Das Baltikum-Blatt

Estland

Estland: Gotteskrieger vergiften Gesellschaft

Veröffentlicht: 05. Juli 2015

Homosexualität Gleichberechtigung PlakatIn vielen erzkatholischen Ländern wie Spanien, Portugal, Frankreich oder Irland gelten die homosexuelle Lebenspartnerschaften längst als normal. Im Mai stimmten 62 Prozent der Einwohner der grünen Insel, die Homo-Ehe der traditionellen Ehe vollständig gleichzustellen. Nach diesem klaren Votum fühlen sich Schwulen und Lesben mit ihrer Befürworter auch in Deutschland einer Reform bestärkt. Entsprechende gesellschaftliche Diskussion ist zur Zeit voll im Gänge. Ein Gesetz über die Eingetragene Lebenspartnerschaft wurde in Bundesrepublik im Februar 2001 verabschiedet.

Doch in Estland, wo die katholische Kirche nur rund drei Prozent Anhänger hat, haben sich Radikale wie Varro Vooglaid (Universität Tartu), Toomas Vooglaid (katholische Privatschule Vanalinna Hariduskolleeg) und Markus Järvi, unterstützt von dem deutschen Adligen Paul Herzog von Oldenburg, dem Polen Sławomir Olejniczak und dem Letten Valdis Grinsteins zusammen getan und kämpfen seit einigen Jahren verbittert gegen die Legalisierung der Homopartnerschaften in Estland. Trotz einen großangelegten Unterschriftsammlung und aktive mediale Propaganda gegen das eingetragenes Lebenspartnerschaftsgesetz mussten sich die estnische Katholiken und deren Handlanger geschlagen geben. Als erste ehemalige Sowjetrepublik hat Estland homosexuelle Paare vor dem Gesetzgeber im großen Ganzen gleichgestellt. Das Parlament in Tallinn stimmte am 9. Oktober 2014 mit knapper Mehrheit für ein Gesetz, das Lesben und Schwulen beim einem Notar eine rechtliche Absicherung ihrer Zusammenlebens ermöglicht. Das Gesetz kann erst in Kraft treten, nachdem einige andere betroffene Reglements reformiert sind. Das parteiübergreifend von mehreren Abgeordneten vorgeschlagene Gesetz erlaubt Gleichgeschlechtlichen, leibliche Kinder des Partners zu adoptieren. Paare, bei denen beide Partner unfruchtbar sind, sollen auch nicht-leibliche Kinder annehmen dürfen.

Front gegen Lebenspartnerschaftsgesetz

Ein Bündnis namens Stiftung zum Schutz von Familie und Tradition (Perekonna ja Traditsiooni kaitseks), geführt von Rechtswissenschaftler Varro Vooglaid, machte mit Hilfe gleichgesinnter US-Organisationen und radikalen katholischer Gruppen Front gegen das Gesetz. Nach dem bitteren Niederlage hat Jurist Vooglaid, rechtzeitig vor dem Parlamentswahlen am 1. März öffentlich Parlamentsabgeordneten gedroht, für die Wähler zur Erinnerung eine Liste von Politikern anzufertigen, die für das Lebenspartnerschaftsgesetz gestimmt haben.

Varro und Toomas Vooglaid sind die Söhne von Ülo Vooglaid und Kersti Nigesen. Die letztere leitet die Tallinner katholische private Bildungsstätte. Ihr Mann, Sowjetsoziologe und Ehrenmitglied des estnischen Journalistenverbandes hat in der Medien viele Artikel gegen die gleichgeschlechtliche Beziehungen veröffentlicht, die teils deutlich Menschenwürde verletzt haben. Doch das Pressekontrollorgan sah kein Grund sich einzuschalten.

Geheimgehaltene Finanzen veröffentlicht

Eine Zeit lang machten die „Familien- und Traditionsschützer“ aus ihren Finanzen, vor allem der Finanzierer, ein großes Geheimnis. Wie das Nachrichtenportal Delfi aktuell berichtet, haben die Religionsextremisten nun in einem veröffentlichten Wirtschaftsbericht mitgeteilt, dass sie seit November 2014 70.000 Wahlberechtigten per Post und weiteren 120.000 per E-Mail die Liste mit den Namen der für die Lebenspartnerschaft stimmenden Abgeordneten zugestellt haben mit einem Aufruf, sich bei der nächsten Wahl nicht für diese Personen zu entscheiden.

Im Jahr 2014 hatte die Stiftung dem Bericht zufolge Spenden und Unterstützungen im Höhe 267.007 Euro bekommen. 2013 kam über 100.000 Euro nach Estland von der polnischen konservativen Einrichtung Piotr Skarga. Skarga (1536-1612) war ein polnischer Jesuit, Prediger und Polemiker. Er gilt als die führende Persönlichkeit der Gegenreformation in der polnisch-litauischen Rzeczpospolita des späten 16. Jahrhunderts. Im vergangenen Jahr soll der Verein nur private Spenden angenommen haben. Die Spender sind unbekannt.

Für die Lohnkosten berechnete die Stiftung 96.278 Euro, die Hälfte davon bekamen die Vorstandsmitglieder. So kann der fünffache Vater Varro Vooglaid sein Einkommen von Tartuer Universität kompensieren. Er ist zur Zeit von seinem Lektorarbeit freigestellt.

Am 3. Dezember 2014 bekamen die Homogegner 32.000 Euro von der Aadu Luukas Stiftung. Mit diesem Geld möchten die Katholiken eine Videostudio errichten und die Gesellschaft über die konservativen Werten unterrichten.

Die katholische Stiftung unterstützt keine traditionellen Familien oder Kinder im Not. Ihre Aufgabe sehen Varro Vooglaid und sein Team nur in der Verfolgungskampagne gegen die Gleichgeschlechtliche. Man kann davon ausgehen, dass der amtierende Papst Franziskus derartige Aufgabe nicht billigen wird. „Eine fundamentalistische Gruppe ist gewalttätig, selbst wenn sie niemanden tötet und niemanden schlägt. Die mentale Struktur des Fundamentalismus ist Gewalt im Namen Gottes“, sagte der Kirchenoberhaupt im Interview mit "La Vanguardia" am 13. Juni 2014.

Wenn jemand homosexuell ist und Gott sucht und guten Willen hat, wer bin ich, ihn zu verurteilen?“, fragte Pontifex auf dem Rückflug vom Weltjugendtag 2013.  

Foto: © Das Baltikum-Blatt / AWSiebert