Das Baltikum-Blatt

Baltikum

Litauens Angst vor einem russischen Einmarsch

Veröffentlicht: 27. Januar 2015

Infobroschüre mit ÜberlebensanleitungenIm Angesicht der andauernden blutigen militärischen Auseinandersetzungen in der Ost-Ukraine haben auch die Bürger in Litauen Angst vor einem möglichen Einmarsch der russischen Truppen.

Die Befürchtung geht so weit, dass der Verteidigungsminister Juozas Olekas, früher Microchirurg, eine, fast 100 Seiten dicke Infobroschüre herausgegeben hat, in dem Ratschläge erteilt werden, wie die Menschen während in einer Notlage, oder auch einem Krieg zurecht kommen können. Das Büchlein heißt „Ką turime žinoti apie pasirengimą ekstremaliosioms situacijoms ir karo metui“. Konkret geht es in der Lektüre um Überlebenskünste in einem „hybriden Krieg“.

Den Menschen, welche die sowjetische Okkupation selbst nicht erlebt haben, kann die Broschüre seltsam, sogar lächerlich vorkommen. Doch die Politik muss die Ängste der Bürger ernst nehmen. Wenn die Ratgeber die Litauer beruhigen wird, hat die Lektüre ihren Ziel erreicht.

Gefühlte Bedrohung vor „grünen Männchen“ aus Russland
Man spricht von einer „hybriden Kriegsführung“, wenn der Gegner sich nicht eindeutig zu erkennen gibt. Seit der Ukraine-Krise kennt die Weltöffentlichkeit die „grünen Männchen“, die Soldaten ohne russische Abzeichen, die auf der Schwarzmeer-Halbinsel Krim geholfen haben, das ukrainischen Territorium zu besetzen und später durch Scheinreferendum an Russland anzugliedern. Obwohl Präsident Wladimir Putin zuerst energisch seine Krieger auf der Krim verleugnete, gab er nach dem geglückten Annexion fast mit Schadenfreude während eines Pressekonferenzen in Moskau zu, dass die maskierten Männer selbstverständlich Russen waren. Die Aufgabe der camouflierten Russen war es Probleme zu schaffen, die sie dann mit ihren militärischen Mitteln ausbeuten könnten.

Der Hommandeur der westlichen Verteidigungsallianz NATO, Philip Breedlove sprach von den „erstaunlichsten Blitzkriegshandlungen des Informationskriegs“. Der General brachte vor, man müsse solche Taktiken der hybriden Kriegsführung in der Zukunft mit einbeziehen, in denen man eine Aggression nicht mehr einem nationalen Feind zuordnen könne.

Die Vermutungen, dass auch die prorussische Separatisten in der Ost-Ukraine gemeinsam mit Soldaten aus Russland kämpfen und schweres Kriegsgerät aus dem Putin-Reich bekommen, wurde von Moskau bis jetzt nicht bestätigt, obwohl die Aufständischen selbst daraus keinen Hehl machten. Im Gegenteil, sie brüsten sich sogar damit.

Putin will nicht einlenken
Der jüngste Eskalation in der Region, Raketenangriffe auf die Hafenstadt Mariupol zeigten, dass eine Ende der blutigen Auseinandersetzungen nicht im Sicht ist. Eine alte Frage wird wieder aktuell – wie weit will Putin gehen? Ob er sich mit ostukrainischen Region zufrieden gibt oder nach mehr Hunger hat?

Nach Angaben der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) wurden die Raketen aus dem Gebiet der Aufständischen abgeschossen. Dabei waren am Wochenende rund 30 Menschen ums Leben gekommen. Separatistenführer Alexander Sachartschenko hatte am Freitag (23. Januar) eine Offensive angekündigt und am nächsten Tag nach dem Raketeneinschlag festgelegt, es habe eine Offensive auf Mariupol begonnen. Später bestritt er wiederum, einen Angriff mit vielen toten Zivilisten befohlen zu haben. Der für politische Angelegenheiten zuständige stellvertretende UN-Generalsekretär Jeffrey Feltman warf den Separatisten Kriegsverbrechen vor.

Die 28 Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union (EU) möchten nun den Druck auf Russland erhöhen. Die Rede ist von «weiteren restriktiven Massnahmen». EU-Lenker wollen damit erreichen, dass Moskau das Vorgehen der Separatisten verurteilt und das Minsker Abkommen in die Praxis umsetzt. Doch es besteht kaum Hoffnung, dass Putin den neuen angedrohten Druck ernst nehmen wird. Statt einzulenken, reagierte Moskau mit neuen Vorwürfen gegen die ukrainische Regierung und gegen die NATO. Vor Studenten in Sankt Petersburg sagte Putin, Kiew wolle den Konflikt nicht friedlich lösen. Die Waffenruhe sei nur zur Neuaufstellung der Streitkräfte genutzt worden. Zudem bezeichnete Kremlchef die ukrainische Armee als Fremdenlegion der NATO, deren Ziel sei es Russland geopolitisch einzudämmen. „Das stimmt mit den nationalen Interessen des ukrainischen Volkes überhaupt nicht überein,“ behauptete der Ex-Geheimdienstler, der gelernt hat, Menschen zu manipulieren und instrumentalisieren.