Das Baltikum-Blatt

Kultur

Ein Konzert – mitreißend und anstrengend

Arvo Pärt Arvo Pärt Von Ülo Salm, Berlin

2015 ist das Jahr, in dem zwei weltberühmte zeitgenössische Komponisten jeweils ihren achtzigsten Geburtstag feiern: Der bei allen deutschen Liebhabern moderner Musik und bei Musikfreunden in aller Welt bekannte und verehrte estnische Komponist Arvo Pärt und der berühmte und erfolgreiche georgische Komponist Giya Kancheli. Beide Stars am Musikhimmel sind nicht nur gleich alt, sondern auch miteinander befreundet. Pärt lebt in Berlin. Er hatte 1980 als „Störer des Systems“ Estland verlassen müssen. Kancheli hatte sein Leben bis zum Zusammenbruch des Sowjetsystems in seiner Heimat verbracht und seitdem seinen Wohnsitz in Belgien.

Auf Initiative der Botschaft Georgiens und ihres Kulturattachés, der Pianistin Dudana Mazmanishvili, kam es zu Ehren beider Komponisten am Sonnabend, dem 22. August, zu einer großartigen Konzertveranstaltung im Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlins Mitte. Es spielte das Orchester New Georgian Philharmonic. Der Chor bestand aus Mitarbeitern der in Berlin ansässigen Botschaften mit vielen Mitgliedern aus den Vertretungen Georgiens, Estlands und Russlands. Beider Leistungen waren großartig.

Eröffnet hatte mit einer leicht politisch gefärbten und dabei sehr positiven Ansprache der Pate des Abends, der bekannte Journalist und Fernsehmoderator Ulrich Deppendorf. Die Kompositionen von Pärt wurden von Andres Mustonen dirigiert, der auf Anregung des estnischen Kulturattachés Harry Liivrand engagiert worden und aus Estland angereist war. Die Stücke Kanchelis übernahm der georgische Dirigent Nikoloz Rachveli.

Dieser eröffnete das Konzert mit Filmmusik aus „Warzone“ – dramatisch, aufrührend und mit großem emotionalem Einsatz der Orchestermitglieder und des Dirigenten mit einer geradezu körperlich spürbaren Nähe zwischen beiden dargebracht. Ausgleichend für manchen Besucher, der eher sanfte Klassik bevorzugt, war das anschließende Stück für Streichinstrumente zu Ehren des verstorbenen estnischen Präsidenten Lennart Meri „Für Lennart in memoriam“, gefolgt von einem temperamentvolleren Werk Pärts für Streicher mit dem Titel „Trisagion“. Vor der inzwischen von manchem Besucher ersehnten Pause (es war keine Musik zum entspannten Zurücklehnen) gab es noch ein „Silent Prayer“ Kanchelis für Streichinstrumente, Vibraphon und Tonband. Man sieht, dass dankenswerter Weise keine Angst vor unkonventionellen Methoden herrschte.

Die Erwartung des Publikums, wann denn nun der Chor zum Einsatz käme, wurde nunmehr befriedigt, und zwar zunächst mit „Credo“ von Pärt für Klavier, Chor und Orchester und zum Abschluss „Styx“ von Kancheli für Viola, Chor und Orchester. Dabei zeigte sich Mustonen über sein eigentliches Fach als Dirigent hinaus als begnadeter Geiger. Der Chor war erstaunlich professionell, hervorragend eingeübt und brillierte in den sanften Tonlagen wie auch im Fortissimo.

Alles in allem war es hochinteressant, aber auch ein wenig anstrengend, rund drei Stunden (einschließlich Pause) der anspruchsvollen Musik zuzuhören. Was geboten wurde, war nichts zum Entspannen, sondern intensiv und fordernd. Ein schöner Abschluss war, dass der anwesende Giya Kancheli es sich nehmen ließ, die Bühne zu erklimmen, Orchester und Chor zu danken und das Publikum zu grüßen, dass ihn mit riesigem Beifall feierte und den gleichen Beifall auch den Musikern und Sängern zollte.

Es bleibt zu wünschen, dass uns die kulturelle Zusammenarbeit zwischen georgischer und estnischer Botschaft auch künftig so eindrucksvolle und großartige Veranstaltungen beschert.

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