagt. Sein Bürochef Waleri Boldin berichtet in seinen Memoiren, dass Gorbatschow das Schriftstück gut kannte aber befohlen hatte, darüber Geheimhaltung zu bewahren. Erst bei der Übergabe seines Amtes im Dezember 1991 an den neuen Präsidenten Boris Jelzin musste Gorbatschow die Existenz des hochexplosiven Geheimdokumentes einräumen.

Am 24. Dezember 1989 erklärte der Volksdeputiertenkongress der UdSSR durch ein Mehrheitsvotum den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt und seine Zusatzprotokolle ex tunc für ungültig. Doch eine Erklärung darüber, dass die Sowjetunion die baltischen Staaten entsprechend diesem Dokument okkupiert hatte, steht bis heute aus. Moskau behauptet, die Rote Armee sei nur gekommen, um das Baltikum von den Nazis zu befreien. Die sogenannten „Befreier“ sorgten dafür, dass rund 30 Prozent der Bevölkerung durch Verhaftungen, Ermordungen und Deportationen schrumpfte. Die Ansiedlung ethnischer Russen in den baltischen Staaten und die Ernennung des Russischen zur Amtssprache begann schnell danach, als 1944 die Rote Armee die souveränen Staaten endgültig besetzte. Unter kommunistischer Waffengewalt waren die Sozialistischen Sowjetrepubliken schon vier Jahre zuvor ausgerufen worden, nachdem die Staatselite der Republiken inhaftiert oder ermordet worden war.

Stalin erobert verloren gegangene Gebiete zurück

Im Geheimdokument gestattete Hitler Moskau, die in den Wirren der Oktoberrevolution und des Ersten Weltkrieges verlorenen Territorien des ehemaligen Russischen Zarenreiches zurückzuerobern.

In dem getarnten Abkommen erklärten die Diktatoren Ostpolen, Finnland, Estland und Lettland zur sowjetischen Interessensphäre. Westpolen und Litauen sollte Hitler bekommen. Dabei wurde das seit dem Polnisch-Sowjetischen Krieg umstrittene Wilnaer Gebiet Litauen zugerechnet. Dementsprechend wurden die baltischen Staaten von der Sowjetunion zuerst 1940 und nach der kurzen deutschen Okkupation erneut 1944 annektiert. Die Besetzung dauerte bis 1991 an.

In Moskau wird bis dato nicht daran erinnert, dass mit dem Pakt, den die Kommunisten mit den Nazis abgeschlossen hatten, auch ein jährlich zu erneuerndes Wirtschaftsabkommen einher ging, durch das die Sowjetunion neben Nahrungsmitteln auch für die Kriegsführung wichtige Rohstoffe an das Deutsche Reich lieferte. Dieses Abkommen half Hitler, einen Krieg, später auch gegen den eigenen Lieferanten Sowjetunion, zu führen. Zwei Autokraten paktierten, und das durch die Kampfhandlungen verursachte Leid hatten nicht nur Russen oder Deutsche zu tragen, sondern die ganze Bevölkerung Europas. Doch heutige Russland erinnert sich nur an das Leid der eigene Bevölkerung.

Es ist nicht zu verleugnen, dass der rote Imperium die meisten Toten des Zweiten Weltkrieges durch Überfall der Deutschen zu beklagen hatte. Die staatlich festgelegte Opferzahl von 20 Millionen wurde ab 1985 zur historischen Überprüfung freigegeben. Eine mehrjährige Überprüfung ergab sich im Jahr 2009 37 Millionen sowjetische Kriegsopfer. Doch der Krieg, den Stalin am Anfang tatkräftig unterstützt hatte, brachte großen Leid überall im Europa.

Der rote Diktator ist seiner im Vertrag festgelegten Verpflichtungen bis zu Hitlers Überfall auf die Sowjetunion nachgekommen, hat sie zum Teil sogar übererfüllt. Moskau ermöglichte Berlin sogar die Benutzung von Häfen in der Arktis, am Schwarzen Meer und am Pazifischen Ozean und ließ nazideutsche Transitwaren kostenlos mit der sowjetischen Eisenbahn transportieren.

Am 2. April 2009 nahm das Europäische Parlament auf Initiative der baltischen Abgeordneten eine Entschließung „zum Gewissen Europas und zum Totalitarismus“ mit der Forderung an, den 23. August zum gemeinsamen Gedenktag für die Opfer aller totalitären und autoritären Regimes zu erklären. (asie/tmich)

Das ganze Interview können Sie hier lesen.

Foto: Regierung Estlands

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