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Scharfe Kritik an Holocaust-Ausstellung in Estland

Umstrittene Satire zur Reklame mit KZ-MotivenUmstrittene Satire zur Reklame mit KZ-MotivenVon Aino Siebert

Die jüdische Gemeinde in Estland ist irritiert über eine Holocaust-Ausstellung, die zur Zeit in der Universitätsstadt Tartu gezeigt wird. Die Ausstellung hat in den internationalen Medien für Empörung gesorgt. Auch das Wiesenthal-Zentrum in Jerusalem kritisiert scharf die Ausstellung „Mein Polen – Erinnerung und Vergessen“, die im Kunstmuseum von Tartu eröffnet wurde.

Wie Ephraim Zuroff gegenüber dem Estnischem Nationalen Rundfunk (err) sagte, sei die Ausstellung anstößig: „Fangen spielende nackte Menschen in der Gaskammer sind nicht witzig. Dies rufe eher kranken Hohn über den Massenvernichtung an europäischen Juden heraus. Ein derart „perverser Humor“ habe in keinem Land der Welt Platz, und schon gar nicht in einem Land, wo auch einheimische Kollaborateure beim Holocaust mitgewirkt haben ,“ zitiert err den Chef des Wiesenthal-Zentrums.

Vor allem haben zwei Videos des polnischen Autors Artur Żmijewski schärfste Kritik hervorgerufen. In einem spielt eine Gruppe nackter Personen in der Gaskammer von Auschwitz und in dem anderen „erfrischt“ ein alter, 92-jähriger Mann, früher Gefangener in den Konzentrationslagern (KZ) unter Druck des Künstlers seine Tätöwierungsnummer.

Der Kurator der Ausstellung, Rael Artel brachte vor, das Museum wollte bewusst das Trauma mit Humor behandeln. Er machte darauf aufmerksam, dass es inder Kunst keinen Zensur gibt. Artel entschuldigte sich bei denen, deren Gefühle verletzt worden seien und versicherte, dass die kontroversen Installationen nur auf Verlangen des Besuchers und mit Erklärungen des Kurators gezeigt werden. „Wir möchten die Besucher an die menschenverachtenden Verbrechen in Polen, Estland und in der ganzen Welt erinnern und wünschen, dass alle nachdenken, wie wir unsere Welt so gestalten können, dass sich solche grausame Verbrechen nicht wiederholen,“ versicherte Artel.

Immer wieder unsensibel
Die estnische Boulevardzeitung Eesti Ekspress (EE) hat vor einige Jahren eine Anzeige abgedruckt, in der mit einem Buchenwald-Bild für Schlankheitspillen „geworben“ wird. Davor offerierte eine estnische Gasfirma ihre Dienste mit einem Foto des Eingangstors zum Vernichtungslager Auschwitz mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“ und dem Spruch „Gasheizung – flexibel, komfortabel und effektiv“. Der Tageszeitung Eesti Päevaleht zufolge sagte der Geschäftsführer damals, für ihn assoziiere sich die Gasheizung mit dem Holocaust: „Wir hören ja oft Witze, dass Hitler wegen seiner Gasrechnung Selbstmord begangen habe.“ Die Firma nahm die Anzeige schließlich mit einer Entschuldigung von ihrer Website.

Auch wollten die Journalisten von Rubrik „kranaat“ des EE besonderes witzig sein und sich über die gescheiterten Gaswerbung lustig machen. Nur traten sie dabei in ein noch größeres Fettnäpfchen. Ohne jeglichen Respekt gegenüber den Opfern schrieben die Redakteure in der Ausgabe vom 30. August 2012: „SS-Werbungsclub. In der vergangenen Wochen hat ein Mitglied der Partei IRL (konservative ProPatria&Respublica Union) für sein Unternehmen Werbung mit einem Foto vom Konzentrationslager (KZ) Auschwitz gemacht. In der Dritten Reich gab es noch weitere berüchtigte Vernichtungslager, die für die estnische Gewerbe von Interesse sein könnten.

Danach kommt ein Bild, wo eine Schwarz-Weiß-Fotografie abgemagerte Häftlinge des KZ Buchenwald zeigt. Über dem Foto steht „Eins zwei drei“ und darunter ist auf Estnisch geschrieben: „Dr. Mengeles Schlankheitspillen bewirken Wunder. In Buchenwald gab es keine dicken Menschen.“

Kann jemand über so einen Witz lachen? Kaum! Der Abdruck zeigt vor allem, dass die Journalisten nicht wissen, welch menschliches Leid der Nationalsozialismus bei Millionen Menschen verursachte, was in Auschwitz, Buchenwald und anderen Vernichtungslagern passierte oder wer Doktor Mengele war.

Ist die deutsche Gesellschaft paranoid?
Ebenfalls schrieb ein anderer Publizist des EE, dass ihm von den Olympischen Spielen in London vor allem der Fall Nadja Drygalla in Erinnerung bleibt. Der Verfasser des Meinungsartikels konnte nicht begreifen, dass die deutsche Ruderin die internationale Sportereignis vorzeitig verließ, weil Journalisten herausfanden, dass ihr langjähriger Lebensgefährte ein aktiver Neonazi ist. Der Este schreibt am 16. August 2012: „Die Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) ist in der Bundesrepublik eine legale Partei. … (Drygallas Verlassen des Olympiadorfs) wirft die Frage über die Standfestigkeit unserer Gesellschaft auf. Sowohl im estnischen als auch im deutschen Grundgesetz ist das Recht auf das Unantastbarkeit des Privatlebens und Meinungsfreiheit verankert. Wenn wir anfangen in der Vergangenheit eines junges Mädchens zu wühlen und ihr die Meinungen ihres geliebten Mannes vorzuwerfen, ist das ein Eindringen in ihr Privatleben. … (In diesem konkreten Fall geht es um) die Paranoia der deutschen Gesellschaft, wo die Begriffe wie „Meinungsfreiheit“ oder „Menschenwürde“ immer mehr relativiert werden.“

Der estnische Journalist geht mit einem Leichtigkeit mit den Straftaten der Neonazis um. Er hat den Kern der Debatte in Deutschland nicht erfasst: Den Umgang mit rechtsextremem Gedankengut in der Gesellschaft. Wie passen die Gewalttaten der Neonazis und das Wort „Menschenwürde“ zusammen? Die Amadeu Antonio Stiftung in Deutschland veröffentlicht regelmäßig die beängstigende Analysen der Opfer rechter Gewalt. Von der Menschenwürde bei Neonazis zu reden ist schlicht herabwürdigend.

Wenn danach noch bekannt wird, dass ein der Justiz bekannter Neonazi im Bett einer Olympiasportlerin ist, dann ändert sich das Private zum Politischen. Wer sich als öffentliche Person mit Vorbildfunktion für die Jugend, bekennende Rechtsradikaler als Freund hat, muss damit rechnen, dass diese Wahl kritisch hinterfragt wird.

Es stellt sich außerdem die Frage: Hätte der estnische Publizist auch dann der Gesellschaft Paranoia vorgeworfen, wenn in der russischen Olympiamannschaft ein junges schönes Mädchen gewesen wäre, deren Freund aktiv die von Stalin angeordnete Deportationen der Esten und kommunistische Okkupation von Estland als positiv und im politisch notwendigen Geist propagiert hätte? Oder wie hätten die Esten reagiert, wenn in einer deutschen Zeitung ein Werbewitz mit estnischen Deportierten oder dem Präsidenten Konstantin Päts in der russischen Foltergefängnis veröffentlicht wurde?

Zum Schutz der Demokratie müssen die Verharmlosung oder sogar Verherrlichung von Nationalsozialismus und Kommunismus nachdrücklich bekämpft werden. Das sind wir auch den Millionen Opfern der beiden Diktaturen schuldig. Wir sind den Opfern aber auch schuldig, dass wir mit ihrem unendlichen Leid respektvoll umgehen.

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