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Estland: Umstrittenes Denkmal als Erinnerung an die Grausamkeiten des Krieges

Von Aino Siebert

Russland hat ein umstrittenes Denkmal für einen ehemaligen Veteranen der Waffen-SS in Estland als Glorifizierung des Nationalsozialismus kritisiert. Die goldene Büste von Harald Nugiseks war am 21. Oktober in der Gesamtschule im Dorf Laupa im Landkreis Järvamaa – hier war der am 22. Oktober 1921 auf dem Gehöft Vanaõu im Dorf Karjaküla geborene Nugiseks zur Schule gegangen – enthüllt worden. Zu der feierlichen Zeremonie, während der die Vaterlandsliebe des Kämpfers hervorgehoben wurde, waren auch seine Witwe Laine und beider Sohn Tõnu gekommen. Die Büste stammt von der Bildhauerin Mare Mikoff.

Der Este hatte sich während des Zweiten Weltkrieges 1943, im Alter von 22 Jahren, freiwillig der Estnischen Legion angeschlossen, die zur Waffen-SS gehörte. Er diente als SS-Oberscharführer (Feldwebel) in der 20. Waffen-Grenadier-Division. Für seine Tapferkeit bei der Abwehrschlacht gegen die Rote Armee im Jahr 1944 wurde er mit der höchsten Auszeichnung der Wehrmacht, dem Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes, ausgezeichnet. Neben ihm haben noch drei weitere Esten, Alfons Rebane, Paul Maitla und Harald Riipalu, den von Adolf Hitler am 1. September 1939 anlässlich des Polenfeldzuges gestifteten Orden bekommen. Das Ritterkreuz wurde insgesamt über 7000-mal verliehen.

Nach dem erneuten sowjetischen Angriff auf Estland im September 1944 mussten sich die deutschen Truppen zurückziehen. Nugiseks wurde von tschechischen Freischärlern im Mai 1945 gefangen genommen und in ein Kriegsgefangenenlager gebracht. Nach drei erfolglosen Fluchtversuchen wurde der Soldat den sowjetischen Staatssicherheitsorganen übergeben. Nugiseks wurde von einem sowjetischen Gericht zu 10 Jahren Zwangsarbeit im Straflager Gulag sowie zu fünf Jahren Deportation in Sibirien verurteilt. Der Gefangene überlebte und schaffte es 1958, in die Heimat zurückzukehren. Nach der Wiederherstellung der Unabhängigkeit Estlands 1991 wurde der ehemalige Kämpfer ehrenhalber zum Hauptmann befördert. „Harald Nugiseks war ein legendärer Soldat, dessen Tragödie darin bestand, dass er für Estlands Freiheit nicht in einer estnischen Uniform kämpfen konnte“, begründete Verteidigungsminister Urmas Reinsalu die Entscheidung. Nugiseks starb im hohen Alter von 92 Jahre am 2. Januar 2014.

Um zu verstehen, warum die Esten den Mann, der in der Reihen der Nationalsozialisten kämpfte, anerkennen, müssen wir einen Blick zurück werfen.

Bruder gegen Bruder

Während des Zweiten Weltkrieges wurde Estland, wie auch viele andere europäische Staaten, zum Spielball zweier Großmächte, der Sowjetunion und des Deutschen Reiches. Das kleine Baltenland an der Ostsee hatte den Krieg nicht gewollt, russische oder deutsche Truppen wurden nicht nach Estland gerufen. Moskau und Berlin respektierten die Neutralität der Esten nicht. Beide Mächte besetzten das Land (Sowjetunion 1940 und 1944, Deutschland 1941) ohne Absprache mit Tallinn. Beide totalitären Systeme rekrutierten auch estnische Soldaten und zwangen sie, einen Bruderkampf zu führen.

Das Kriegsrecht wurde am Anfang des 20. Jahrhundertes mit den Haager und Genfer Konventionen geregelt. Die IV. Haager Konvention über Kriegsrecht und Kriegsführung war 1907 verabschiedet. 1929 trat wiederum die Genfer Kriegsgefangenenkonvention in Kraft. Mit dem Haager Abkommen wurden die Möglichkeiten von Besatzungsmächten, die Bevölkerung und materielle Ressourcen besetzter Staaten für die Unterstützung ihrer kriegerischen Operationen zu nutzen, begrenzt. Ebenfalls wurde es der Besatzungsmacht verboten, die Bevölkerung zu einem Treueeid auf die Besatzungsmacht zu zwingen. Der Genfer Vertrag regelte das Gleiche in Bezug auf Kriegsgefangene.

Um diese internationalen Vereinbarungen zu umgehen, behandelte die Sowjetunion die Bürger des von ihr besetzten Estland als sowjetische Staatsbürger. Das heißt, Moskau organisierte der Weltöffentlichkeit eine große politische Show, um zu „beweisen“, dass Estland aus eigenem Antrieb dem kommunistischen Reich beitritt, ähnlich wie die Bürger 2014 auf der von Russland annektierten Krim „freiwillig“ einen Anschluss an den Nachfolgestaat der Sowjetunion, die Russische Föderation, suchten. Der einzige Unterschied war, dass die Schwarzmeer-Halbinsel von „grünen Männchen“ erobert wurde, die sich erst später als russische Soldaten zu erkennen gaben. Estland dagegen wurde ohne „Komödie“ direkt von der Roten Armee eingenommen, danach wurde ein Staatsstreich organisiert. Als dann Jossif Stalins einstiger Busenfreund Adolf Hitler sich als Feind entpuppte, konnte der rote Diktator auch die Esten als Bürger der Sowjetunion gegen Deutschland mobilisieren. Gemäß einer Direktive des sowjetischen Marschalls Semjon Timoschenko mussten alle kampffähigen Soldaten der von den Sowjets besetzten Republik Estland an ihren Uniformen Erkennungszeichen der Roten Armee tragen und im Februar 1941 einen Treueeid auf die Sowjetunion schwören. Viele Esten flüchteten daraufhin auf dem Weg zur Front oder desertierten.

Die estnischen Soldaten, die in der Uniform der Roten Armee in deutsche Kriegsgefangenschaft gerieten, wurden Ende 1941 nach Estland zurückgebracht und mussten jetzt der neuen Okkupationsmacht, dem Deutschen Reich, dienen. Die deutsche Besatzungsmacht folgte 1941 in Estland formell der Haager Konvention. Die estnischen Zwangsrekrutierten bzw. Freiwilligen kämpften gegen die Rote Armee daher in sogenannten Schutzmannschaften oder in Freiwilligenlegionen.

Dem estnischen Historiker Toomas Hiio zufolge betrug die Mobilisationsstärke des estnischen Militärs vor dem Einmarsch der Roten Armee am 17. Juni 1940 rund 100.000 Mann. Hiio geht davon aus, dass genau so viele Soldaten in der Roten Armee (ein Drittel) und der Waffen-SS (zwei Drittel) dienten. In der Regel wurden Esten in die Rote Armee und in die Freiwilligenlegionen zwangsrekrutiert.

Das Motiv der estnischen Soldaten, die sich freiwillig den Nationalsozialisten anschlossen, war vor allem, gegen die verhassten Kommunisten zu kämpfen in der Hoffnung, so ihre im Juni 1941 von den Sowjets deportierten Verwandten und Freunde aus Russland zurückholen zu können. Einen Anreiz stellte auch der gute Sold dar. Doch schon in der zweiten Hälfte des Jahres 1942 stellten die Esten fest, dass ihre Erwartungen nicht erfüllt werden konnten. Vor dem erneuten Einmarsch der Roten Armee 1944 haben sich viele Esten gegen die Deutschen gewandt in der Hoffnung, ihre staatliche Souveränität nun aus eigener Kraft doch noch wiederherstellen zu können.

Wie kompliziert damals die Situation war, zeigt das Schicksal des estnischen Freiwilligen Arnold Soinla, der zuerst während des Winterkrieges in Finnland gegen die Rote Armee im Einsatz war, danach nach Norwegen ging und dort gegen die Deutschen kämpfte. Er kam am 20. Mai 1940 an der Front von Narvik am Polarkreis ums Leben. Er war der erste gefallene Este im Zweiten Weltkrieg, Tausende sollten ihm noch folgen.

Der Nachfolgestaat der Sowjetunion, die Russische Föderation, erkennt deren Anteil an diesen grausamen Ereignissen, die am 23. August 1939 mit der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes in Moskau begannen und Millionen Menschen Leid und Tod brachten, bis heute nicht an.

Anzumerken wäre noch, dass in der Zeit als die Esten sich als Freiwillige der Waffen-SS anschlossen, waren die militärische Verbände der Nationalsozialisten noch nicht als verbrecherisch eingestuft worden. Im Zweiten Weltkrieg waren sie dem Oberbefehl der Wehrmacht untergestellt. Aufgrund ihrer Beteiligung am Holocaust, am Porajmos und an zahlreichen anderen Kriegsverbrechen sowie Verbrechen gegen die zivile Bevölkerung wurde sie 1946 vom Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg zur verbrecherischen Organisation erklärt.

Angehörige der Freiwilligenverbände formierten sich nach dem Krieg zu dem 4221. estnischen Wachkompanie des US-Militärs (4221 Labor Service Company, auch Estonian Guard Company 4221) und waren unter anderem an der Nürnberger Internationalen Militärgerichtshof für die Beaufsichtigung der dort angeklagten Kriegsverbrecher eingesetzt. (Redaktionelle Bearbeitung: Thomas Michael)

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