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Litauen: In Paneriai`s ehemaligem KZ eine Fluchtanlage entdeckt

Veröffentlicht: 02. Juli 2016

Hier wurden die ausgegrabenen Opfer zur Beweisvernichtung verbranntHier wurden die ausgegrabenen Opfer zur Beweisvernichtung verbranntEinem Forscherteam ist nach langer Suche nun gelungen auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers der Nazis, Paneriai (auch Ponary oder Ponar) eine Fluchtanlage zu entdecken. Durch den mit Löffeln und bloßen Händen gegrabenen Unterführung versuchten im Vernichtungslager festgehaltene Menschen dem Massenmord zu entgehen.

In Paneriai bei Hauptstadt Vilnius wurden im Zweiten Weltkrieg während der Okkupation Litauens durch Nazi-Deutschland rund hunderttausend Menschen von Erschießungskommandos der Deutschen, der Schutztafel (SS) und litauischen Kollaborateuren ermordet, darunter 70.000 Juden. Nach dem Einmarsch der Roten Armee versuchten die Hitler-Männer, die Spuren ihren Untaten zu vernichten und zwangen eine Gruppe von 80 Gefangener die Leichen der Ermordeten auszugraben. Danach musste die Truppe tiefe Erdlöcher schaufeln, um dort die sterbliche Überreste ihren getöteten Mitgefangenen zu verbrennen. Die Arbeit dauerte mehrere Monaten an. Die Häftlinge ahnten, dass man sie auch später töten würde und bauten heimlich mit bloßen Händen und bei den Toten entdeckten Löffeln einen bis zu 35 Meter tiefen unterirdischen Fluchtweg. Der Ausbruch fand in der Nacht zum 15. April 1944 statt. Doch nur elf Personen ist das Entkommen tatsächlich gelungen, 40 Menschen wurden auf ihrer Flucht von den Nazis getötet.

Nach dem Krieg wurde mehrfach versucht, den Fluchttunnel zu finden. Jetzt, nach über 70 Jahren konnten Archäologen mittels der Geoelektronik ihn ausfindig machen, teilte die israelische Altertumsbehörde mit.

Geplant ist, dass der aufgedeckte Tunnel auf Informationstafeln und in Ausstellungen gezeigt wird oder sogar Teil eines beaufsichtigtes Museum in Paneriai wird, so der Leiter des staatlichen jüdischen Museums in Vilnius.

Info:

Aukštieji Paneriai (auch Ponary oder Ponar), ein südwestlicher Teil der litauischen Hauptstadt Vilnius liegt in einem waldreichen Gebiet. Früher ein bekannter und beliebter Ausflugsort der Stadtbevölkerung, wurde er ab Herbst 1941 zum Schauplatz einer Massenvernichtung von baltischen Juden. Die Sowjets, die 1940 gemäß Hitler-Stalin Paktes schon vor den Deutschen das baltisches Land besetzt haben, hatten dort große Gruben ausgehoben, in denen Treibstoff gelagert werden sollte. Als die Deutschen im Juli 1941 die Rote Armee vertrieb und Litauen okkupierte, benutzten die Nazis diese Gruben als Massengräber für Juden, sowjetische Kriegsgefangene sowie litauische und polnische politische Häftlinge.

Die Opfer wurden mit Lastwagen oder mit der Eisenbahn nach Paneriai transportiert. Die knapp 5000 Quadratmeter große Erschießungsstätte war abgesperrt und das Gelände vermint. Rund 100 litauische Schützen waren um das Waldstück postiert. Die Dimension der Menschenvernichtung wurde schon dadurch deutlich, dass sich bereits im Herbst 1941 nach fast viermonatigem Morden mehr als sechs Tonnen Kleidung angesammelt hatten. Bis Ende Dezember 1941 wurden drei Viertel der Juden von Vilnius ermordet. Im Dezember 1943 wurden unter dem Befehl von Franz Murer im Rahmen der Sonderaktion 1005 die Massengräber geöffnet und die Leichen verbrannt, um die Spuren zu vernichten. Am Ort der Massenerschießung befindet sich eine polnische Gedenkstätte, die am Ort selbst nicht ausgeschildert ist.

Im Juni 2016 wurde bekannt, dass ein internationales Archäologenteam auf dem Gelände der Vernichtungsstätte einen Fluchttunnel entdeckt hatte. Durch diese heimlich gegrabene Unterführung hatten damals mehr als drei Dutzend Juden versucht dem Massenmord zu entkommen. (Iltalehti/Wikipedia/asie)

Foto: © Gregor Jamrovski / Wikimedia