Das Baltikum-Blatt

Baltikum

Litauen stoppt Putins Wölfe

Veröffentlicht: 30. April 2015

 

Alexander Saldostanow mit Wladimir Putin im Jahr 2012Alexander Saldostanow mit Wladimir Putin im Jahr 2012Die Mitglieder des russischen Motorradclubs „Die Nachtwölfe“ („Nochnye Wolki“) sind auf Europa-Tournee. Doch die europäische Ländern wollen sie nicht willkommen heißen.

Irgendwie erinnert schon der Name der Gruppe an das dunkelste Kapitel Russlands, an die Zeit, als die politische Polizei NKWD während der stalinistische Säuberungen der 1930er Jahren die Opfern nachts zu Verhören und Erschießungen abholte.

Nach einem Einreiseverbot in Polen hat auch Litauen an seiner Grenze mutmaßliche „Wölfe“ gestoppt. Acht Bikern wurde an den Grenzen zu Weißrussland und zur russischen Enklave Kaliningrad (ehemals Königsberg) die Einreise verweigert.

Die von Russlands Präsident Wladimir Putin unterstützten Clubmitglieder möchten aus Anlass des Sieges über Nazi-Deutschland vor 70 Jahren den 6000 Kilometer langen Weg der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg von Moskau aus diagonal durch Ost- und Mitteleuropa nachfahren.

Die Wölfe haben jedoch keine geschichtliche Vorlage: Stalins rote Soldaten rückten bei ihrem Vormarsch auf Hitlers Berlin auf einer mehrere hundert Kilometer breiten Front nach Westen vor. Dabei haben die Rotarmisten Höfe beraubt und Millionen Frauen vergewaltigt.

Das Ziel der Russen auf zwei Rädern ist es, am 9. Mai, wenn in Moskau das Ende des Zweiten Weltkrieges (in Russland: Großer Vaterländischer Krieg) prunkvoll mit einer Militärparade gefeiert wird, in Berlin zu sein. Man kann noch darüber spekulieren, ob die Biker-Wölfe die sowjetische Fahne auf dem Reichstag, heute dem Sitz des Bundestages, erneut aufziehen wollen.

Nicht nur Hitler, sondern auch Stalin hat den Zweiten Weltkrieg begonnen

Die russischen Biker nehmen auch nicht zur Kenntnis, dass das Ende des Zweiten Weltkriegs in Polen und Litauen nicht nur als Befreiung von den Nazis, sondern auch als Beginn der Sowjetherrschaft über ihr Land empfunden wird. Vor allem hat man in Polen noch gut in Erinnerung, dass nicht nur der deutsche Führer Adolf Hitler das Land 1939 überfallen hat und damit den Krieg auslöste, sondern auch der sowjetische Wozdj (Führer) Jossif Stalin. Die Diktatoren hatten gemäß dem am 23. August 1939 in Moskau abgeschlossenen Hitler-Stalin Pakt Polen unter sich aufgeteilt und es danach gleichzeitig angegriffen.

Aus der russischen Geschichte ist auch das Massaker von Katyn zwischen dem 3. April und dem 19. Mai 1940 verschwunden. Genau so wie alle andere Verbrechen der (Sowjet)-Russen gegen die Menschlichkeit. Damals wurden rund 4400 polnische Offiziere in einem Wald bei dem Dorf Katyn, 20 Kilometer westlich von Smolenks, ermordet. Dieser Massenmord gehört zu einer Serie grausamer Tötungen von bis 25.000 Berufs- oder Reserveoffizieren, Polizisten und anderen Staatsbürgern Polens an mindestens fünf verschiedenen Orten in den damaligen Sowjetrepubliken Russland, Ukraine und Weißrussland. Die Mordserie wurde auf Initiative von Stalin befohlen.

Die polnische Ministerpräsidentin Ewa Kopacz hatte die am Samstag (25. April) begonnene Spritztour der kremltreuen Nationalisten als eine "einzige Provokation" benannt. Es ist gut und notwendig, dass die Welt sich an die Naziopfern erinnert und sich vor ihnen verneigt. Doch die Millionen Opfern der kommunistischen Regime sind genau so viel Wert, dass man sie nicht vergisst. Aus dem russischen Gedächtnis sind sie längst ausgeklammert.

Chef der Nachtwölfe ist Alexander Saldostanow (53), ein russisch-orthodoxer Nationalist, der den rund 5000 Mann starken Bikergruppe in eine private Leibwache des Kremlchef verwandelt hat. Seine Männer befürworten die von Putin verordnete Homophobie und Großmachtbestrebungen und unterstützen die prorussische Separatisten in der Ostukraine im Kampf gegen die Kiewer Regierung.

Deutschland will die "Spitzenmitglieder" des Motorradclubs ebenso wie Finnland nicht einreisen lassen. Die provokative Aktion der putin-treuen Biker droht mittlerweile das Gedenken an den Sieg über Nazi-Deutschland und die Millionen von Kriegstoten auf allen Seiten zu überschatten.

Foto: © Wikipedia/Premierministeramt Russlands